Klio war ein Sehnsuchtsort für Generationen – am Samstag schliesst der Zürcher Buchladen für immerFür den Germanisten Philipp Theisohn ist klar, was davon zu halten ist: «Für mich ist es ein Weltuntergang.» Höchste Zeit für einen finalen Besuch in einer der letzten wissenschaftlichen Buchhandlungen der Schweiz.26.08.2026, 05.07 Uhr6 LeseminutenAm Samstag ist Schluss: Die Klio-Gründer Christine Heiniger und Christoph von der Crone im Antiquariat ihres Ladens an der Zähringerstrasse in Zürich.Sabine RockEs ist ein Ort der Langsamkeit. «Ich lasse mir noch etwas Zeit mit Durchschauen», sagt ein älterer Herr an einem Vormittag zur Verkäuferin. «Ja natürlich, bis 18 Uhr 30 haben Sie Zeit heute», erhält er zur Antwort. Keine Eile, keine Hektik. Das Summen des Ventilators ist zu hören, das Rascheln von Buchseiten beim Blättern, ab und zu klingelt die Kasse. Sonst nichts. Bis auf den Lärm eines Presslufthammers in der Zähringerstrasse.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der Buchhandlung Klio beim Central in Zürich kann man immer noch auf rot-grauen Klappstühlen Platz nehmen und praktisch ungestört die grossen Denker und Schreiber in Händen halten. Zum Beispiel Schopenhauer: «So weilt Alles nur einen Augenblick und eilt dem Tode zu», schreibt er auf Seite 560 im zweiten Teilband von «Die Welt als Wille und Vorstellung II».Oder Rüdiger Safranski über Schopenhauer und «Die wilden Jahre der Philosophie», wo es auf Seite 211 heisst: «Die Verwirklichung ist nicht mehr der Wahrheitsbeweis der Idee» – für Schopenhauer eine «ungemein folgenreiche Gewissheit», so urteilt sein Biograf Safranski, denn die «moderne Verbindung von Idee und Verwirklichung der Idee hat hier keine Gültigkeit».Schwere Worte in einem Raum, der nach der griechischen Muse der Heldendichtung und der Geschichtsschreibung benannt ist.«Wir hatten eine sehr gute Zeit»Die Geschichte von Klio indes ist wenig erspriesslich: Die Zeit läuft ab. Am Samstag öffnen die Buchhandlung und das Antiquariat nebenan zum letzten Mal. Danach ist Schluss – nach 37 Jahren. Die Liegenschaft, in der sich auch ein Hotel befindet, wird saniert. Klio hat für die beiden Ladenlokale die Kündigung erhalten.Für Christine Heiniger und die anderen beiden Mitgründer war das ein Zeichen: Sie hören auf, ein paar Jahre früher als geplant. Die Inhaberin und die übrigen Mitarbeitenden des Buchladens sind alle im Pensionsalter. Heiniger sagt: «Der Betrieb funktioniert knapp. Mal besser, mal etwas weniger gut.» In ihrem Alter suche man sich kein neues Lokal in der Stadt. Eine bezahlbare Liegenschaft würde Klio ohnehin kaum finden. Erst recht nicht an dieser Lage unweit der ETH und der Universität Zürich und der Zentralbibliothek (ZB), wo Studenten, Dozentinnen und weitere Leserinnen und Leser mit einem Faible fürs Geistesleben jahrzehntelang ein- und ausgingen.Klio war ein Sehnsuchtsort für Generationen. Hier konnte man vor oder nach einem harten Tag an der Universität immer wieder staunend vor den dunklen Gestellen verweilen. Wie gerne würde man alles wissen, was in diesen Büchern steht! Wie gerne hätte man eine Bibliothek mit Klio-Büchern zu Hause. Oder wenigstens ein volles Regal mit Werken, die man alle gelesen hat im Studium.Es war eine Zeit, als das Internet noch keine unerschöpfliche Quelle des Wissens war. Sondern eine Erscheinung, mit der man kaum etwas anzufangen wusste: kreischende Modems, lange Wartezeiten am Röhrenbildschirm. Und in der ZB war häufig alles ausgeliehen, was man brauchte im Semester, da die anderen Studenten in den überfüllten Lehrveranstaltungen längst zugegriffen hatten.In solchen Momenten war Klio die Rettung. Dort waren die (oft teuren) Bücher fürs Studium garantiert zu haben. Das Geschäft lief prächtig. Heiniger sagt: «Wir hatten eine sehr gute Zeit.»Allein, man musste die Titel nicht nur kaufen, sondern auch durcharbeiten. Am Schreibtisch oder im Lesesaal verloren viele dieser Bücher die Strahlkraft, die sie im Laden noch zu haben versprochen hatten: zu dick, zu schwer, häufig schlecht geschrieben. Aber es ging nicht anders. «Lesen, lesen, lesen!», hatte ein Professor 1999 im ersten Semester gesagt, eine Koryphäe auf seinem Gebiet. Das wirkte. Schliesslich wollte man ein guter Student sein. Und bestehen.Opfer der DigitalisierungHeute ist das anders. Das Semestergeschäft gibt es schon lange nicht mehr. In den vergangenen Jahren lebte Klio vor allem von Bestellungen von Bibliotheken und Mittelschulen. Früher hatte Christine Heiniger im Spätsommer jeweils die wichtigsten Historiker, Germanistinnen, Politikwissenschafter der Universität angeschrieben, um gewappnet zu sein, wenn sich Studierende bei Klio eindeckten mit Material. Das kommentierte Vorlesungsverzeichnis war für die Buchhändlerin so etwas wie eine Bestellliste.Dann machten mehrere Zürcher Buchläden zu. Rohr im Oberdorf, die Romanica bei der Schifflände, die Christliche Vereinsbuchhandlung an der Badenerstrasse, Dangel gegenüber der Zentralbibliothek. Klio blieb und baute weitere Bestände auf: Altphilologie, Romanistik, Religionswissenschaft, Anglistik. Der Laden versteht sich als letzte wissenschaftliche Buchhandlung der Schweiz.Man ging mit der Zeit. Bei der Eröffnung 1989 diktierte der Mauerfall einen bedeutenden Teil der Themen. 2022, beim Beginn von Putins Angriffskrieg gegen Kiew, merkte Heiniger, dass Klio kaum etwas zur Ukraine hatte. Die Buchhändlerin reagierte, Bücher über Osteuropa wurden angeschafft, die Kundschaft verlangte danach.Aber die Verkaufszahlen gingen trotzdem zurück. Wissenschaft funktioniert digital, gedruckte Bücher werden im Hochschulbetrieb marginalisiert, auch in den Geisteswissenschaften. Seit der Bologna-Reform muss es schnell gehen. Einzelne Passagen oder Kapitel von Sachbüchern reichen.Mit Tragtaschen ins AntiquariatDas Leseverhalten hat sich verändert – sehr zum Leidwesen von bibliophilen Professorinnen und Professoren. Philipp Theisohn, der Leiter des Deutschen Seminars der Universität Zürich, sagt zur Schliessung von Klio: «Für mich ist es ein Weltuntergang.»Im Herbstsemester wird der Germanist ein Seminar zu Nietzsche anbieten («Philosophie, Poetik, Rezeption»). In der Online-Beschreibung der Lehrveranstaltung stand bis vor kurzem, dass vorab eine kritische Studienausgabe von Nietzsches Werk zu beschaffen sei. Mittlerweile ist – wie bei den meisten Lehrveranstaltungen – nur mehr von einem E-Reader die Rede, den der Dozent zur Verfügung stellen werde. 400 Seiten, alles online. Theisohn sagt: «Ich habe zu spät realisiert, dass die Kritische Studienausgabe im Buchhandel gar nicht mehr erhältlich ist.»Seit der Hiobsbotschaft ist der Literaturwissenschafter bereits mehrmals mit mehreren Papiertragtaschen an die Zähringerstrasse gepilgert. Und er werde das in den letzten Klio-Tagen schweren Herzens weiter tun, sagt Theisohn. Im Antiquariat sind schliesslich noch diverse Schätze zu haben. «Schillers sämtliche Werke in fünfzehn Bänden» etwa, aus der Cotta’schen Bibliothek der Weltliteratur, anno 1882. Für 15 Franken. Oder Ernst Bloch oder Bertolt Brecht für wenig Geld.«Man kauft eigentlich nichts, weil man es braucht, sondern weil man es retten will», sagt Theisohn. «In meiner Studienzeit wäre das alles sofort weg gewesen», sinniert der 52-Jährige. Auch diese Träume – eine eigene Bibliothek mit Klassikern! – gibt es offenbar immer weniger.Woran liegt das? Am Niedergang der Zürcher Germanistik, die nach der glänzenden Ära des unlängst verstorbenen Professors Peter von Matt in eine Sinnkrise geschlittert ist? Am Krebsgang der Geisteswissenschaften insgesamt, die die Mint-Offensive immer mehr zu spüren bekommen? Statt für Bücher sollen sich junge Menschen für Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik interessieren. Da liege die Zukunft der Schweizer Wirtschaft begründet, so heisst es seit Jahren vom Bundesrat bis zu Verfechtern von Mint-Projekten in Primarklassen. Idealisten, die sich für Geschichte und Literatur interessieren, haben es da oft schwer.Sie würde es wieder tun – in der damaligen ZeitHeiniger will trotz all diesen Entwicklungen nicht in Pessimismus verfallen. «Es ist halt anders als früher», sagt die Frau, die selber keine Freundin grosser Worte ist. Sie hat Geschichte an der Universität Zürich studiert. Lehrerin oder Journalistin wollte sie nicht werden. Also machte sie nach dem Liz eine Buchhändlerlehre, bevor sie mit ihren Partnern Klio gründete. Sie würde es wieder tun, sagt sie – in ihrer damaligen Zeit, in den 1980er Jahren. Aber nicht heute.Heiniger sagt: «Für eine wissenschaftliche Buchhandlung gibt es keinen Platz mehr.» Obwohl auch Studentinnen und Studenten bis zuletzt bei Klio einkauften, wie die Buchhändlerin betont. «Die sehr Interessierten kommen weiterhin zu uns.» Bis Samstag gibt es auf alle Bücher in beiden Läden 50 Prozent Rabatt.Und danach? Im Zürcher Niederdorf hält Calligramme die Stellung, eine weitere kleine Buchhandlung mit intellektuellem Flair. Dort sind die Regale bis unter die Decke gefüllt. Bei Klio hingegen hat der Ausverkauf der vergangenen Wochen sichtbare Lücken hinterlassen.Christine Heiniger kann sich ein Leben ohne Bücher nicht vorstellen. Eines ihrer Lieblinge: «King Cotton: Eine Geschichte des Kapitalismus» des deutsch-amerikanischen Historikers Sven Beckert. 525 Seiten, knapp 600 Gramm im Taschenbuchformat. Sachbücher müssten schon sehr schlecht geschrieben sein, dass sie sie nicht zu Ende lese, sagt die Klio-Gründerin. Sie wird bald mehr Zeit haben dafür.Passend zum Artikel
Sehnsuchtsort für Generationen: Die Zürcher Buchhandlung Klio schliesst für immer
Für den Germanisten Philipp Theisohn ist klar, was davon zu halten ist: «Für mich ist es ein Weltuntergang.» Höchste Zeit für einen finalen Besuch in einer der letzten wissenschaftlichen Buchhandlungen der Schweiz.







