Die Zerstörung des Rappenalptals auf 1,6 Kilometer Länge zählt zu den schlimmsten Naturfreveln in Bayern der vergangenen Jahre und hat Schlagzeilen weit über die Grenzen des Freistaats hinaus gemacht. Ziemlich genau vier Jahre nach der Ausbaggerung und Kanalisierung des Bergbachabschnitts im Süden von Oberstdorf (Landkreis Oberallgäu) sind sie in der Naturschutzszene jetzt optimistisch, dass sich das einzigartige und streng geschützte Naturjuwel wiederherstellen lässt, auch wenn bis dahin sicher noch eine Reihe von Jahren vergehen werden.Das sagt zumindest Thomas Frey vom Bund Naturschutz (BN). Er hatte den Naturfrevel mit der BN-Gruppe in Oberstdorf im Herbst 2022 öffentlich gemacht. Erst dieser Tage hat sich Frey wieder einige Abschnitte im Rappenalptal angesehen, in denen die rechtswidrige Kanalisierung des Bergbachs schon vor einiger Zeit rückgängig gemacht worden ist. „Alpen-Leinkraut, Kriechendes Gipskraut und alle möglichen anderen besonderen Pflanzenarten, die so typisch sind für naturbelassene Gebirgsbäche wie den Rappenalpbach, sind wieder da“, berichtet der BN-Mann. „Das stimmt uns zuversichtlich.“SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Auch von der Rotflügeligen Schnarrschrecke hat Frey zahlreiche Exemplare angetroffen. Die Heuschreckenart wird auf der Roten Liste als „stark gefährdet“ geführt und zählte, wie der Idas-Bläuling, Türks Dornschrecke oder der Thymian-Ameisenbläuling zu den vielen Charakter-Arten im Rappenalptal. Sie alle sind der Grund, warum der Bergbach und das Gebirgstal streng geschützt und nach deutschem wie nach europäischem Naturschutzrecht außerdem als Biotop klassifiziert sind. Die Ausbaggerung und Kanalisierung des Bergbachs hat die Lebensräume der vielen besonderen Pflanzen und Tierarten dort aber alle ruiniert.Der Rappenalpbach und das gleichnamige Tal von oben. Herbert Stadelmann/BNDabei zieht doch gerade die Naturbelassenheit des Rappenalptals Scharen von Besuchern an. Unten in ihm gurgelt der Bergbach, über ihm türmen sich eine Reihe bekannter Gipfel, der Biberkopf zum Beispiel, der Rappenseekopf oder die Rotgrundspitze. Im Sommer bevölkern denn auch nicht nur die Älpler und ihr Vieh die Rappenalpe. Sondern außerdem Wanderer, Bergsteiger und Mountainbiker, bisweilen in regelrechten Scharen. Die Schwarze Hütte etwa, die in dem 1,6 Kilometer langen, im Herbst 2022 zerstörten Abschnitt des Rappenalptals liegt, ist eine beliebte Einkehr bei Urlaubern und Tagesausflüglern.Den Anfang der Zerstörung machte ein heftiges Unwetter, das im August 2022 über dem Rappenalptal niederging. Binnen weniger Stunden schwoll der Gebirgsbach massiv an, er trat über seine Ufer und schwemmte, wie schon öfter in der Vergangenheit bei solchen Unwettern, Unmengen Sand, Geröll und Gestein auf die angrenzenden Viehweiden. Wenige Tage später trafen sich Vertreter der Alpgenossenschaft dort mit einem Mitarbeiter des Landratsamts, um zu beraten, wie sie mit den Schäden umgehen und die Uferflächen des Rappenalpbachs wiederherstellen sollten.Naturfrevel am Rappenalpbach:"So eindeutige Bilder sind sehr selten"Die Zerstörung des Rappenalpbachs erhitzt die Gemüter - nicht nur im Allgäu, sondern weit darüber hinaus. Die Biologin Christine Margraf erklärt, warum der Fall so immense Aufmerksamkeit erregt.Im September kam es dann im Auftrag der Älpler auf einer Länge von 1,6 Kilometern zu massiven Um- und Ausbauten des Rappenalpbachs. Der Gebirgsbach, der dort zuvor frei durch sein breites Kiesbett mäanderte, wurde mit schwerem Gerät ausgebaggert und kanalisiert. Entlang seiner Ufer türmten die Arbeiter meterhohe Dämme aus Geröll und Gestein auf. Das Bachbett selbst wurde, so die Ergebnisse einer späteren Rekonstruktion des BN, stellenweise um mehr als zweieinhalb Meter vertieft. An anderer Stelle wurden Kiesbänke eingeebnet. In der Folge fiel der Rappenalpbach stellenweise trocken.Der massive Um- und Ausbau eines streng geschützten Bergbachs, noch dazu inmitten des hochkarätigen Naturschutzgebiets Allgäuer Hochalpen, wäre niemals genehmigungsfähig gewesen. Darüber herrschte sofort Einigkeit bei Behörden, Fachstellen, Naturschützern und Politikern – von der damaligen Oberallgäuer Landrätin Indra Baier-Müller bis hinauf zu Umweltminister Thorsten Glauber (beide FW). Sowie die Arbeiten bekannt wurden, verhängte das Landratsamt Oberallgäu einen Baustopp, die Staatsanwaltschaft Kempten leitete ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf eine schwere Umweltstraftat gegen die Verantwortlichen ein.Kanalisiert und ausgebaggert: Der Rappenalpbach nach dem Naturfrevel vor vier Jahren. An seinen Ufern türmten sich meterhohe Wälle aus Kies und Geröll. Karl-Josef Hildenbrand/dpaDie Alpgenossenschaft erklärte von Anbeginn an, dass die Arbeiten aus ihrer Sicht sehr wohl genehmigt waren. Sie berief sich auf einen Aktenvermerk des Landratsamts über das Treffen, auf dem es um die Hochwasserschäden gegangen war. Diesen Vermerk habe man als Erlaubnis der späteren Arbeiten aufgefasst. „Für uns war das eine Baugenehmigung“, sagte der damalige Chef der Alpgenossenschaft in einem Interview. Zugleich attackierte er die Behörde. „Ich geh’ zum Landratsamt“, sagte er. „Die machen eine Fehlentscheidung. Und ich werd’ hintnach als Krimineller dargestellt.“Wie auch immer, die tatsächliche Verantwortung ließ sich nicht mehr klären. In dem Gerichtsverfahren, in dem es sich um die Wiederherstellung des Rappenalpbachs und deren Kosten ging, einigten sich Alpgenossenschaft und Freistaat schon vor drei Jahren auf einen Vergleich. Und der Strafprozess gegen die beiden verantwortlichen Alpmeister vor dem Landgericht Kempten blieb ohne Urteil. Er wurde im Juli 2024 gegen Geldauflagen von 5000 und 20 000 Euro eingestellt. Das Gericht hatte zuvor deutlich gemacht, dass seiner Überzeugung nach das Landratsamt großen Anteil an der Zerstörung des Naturjuwels hatte.Die Gesteinswälle an den Ufern sind wieder abgetragen worden, jetzt kann der Rappenalpbach wieder frei in seinem Bachbett mäandern. Naturschützer sind zuversichtlich, dass die Sanierung des Naturjuwels gelingt. Thomas Frey/BNDer BN wiederum wollte sich nicht nur mit der ersten, vor drei Jahren passierten Wiederherstellung des 1,6 Kilometer langen Rappenalpbach-Abschnitts abfinden. Zumal sie aus seiner Sicht bei Weitem nicht ausgereicht hat. Der BN drohte deshalb bis zuletzt mit einem weiteren Gang vor Gericht, sollten sich Landratsamt und Alpgenossenschaft dagegen sperren. Zugleich forderte der BN die Renaturierung eines Auwalds im unteren Bereich der Rappenalpe als Ausgleich für die tatenlos verstrichene Zeit. Das 6,5 Hektar große Waldstück gehört dem Freistaat und wird von den Bayerischen Staatsforsten bewirtschaftet.Die Hartnäckigkeit des BN hat sich ausbezahlt. Diesen Sommer hat das Landratsamt erneut Renaturierungen ausführen lassen. Und zwar auch für den früheren Auwald. „Mit den jetzigen Arbeiten schaffen wir die Voraussetzungen, dass natürliche Prozesse wie Hochwasser und Geschiebetransport in dem Wildbach wieder stärker greifen können“, sagt der Oberallgäuer Landrat Christian Wilhelm (ebenfalls FW). Wie der BN verweist er darauf, dass die endgültige Wiederherstellung des Naturjuwels aber dauern wird. „Natur lässt sich nicht auf einen festen Zeitpunkt terminieren“, sagt Wilhelm. „Gerade bei einem Wildbach braucht die Entwicklung Zeit.“
Rappenalpbach im Allgäu: Schlimmer Naturfrevel wohl erfolgreich behoben
Vor vier Jahren wurde der Rappenalpbach illegal kanalisiert. Nun fließt der streng geschützte Bergbach wieder in seinem alten Bett. Die vollständige Renaturierung des Naturjuwels kann aber noch Jahre dauern.






