Die Münchener Neobank Scalable Capital rühmt sich, als erste Bank Europas von diesem Dienstag an die Konten ihrer Kunden direkt mit KI-Assistenten zu verknüpfen. Alle gängigen Assistenten wie ChatGPT von Open AI, Claude von Anthropic oder Grok von SpaceX AI seien möglich. KI-Assistenten könnten tiefe Portfolio-Analysen für den Kunden erstellen. „Agentic Investing ist der größte technologische Sprung in der Finanztechnologie seit dem Internet-Banking“, wird Erik Podzuweit, Gründer und Co-CEO von Scalable Capital zitiert. „Mit der Öffnung unserer Plattform setzen wir den Standard für die Interaktion zwischen Mensch, KI und Kapitalmarkt.“Auf die Rückfrage, wie viel Geld denn die KI-Anbieter dafür bekommen, dass sie nun auf alle sensiblen Daten der Scalable-Kunden zugreifen können, heißt es, sie bekämen dafür kein Geld. Es sei rein freiwillig, die Konten und Depots für die Verknüpfung mit der KI freizuschalten. Diese habe dann auf individuelle Portfolio-Daten und Ausführungen des Kunden Zugriff. Je nach gewählter KI könnten für deren Nutzung Gebühren für den Kunden anfallen.„Wir können nicht kontrollieren, was der KI-Agent macht“In Deutschland redet man bekanntlich nicht über Geld. Der Schutz privater Finanzen vor dem Blick von Nachbarn, Freunden oder gar der eigenen Familie scheint indes nicht für die KI zu gelten – dem Freund und Helfer in allen Lebenslagen. Eine Nachfrage bei Bitpanda, Europas größtem Bitcoin-Anbieter, der schon seit Anfang August eine Verknüpfung von Kundendaten und KI zulässt (aber keine Bank ist und deswegen der Scalable-Behauptung als erster Bank mit KI-Verknüpfung nicht im Wege steht), ergibt, dass die überragende Zahl der Nutzer vor allem das „Read only“ nutzt, also der Künstlichen Intelligenz Einblick in die Depots und Transaktionen der vergangenen Jahre gewährt, um daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten.Christian Trummer, Mitgründer von Bitpanda, deren langjähriger Technologie-Chef und heutiger „Chief Scientist“ sieht große Chancen in der KI-Nutzung, spricht aber auch klar und deutlich von den Risiken. „Die KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, sie liefert also keine garantiert richtigen Informationen“, sagt Trummer. „In unseren Tests wurden durchaus mal Euro und Prozent verwechselt.“ Auch rät Trummer dazu, der KI klare Grenzen zu setzen, wenn sie mit Anweisungen zu Kauf- und Verkaufsaktivitäten ausgestattet wird, was nun bei Scalable und Bitpanda möglich wäre.„Sie gehen ja auch nicht zu irgendeinem menschlichen Bankberater und sagen: Mach, was du willst.“ Trummer rät zu klaren Limits für Wertpapierkäufe, die der KI gesetzt werden. „Und es ist Aufgabe des Kunden, das Handeln des KI-Agenten zu verfolgen und dem im Zweifel Einhalt zu gebieten. Das können wir technisch gar nicht kontrollieren, was der Agent macht und was die Anweisungen im Prompt waren.“Kreativität ist auch auf Nutzer-Seite nötigIn Zukunft werde es hier weitere deutliche Verbesserungen geben. „Anders als mancher Anleger ist der Agent auch nie faul“, sagt Trummer. „Ihn damit zu beauftragen, zum Beispiel auf das Rebalancing zwischen Aktien- und Anleihe-Gewicht im Depot zu achten oder regelmäßig bei bestimmten Schwellen Käufe oder Verkäufe durchzuführen, kann eine bessere Struktur ins Depot bringen.“Wie gut die Hinweise der KI sind, hängt immer stark auch vom Menschen ab, der sich mit ihr unterhält. Unsere etwas banale Testfrage, welche Aktie ich denn nun am besten kaufen solle, ergab die ebenso uninspirierte Antwort: MSCI-World-ETF, Microsoft, SAP und Nvidia. „Es ist immer Ergebnis der Kreativität von User und Agent“, sagt Trummer. Oft bringe der Agent aber auch eigene Ideen ein. „Er kann zum Beispiel Hinweise zu steuerlichen Auswirkungen einer Transaktion geben.“Dass die Daten des Kunden künftig dann großen Tech-Konzernen bekannt sind, räumt Trummer ein. „Meine gesamte Trade-Historie der vergangenen Jahre wird mittlerweile auf irgendeinem Open-AI-Server sein“, sagt Trummer. Die Vorteile überwiegen für ihn aber. „Wenn künftig alle meine Banken und Finanzdienstleister an die KI angeschlossen sind, kann ich dem KI-Agenten sagen, er soll immer, wenn mein Gehalt eingeht, sofort 300 Euro auf das Bitpanda-Konto überweisen und sofort nach Eintreffen Bitcoin dafür kaufen, den Sparplan künftig dreimal am Tag ausführen und immer montags die Finanzen-News durchschauen und auf dieser Basis einen Kauf oder Verkauf tätigen. Und mit meiner Kreditkarte wird er irgendwann bei Amazon für mich einkaufen, was ich brauche.“Geht künftig der digitale Traffic nur noch zur KI?Heute werde versucht, Menschen zu manipulieren, sagt Trummer. Künftig werde auch versucht, Agenten zu überlisten. Und auch eine Herausforderung fürs Unternehmen sieht er: „Heute öffne ich morgens als Erstes meine Bitpanda-App und schließe sie abends als Letztes. Künftig wird für viele Kunden der Weg zu den KI-Agenten führen und vielleicht gar nicht mehr auf unsere App, in der wir die Kunden über neue Produkte und Handels-Ideen informieren.“ Um zu den Gewinnern des KI-Trends zu gehören, sind sowohl Bitpanda wie auch Scalable Capital überzeugt, dass es besser ist, zu den Ersten zu gehören, die in der KI-Agenten-Welt einen Fußabdruck hinterlassen.Die Anleger indes sollten sich genau überlegen, ob für sie die zweifelsohne vorhandenen Vorteile der KI-Analyse des eigenen Depots und der persönlichen Finanzen die Risiken überwiegen und ob sie zu den ersten Versuchskaninchen gehören wollen, deren Daten zu den KI-Anbietern gelangen. Und sie müssen gut auf ihren KI-Agenten im Depot aufpassen und genau lesen, was sie ihm für Kompetenzen einräumen. Handlungsanweisungen sollten unmissverständlich formuliert sein.In der Regel wird die KI jede erstmalige Transaktion vom Kunden freigeben lassen müssen. Der Bankmitarbeiter aus Fleisch und Blut wird zwar auch nicht immer nur richtige Ratschläge geben, von gehäuft auftretenden Halluzinationen unter Bankkaufleuten ist bisher aber noch nichts bekannt.