Seit Erscheinen des ersten deutschen „Micky Maus“-Magazins vor 75 Jahren haben sich die weiblichen Figuren von Nebendarstellerinnen zu eigenständigen Charakteren entwickelt. Die Geschichte einer leisen Emanzipation.Auf der Spree ist einiges in Bewegung geraten. Ein Ausflugsboot fährt durch Berlin, im Hintergrund spannt sich die gläserne Architektur des Hauptbahnhofs über das Ufer. Auf und über dem Schiff sieht man sechs Frauen, die zusammen auf fast ein halbes Jahrtausend Entenhausener Comicgeschichte zurückblicken. Daisy Duck und Minnie Maus, Oma Duck, Klarabella Kuh, Gitta Gans und Gundel Gaukeley. Die Hexe schwebt, ihrem furiosen Charakter entsprechend, lieber mit dem Besen über den anderen. Aber alle sind unterwegs.Die spanische Disney-Zeichnerin Cynthia Campanario Pineda hat dieses Bild exklusiv für WELT geschaffen. Es ist eine ungewöhnliche Geburtstagskarte für das „Micky Maus“-Magazin und den deutschen Egmont-Ehapa-Media-Verlag, die in diesen Tagen beide 75 Jahre alt werden. „Endlich konnte ich einmal all die weiblichen Figuren aus Entenhausen zusammen zeichnen, wie sie auf eine Reise gehen“, sagt Pineda. Sie habe sich genau überlegt, wie sich jede von ihnen auf dem Boot verhalten würde.Vielleicht erzählt schon diese kleine Bemerkung mehr über den Wandel Entenhausens als alle Festreden. Denn lange traten die Frauen aus der Comic-Metropole meist einzeln auf, nur selten gemeinsam und noch seltener als eine Gesellschaft, die aus eigenem Antrieb zu etwas aufbricht. Meist waren sie Verlobte, Hausfrauen (Tradwives würde man sie heute nennen), Sekretärinnen, Tanten oder Gegenspielerinnen der Männer. In Pinedas Zeichnung dagegen stehen sie am Bug. Sie fahren – und fliegen – los.Am 29. August 1951 lag die erste deutsche Ausgabe am Kiosk, damals „Micky Maus – das bunte Monatsheft“ genannt. Zugleich begann die Geschichte des Ehapa‑Verlags. Das Heft erschien in Farbe in einer noch grauen Nachkriegsrepublik und wurde durch seine erste Chefredakteurin und Übersetzerin Erika Fuchs zu einer eigentümlichen Bildungsanstalt. Generationen von Kindern lernten dort das „Ächz“, „Schepper“, „Klirr“ und „Stöhn“, begegneten aber auch Goethe, Schiller und allerlei historischem Bildungsgut in Sprechblasen. Mehr als 1,3 Milliarden Exemplare wurden seither verkauft. Die Jubiläumsausgabe erscheint am 28. August. In der von Pineda gezeichneten Titelgeschichte „Tinte, Trubel, Turbulenzen“ lässt sie Daisy zwei Dinosaurier aus dem Vorgarten vertreiben.Die 33-Jährige sitzt am Bildschirm in ihrem Arbeitszimmer in Barcelona mit langen dunklen Haaren und einem weißen Sweatshirt, auf dem Goofy prangt. Hinter ihr stehen Comics in den Regalen, schwarz-weiße Micky-Zeichnungen ziehen sich über die Tapete, daneben wacht eine große Minnie-Figur im blauen, weiß gepunkteten Rock. Wenn Pineda spricht, holen ihre Arme weit aus. Man stellt sie sich genauso bei der Arbeit vor: als Dirigentin, die ihr Ensemble mit dem Zeichenstift anleitet.Lesen Sie auchSeit 2016 arbeitet die Spanierin für Egmont. Sie gehört zu einer Gruppe von etwa 15 europäischen Zeichnerinnen und Zeichnern, die Entenhausen-Geschichten illustrieren. Mit vier bekam sie ihre erste Staffelei geschenkt, später machte sie einen Abschluss in Bildender Kunst und absolvierte einen Disney-Comic-Zeichenkurs. Vor wenigen Wochen schickte Pineda Donald als rasenden Reporter durchs Ruhrgebiet. 2022 zeichnete sie anlässlich der Fußball-Europameisterschaft der Frauen die Story „Das entscheidende Spiel“, in der Daisy und Gitta mit „duckifizierten“ Nationalspielerinnen kicken.Lesen Sie auchPineda arbeitet modern, hält sich aber an die großen Vorgänger. Nur waren diese Comic-Ikonen und ihre Welten über Jahrzehnte fast ausschließlich von Männern wie Carl Barks, Floyd Gottfredson und vielen anderen geprägt. Frauen gebe es unter den Disney-Zeichnern heute zwar mehr, sagt Pineda, „aber es fühlt sich immer noch wenig an“. Dass sie in Interviews stets danach gefragt werde, zeige bereits, wie außergewöhnlich es noch immer sei.Verändert sich eine gezeichnete Frau automatisch, wenn eine Frau den Stift führt? Pineda widerspricht nicht. Ihr Mentor, Egmont-Art-Director Fernando Güell, habe ihr einen hilfreichen Satz mitgegeben: Wer Daisy zeichne, dürfe nicht einfach Donald mit Wimpern malen. Daisy laufe und gestikuliere anders, selbst ihre Wut sehe anders aus. Pineda achtet auf Haltung, Bewegung und Mimik. Nicht, um alle Frauen gleich zu zeichnen, sondern um ihre Unterschiede sichtbar zu machen.Wer nun schon beim Anblick von sechs Frauen auf einem Berliner Boot eine ideologische Sturmwarnung ausgibt, darf sich entspannen. Die Frauen von Entenhausen wurden weder eigens für eine neue Repräsentationsquote erfunden noch nachträglich ins Ensemble geschmuggelt. Sie waren längst da, sind es seit 75 Jahren. Was sich verändert hat, sind ihre Möglichkeiten.Nun wurde Disney zuletzt vor allem in seinen Filmproduktionen dafür kritisiert, oft zu Recht, Diversität und weibliche Stärke so übertrieben demonstrativ und marketinggetrieben zu inszenieren, dass darüber die Glaubwürdigkeit der Figuren litt. Pineda, die sich selbst als Teil der LGBT-Community sieht, sie ist mit einer Frau verheiratet, das Paar hat zwei Kinder, formuliert diese Kritik pointierter als mancher konservative Kommentator: In Disney-Animationsfilmen wie etwa „Strange World“ habe man den Eindruck, „als würde man alles, womit man inklusiv sein möchte, in einen Cocktailshaker werfen und auf einmal ausschütten“. Das wirke gezwungen.Lesen Sie auchDie Comics dagegen, sagt Pineda, entwickelten sich anders, langsamer, organischer. Wöchentlich oder alle zwei Wochen erscheinen neue Geschichten, und die Figuren verändern sich mit ihnen: nicht durch einen plötzlichen Rollenwechsel, sondern durch tausend kleine Verschiebungen über Jahre. Kein Regisseur ruft „Achtung, jetzt kommt die starke Frau“. Es sei ein Prozess, kein „wokes“ Programm.Am deutlichsten lässt sich das an Daisy beobachten. Früher kreisten ihre Auftritte häufig um Donald, Gustav Gans, Eifersucht, Geburtstage und die Frage, welcher Mann ausreichend um sie wirbt. Heute bemüht sie sich um Schätze, Fußballspiele, kämpft gegen Dinosaurier, besteht eigene Abenteuer. „Seit ich bei Egmont arbeite, gab es keine Geschichte, in der Daisy nur auf ihre Beziehung reduziert wurde“, sagt Pineda. Ihre Daisy sei mutig, kultiviert, abenteuerlustig. „Sie wartet nicht mehr darauf, dass jemand kommt und ihr Blumen bringt.“Dabei hatte Daisy schon 1973 eine Superheldinnen-Identität bekommen. Als Phantomime trat sie gegen Phantomias an. Doch während Donalds nächtliches Alter Ego eine ganze Parallelwelt erhielt, blieb Daisys Heldinnenkarriere episodisch. Die neuere Emanzipation ist unspektakulärer, aber womöglich nachhaltiger: Daisy muss keine Maske mehr aufsetzen, um die Handlung zu übernehmen.Minnie Maus war Pinedas eigene Kindheitsheldin. Eine Minnie-Stoffpuppe begleitete sie, bis sie „voller Löcher“ war, wie sie lachend erzählt. Später, als sie selbst zu zeichnen begann, wurde jedoch Daisy ihr Favorit – weil sich in deren Mimik und Gestik mehr hineinlegen lasse. Minnie dagegen bleibt, in Pinedas Worten, „stets kanonisch und mustergültig“. Als die Designerin Stella McCartney ihr 2022 vorübergehend einen Hosenanzug verpasste, wurde dies vielerorts als Modernisierung gefeiert. Pineda ist skeptischer: Kleidung definiere keinen Charakter. Ob Rock oder Hose – Minnie bleibe Minnie.Wie viel mehr in Minnie steckt, zeigte 2020 der Schweizer Zeichner Cosey in dem Comicalbum „Tante Mirandas Geheimnis“. Minnie und Klarabella brechen darin in eine verschneite Bergwelt auf, um ein geheimnisvolles schwarzes Buch von Minnies 104-jähriger Tante zu finden. Sie suchen einen Schneemenschen, legen sich mit Kater Karlo an, und Minnie zertrümmert in einer Szene mit der Axt eine Tür – ähnlich furios, wie man es von Jack Nicholson aus dem Horror-Klassiker „Shining“ kennt. Den gepunkteten Rock hat sie auch dabei noch an.Auch Oma Duck muss ihr Kleid nicht ablegen. Oberflächlich betrachtet, sagt Pineda, entspreche sie dem Klischee: Sie backe Kuchen, koche und heiße ihre Familie willkommen. „Aber sie ist viel mehr als das.“ Oma Duck bewirtschaftet ihren Hof, hält eine weitverzweigte Dynastie zusammen und verscheucht Eindringlinge notfalls mit dem Gewehr. Man könne einem Klischee entsprechen und zugleich weit darüber hinausreichen. Pineda kocht selbst gern für ihre Familie, sagt sie, schaut im Fernsehen Fußball-WM oder Bundesliga – oder geht selbst zum Fußballspielen. Fürsorge und Durchsetzungsfähigkeit sind keine Gegensätze.Früher wurde scherzhaft gemutmaßt, Oma Duck unterhalte womöglich ein Verhältnis mit ihrem faulen Knecht Franz Gans. Interessanter ist heute die Frage, weshalb eine Frau, die alleine einen Bauernhof führt und ihre Angehörigen immer wieder aus Schwierigkeiten zieht, so lange hauptsächlich als Kuchenlieferantin wahrgenommen wurde.Gundel Gaukeley und Gitta Gans waren da von Anfang an offensiver. Beide forderten Dagobert, den mächtigsten Mann Entenhausens, heraus. Gitta als Geschäftsfrau und hartnäckige Verehrerin, Gundel als intelligente, ehrgeizige Jägerin des Glückszehners. Beide scheitern fast immer. Aber sie handeln.Gundel verkörpere die alte Angst vor der intelligenten, scharfsinnigen Frau, „die nicht den Mund hält, die sich etwas traut und einfach loslegt“, sagt Pineda. Die Hexe widersetze sich dem, was ihr zugedacht sei. Sie wolle Dagoberts erste verdiente Münze, den „Glückskreuzer“, und setze alles daran, sie zu bekommen. Nur gehe sie dabei eben zu weit. Gundel darf in den Geschichten mächtig sein, weil ihre Macht gefährlich bleibt. Darin stecken Emanzipation und Misstrauen zugleich.Gitta Gans wiederum ist Unternehmerin, aber emotional an einen Mann, Dagobert, gekettet, der vor ihr flieht. Sie ist unabhängig und abhängig in derselben Figur. Vielleicht macht gerade dieser Widerspruch sie interessanter als eine makellose Vorzeigeheldin. Gute Comicfiguren müssen keine besseren Menschen sein. Sie müssen etwas wollen.Bleibt Klarabella Kuh. Eine der ältesten Figuren, und doch diejenige mit der undeutlichsten Biografie. Sie sei gewöhnlich Minnies Begleiterin, sagt Pineda. Noch nie habe sie ein Skript erhalten, das ihr erlaubt hätte, Klarabella mehr Persönlichkeit zu geben oder sie wirklich hervortreten zu lassen. Dabei findet sie die Figur interessant: Klarabella bringe Dinge in Ordnung, eröffne Alternativen, löse Probleme. Nur müsse ihr endlich jemand die Geschichte dafür schreiben.Auf dem Berliner Ausflugsboot hat Pineda ihr diese Geschichte wenigstens für einen Augenblick gegeben. Da steht Klarabella zwischen all den berühmteren Frauen, eine von sechs, keine Staffage, kein Anhängsel. Vielleicht liegt darin die schönste Pointe dieser Geburtstagskarte: Die Reise der Frauen von Entenhausen ist weit vorangekommen. Aber ausgerechnet für die Kuh am Bug beginnt sie erst.Zum Jubiläum veröffentlicht Egmont seit Mai die „Micky Maus Legacy Collection“ als Zeitreise durch 75 Jahre Comicgeschichte. Die vier Bände umfassen jeweils 256 Seiten; Band 4 erscheint am 24. November. Am 26. August eröffnet Egmont Ehapa anlässlich des Jubiläums im Bikini Berlin an der Budapester Straße 38 bis 50 für vier Wochen einen Pop-Up-Store, der Comics, Sammlerartikel und Mitmachaktionen bietet.