Ein Bauwerk aus Textilien? Für Laien ist es schwer vorstellbar, dass das ausreichend stabil ist. Nach Ansicht von Claudia Lüling, Professorin an der Frankfurt University of Applied Sciences, haben Baustoffe, die aus textilen Materialien geflochten oder gewebt sind, ein großes Potential. Sie sind leichter und viel besser zu formen als Holz, Stahl und Beton. Und sie können nach Überzeugung der Forschungsgruppe ReSULT, der Lüling angehört, einen Beitrag zum nachhaltigen und ressourcenschonenden Bauen leisten. „Es fasziniert mich, was Textilien leisten können“, sagt die Architektin, die seit 2003 an der Frankfurt University lehrt.ReSULT steht für Research Lab for Sustainable Leithweight Building Technologie, die Gruppe ist am Frankfurter Forschungsinstitut angesiedelt, in dem Wissenschaftler aus Architektur, Bauingenieurwesen und Geomatik zusammenarbeiten. Neuestes Projekt sind Grünfassaden, die auf Textilien basieren und die das Stadtklima verbessern sollen. Sie sind deutlich leichter als herkömmliche Systeme, einfach zu installieren und sollen, so das Versprechen, ganzjährig optisch ansprechend sein. Das von der Doktorandin Johanna Beuscher entwickelte System wurde in diesem Jahr mit einem Preis der Europäischen Textilakademie ausgezeichnet. Die Jury überzeugte der Ansatz, textile Innovation, Nachhaltigkeit und urbane Klimaforschung miteinander zu verbinden.Nachhaltigkeit ist ohnehin das Generalthema der Forschungsgruppe. Denn auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft gilt das Bauwesen als eine der größten Hürden. Es verursacht 50 Prozent des Müllaufkommens in Deutschland und verbraucht 40 Prozent der weltweiten Ressourcen. Vor allem Beton, der am meisten verbreitete Baustoff, ist wegen des hohen Energieaufwands bei der Herstellung problematisch.„Wir versuchen, mit wenig Material möglichst viel zu erreichen“, sagt Lüling. Die Forscher lassen sich dabei von faser- und porenartigen Naturstrukturen inspirieren. Im Projekt ge3TEX zm Beispiel wurden drei verschiedene Fasern aus Blähglas, Zementschaum und wiederverwertetem PET-Kunststoff untersucht. Entwickelt werden druck- und zugfähige Bauteile, die größere Lasten aufnehmen können. Im Gegensatz zum Betonbau ist keine Schalung erforderlich, auch der Transportaufwand wird reduziert. Jedes Material hat bestimmte Vorteile: Mineralische Fasern etwa sind günstiger für den Brandschutz, PET lässt sich besser wiederverwerten. Eingesetzt werden könnten solche Materialien für die Gebäudehülle, zum Beispiel für Dachkonstruktionen.Neuartige Baustoffe: Im Forschungslabor ReSULT werden aus Textilien konstruierte Prototypen gesammelt.Lucas BäumlIn studentischen Arbeitsgruppen wurden neuartige Baustoffe entwickelt und erprobt. „Studierende können einfach einmal etwas ausprobieren“, sagt Lüling. Dabei entstand zum Beispiel ein vier Meter hoher, aber nur 65 Kilogramm schwerer Leichtbaupavillon, der wegen seiner Größe im Foyer des Institutsgebäudes aufgebaut wurde. Er ist aus textilen, geschäumten Schläuchen geflochten und erinnert ein wenig an einen überdimensionierten Weidekorb.Die Studenten entwickelten nicht nur Anschauungsmodelle, die im ReSULT-Labor in großen Regalen gelagert werden, sondern auch Objekte, die sich bereits ganz konkret in der Praxis einsetzen lassen. Darunter die „Solar Loops“. Dabei handelt es sich um ein Seilnetz mit 36 dreidimensional gebogenen Bändern, an denen Solarmodule angebracht sind. Die Sonnenenergie treibt Lüfter an, die an heißen Tagen für etwas Abkühlung sorgen. Im vergangenen Jahr wurde die Konstruktion auf einem Kleinkunstfestival in München präsentiert. Gerade bei solchen Veranstaltungen ist das auf nur zwei Millimeter starken Streifen aus Polycarbonat basierenden Solarnetz gut einsetzbar. Es lässt sich platzsparend verpacken und leicht transportieren. Ein anderer Prototyp, ein schattenspendendes Seilnetz, wurde kürzlich bei einer Ausstellung im Rahmen der World Design Capital im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt gezeigt.Nicht nur Textilien sind Grundlage für Leichtbaustoffe. So entwickelten Studenten auf der Basis von Pilzmyzel ein Iglu. Der nachwachsende Rohstoff ist nicht nur leicht und kostengünstig herzustellen, sondern auch wasserabweisend und wärmedämmend. Das von der Forschungsgruppe ReSULT unterstützte Lehrprojekt ist im vergangenen Jahr mit dem Nachhaltigkeitspreis der Frankfurter Stiftung für Forschung und Bildung ausgezeichnet worden. Ein anderes Iglu haben Studenten aus wiederverwerten Kleiderbügeln aus Draht konstruiert.Der Forschungsgruppe geht es darum, Anwendungsmöglichkeiten der neuen Baustoffe zu zeigen. „Wir betreiben keine Forschung um der Forschung willen“, sagt Lüling. Einige Ansätze sind bereits in konkrete Produkte eingeflossen. Das Frankfurt Start-up Zelthaus, gegründet von Absolventen der Frankfurt UAS, hat eine Notunterkunft aus speziellen Textilien entwickelt. Eine Anwendung der neuen Baustoffe im großen Maßstab hingegen ist derzeit noch schwierig. „Das Problem ist, dass wir die Kosten nur schwer ermitteln können, weil es keine Produktion im großen Maßstab gibt.“ Dazu fehlen Industriepartner. Die im Auftrag eines Unternehmens entwickelte Grünfassade ist bisher die Ausnahme.Die Frankfurt UAS will die Idee der „Leichtigkeit des Bauens“ auch deshalb bekannter machen. Unter dem Titel „More for Less“ werden bei einem Symposium im November Ansätze gezeigt, wie sich mit weniger Material mehr Funktion erreichen lässt.
Alternative zu Beton: Frankfurter Forscher entwickeln Baustoffe aus Textilien
Beton ist schwer und klimaschädlich. Frankfurter Forscher entwickeln deshalb alternative Baustoffe aus Textilien.








