Heiss ersehnte Spaghetti oder heissersehnte Spagetti: Vor dreissig Jahren wurde die grosse Rechtschreibreform beschlossen. Jetzt wird zurückbuchstabiertDas neueste Regelwerk zur deutschen Rechtschreibung zeigt: Reformer und Rechtschreibräte sind auf dem ungeordneten Rückmarsch. Sie geben das Rückwärts für ein Vorwärts aus und wenden ihre eigenen Regeln nicht richtig an.Stefan Stirnemann25.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenGoran Basic / NZZUnser Alphabet ist von überschaubarer Grösse, auch wenn man einrechnet, dass jeder Buchstabe doppelt vorhanden ist, gross und klein. Schwierig wird die Rechtschreibung, wenn es vor dem inneren Auge plötzlich flimmert und die Finger nicht mehr wissen, welche Buchstaben sie zum Wort fügen sollen. Gibt es Regeln, welche der Unsicherheit abhelfen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Aphoristiker Lichtenberg schrieb ums Jahr 1780: «Man sollte Katarr schreiben, wenn er bloss im Halse, und Katarrh, wenn er auf der Brust sitzt.» Frau Rat Goethe, Mutter des Dichters und begnadete Briefschreiberin, fand die einfache Lösung «Catar». Beim Wort «hypochondrisch» hatte sie allerdings Zweifel: «Der Teufel hole das verfluchte Wort, ich kans nicht einmahl schreiben»; ihr war «hypokontrisch» in die Feder geraten.Vor dreissig Jahren sollten alle verfluchten Wörter entschärft werden. In einem Pressecommuniqué mit dem Titel «Die deutsche Rechtschreibung wird einfacher» schrieb die Bundeskanzlei: «Auch die Schweiz wird sich an der Rechtschreibreform beteiligen, welche die deutschsprachigen Länder 1998 einführen wollen. Der Bundesrat hat deshalb beschlossen, am 1. Juli 1996 in Wien eine entsprechende Absichtserklärung zu unterzeichnen.»Die Reform sollte die Rechtschreibung gerade für die Schule leichter lehr- und lernbar machen. Aber statt handliche Regeln anzubieten, verboten die Reformer Alltagswörter wie «jedesmal», «greulich», «fleischfressend», «achtgeben», «wohlbekannt» und führten neuartige Schreibweisen ein: «heute Früh», «ich bin dir Spinnefeind», «das tut mir Leid», «ich laufe Eis», «Fleisch fressend».Tief im SumpfEs folgten Jahre des Streitens und des Hin und Her, unterschiedliche Wörterbücher erschienen und verschwanden zahlreicher als englische Premierminister. Schliesslich sollte ein «Rechtschreibrat» den «Rechtschreibfrieden» wiederherstellen; vor zwanzig Jahren gab er sein erstes Regelwerk heraus. Der Rat strich manches Verfehlte, mehr aber liess er aus Rücksicht auf Politik und Wörterbuchverlage stehen, und zwar oft so, dass er die herkömmliche Schreibung als Variante neben die reformierte stellte. Was heute amtlich gilt, steht im vierten Regelwerk, das vor zwei Jahren erschienen ist.Im Jahr 2024 hat der Rat weitere Schreibweisen der Reform zurückgenommen, zum Beispiel die «Spagetti». Verballhornungen nichtdeutscher Wörter haben eine lange Geschichte; vor achtzig Jahren sollte der «Fussballträner» eingeführt werden – die Schreibweise wäre angebracht, wenn die Mannschaft verloren hat. Es war richtig, die Spagetti zu streichen, aber warum hat der Rat so lange gewartet?In einem Kernbereich der Reform steckt der Rat tief im Sumpf. Für Fügungen wie «Alma mater» galt vor der Reform die einfache Faustregel, das erste Wort gross und die weiteren klein zu schreiben. Die Reformer hielten es für einfacher, die Wortarten der fremden Sprache zu bestimmen, und schrieben «Alma Mater», da das lateinische «mater» ein Substantiv ist: Die Universität ist die nährende Mutter.Nun hat der Rat diese Regel mit etlichen Anwendungen «präzisiert». Eine betrifft das Memento mori, die Erinnerung daran, dass der Mensch vergänglich sei. Das zweite Wort ist ein lateinischer Infinitiv, die Rechtschreibräte halten es irrtümlich für ein Substantiv und schreiben «Memento Mori». Der Irrtum kommt daher, dass der Duden die Formel frei wiedergibt, mit «Gedenke des Todes!». Vor dreissig Jahren hat man die Reformer darauf hingewiesen, ihre neue Regel setze zu viel Sprachwissen voraus. Nun beweist der Rechtschreibrat, dass die Kritik im Recht war. Wenn die «massgebende Instanz für Rechtschreibfragen», wie der Rat sich selber nennt, diese Reformregel nicht anwenden kann, wer soll es dann können?Gross oder kleinIm Kapitel Interpunktion erklärten die Reformer vor dreissig Jahren das Komma bei einem weitverbreiteten Satztyp für weglassbar: «Sie ist bereit ihren Beitrag zu leisten.» Der Rechtschreibrat schränkte 2006 die Wahlfreiheit ein, 2024 hob er sie auf. Statt in schlichten Worten zu sagen, dass er eine weitere Reformregel zurückziehe, schreibt er in bestem Wissenschaftsdeutsch: «Die Obligatorik der Kommatierung ersetzt die Fakultativität.» Dass das Komma bei solchen «infiniten Nebensätzen», wie sie der Rat nun nennt, nötig ist, hat der Schweizerische Lehrerverein schon 1882 in seinem «Rechtschreibebüchlein» festgehalten, damals lautete der Begriff «Infinitivsätze».Unsere Interpunktion, die sich über Jahrhunderte entwickelt hat, dient dem besseren Verständnis. Warum erklärten die Reformer eines dieser Satzzeichen für entbehrlich? 1985 schrieben sie: «Das heisst, dass der Schreiber in dieser Problemzone praktisch keine Fehler machen kann.» Wir schreiben, um Gedanken möglichst klar festzuhalten, nach Meinung der Reformer aber, um keine Fehler zu machen.In den 1950er Jahren tauchte aus den USA «Das Schlaue Buch» auf, aus welchem die munteren Neffen Tick, Trick und Track ihren Onkel Donald Duck belehren. Verantwortlich für die deutsche Ausgabe war Erika Fuchs, eine mit sprachschöpferischem Humor begabte Übersetzerin, und sie brauchte für den Grossbuchstaben des Adjektivs «schlaue» keine amtliche Erlaubnis. Erich Kästner veröffentlichte 1961 seine Aufzeichnungen von Februar bis August 1945 und schrieb einleitend den Satz: «Doch das Lesen in der grossen, in der Grossen Chronik darf nicht alles sein.» Solche Adjektive sagen oft nicht, was etwas ist, sondern wie etwas heisst; mit dem Grossbuchstaben drückt der Schreiber eine Bedeutung aus, und der geübte Leser versteht.1996 wollten die Reformer viele solcher eingebürgerter Adjektive klein schreiben: der goldene Schnitt, das schwarze Brett. Wer Fälle auflisten muss, hat keine trennscharfe Regel gefunden und gerät ins Herumtappen. Der Rat ist diesen Irrweg weitergegangen und hat nach zwanzigjährigen Versuchen, während deren immer wieder andere Kandidaten den Kopf strecken durften oder wieder einziehen mussten, salomonisch entschieden, dass beides möglich ist («innere und Innere Medizin»), verweist aber für Fälle, wo nur der kleine Buchstabe richtig ist, aufs Wörterverzeichnis. Geneigter Leser, blättere! Der Rat begründet den Entscheid mit einer «Schreibentwicklung», die er beobachtet haben will.Ist heissersehnt auch heiss ersehnt?Merkmal der sogenannten neuen Rechtschreibung sind die zahllosen scheinbaren Varianten. Als orthographische Varianten verhalten sich «Delphin» und «Delfin», aber Zusammensetzungen wie «heissersehnt» bedeuten keineswegs immer dasselbe wie die Wortgruppe «heiss ersehnt». Mit einem einzigen Satz widerlegt Erich Kästner die Theorie der Gleichbedeutung, welche die Reformer auftischten und der Rechtschreibrat nicht abgeräumt hat: «Die Wirtschafterin kämpfte in der Küche wie ein Löwe. Doch sie brachte die heissersehnten und heiss ersehnten Bratkartoffeln trotzdem nicht zustande.»Von «Spiegel»-Journalisten darauf aufmerksam gemacht, dass es bei den Zusammensetzungen um «die Feinheiten der deutschen Sprache» geht, sagte im Jahr 2004 Doris Ahnen, Präsidentin der deutschen Kultusministerkonferenz: «Die Wörter stehen doch nicht allein da. Die Unterschiede sind auch hier durch den Kontext erkennbar. Und das erwarten wir von den Schülern. Wir wollen ihre Fähigkeit stärken, Texte zu verstehen.» Die Kapitänin erklärt, sie habe den Dampfer kentern lassen, damit die Passagiere schwimmen lernten.Der Dachverband Schweizer Lehrerinnen und Lehrer (LCH) wies 2006 das erste Regelwerk des Rates «vollumfänglich zurück», schrieb von «Pfusch unter Zeitdruck», verlangte, «dass die Pflege der Rechtschreibung grundlegend neu und diesmal professionell geordnet wird», und legte der EDK nahe, «eine grundsätzliche Überprüfung der Geschäftsbeziehungen zur Kultusministerkonferenz KMK vorzunehmen». Die EDK ihrerseits wusch ihre Hände in Unschuld: «Entscheide zum Regelwerk selber (wie schreibt man . . .?) sind nicht politische Entscheide, sondern Expertenentscheide.»Seither ist es ruhiger geworden ums Thema, und die Politik billigt jeweils vertrauensvoll, was die Experten entscheiden. Woher die sinkende Aufmerksamkeit? Wer Rechtschreibfragen klären muss, blättert nicht mehr in Regeln und Verzeichnissen, sondern fragt KI. All diese nützlichen elektronischen Hilfsmittel aber können den persönlichen Bezug zu den Dingen aufheben. In Sprachfragen heisst der persönliche Bezug Sprachgefühl oder Sprachbewusstsein. Man erwirbt es durchs Lesen, sofern es eine einheitliche und sprachrichtige Rechtschreibung gibt. Eine geordnete Rechtschreibung ist auch die Voraussetzung dafür, dass die elektronischen Hilfen richtig programmiert werden.Stefan Stirnemann ist klassischer Philologe und Gründungsmitglied der Schweizer Orthographischen Konferenz (SOK).Die NZZ wendet die Regeln der neuen deutschen Rechtschreibung an, allerdings in einer gemässigten Form. Wo der Duden mehrere Möglichkeiten zulässt, werden die traditionellen Schreibweisen bevorzugt. Modische Schreibvarianten, die dem klassischen, klaren Schriftbild widersprechen, werden gemieden. So schreibt die NZZ selbständig statt selbstständig und bleibt bei Schreibweisen wie Panther oder aufwendig. Den neuen Regeln folgt sie in Fällen wie Känguru (statt Känguruh, in Analogie zu Gnu und Kakadu) oder überschwänglich (statt überschwenglich, wegen Überschwang). Wo verschiedene Schreibweisen Bedeutungsunterschiede markieren, hält die NZZ an den alten Regelungen fest. Das betrifft zum Beispiel Zusammen- und Getrenntschreibungen wie sitzen bleiben (nicht aufstehen) oder sitzenbleiben (in der Schule nicht versetzt werden oder etwas nicht verkaufen können) oder offen bleiben (nicht geschlossen werden) und offenbleiben (nicht entschieden werden).Passend zum Artikel