AnalyseDie KI-Investitionen sorgen in den USA für Rekordgewinne. In Europa blähen die Profite der Energiekonzerne das Gesamtergebnis auf. Doch damit die hohen Gewinnschätzungen eintreffen, muss vieles zusammenspielen.Peter Rohner25.08.2026, 04.35 UhrVom Boom der künstlichen Intelligenz (KI) profitieren viele. Im Zentrum stehen die Hyperscaler, die Rechenleistung vermieten und KI-Dienste verkaufen. Halbleiterunternehmen wie Nvidia oder SK Hynix liefern die Chips, die Versorger den nötigen Strom. Auch zahlreiche Schweizer Industrieunternehmen sind im grossen KI-Hochrüsten involviert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es verwundert daher nicht, dass die Unternehmensgewinne dieses Jahr überdurchschnittlich kräftig steigen.Mitarbeiter von SK Hynix feiern die Zweitkotierung in New YorkQuelle: BloombergSchon im ersten Quartal waren die Ergebnisse in der Summe überraschend stark, in den USA war es sogar so gut wie seit 2021 nicht mehr. Um satte 27% nahm der Gewinn pro Aktie der S&P-500-Unternehmen zum Vorjahresquartal zu.Aber das war erst der Anfang: Im zweiten Quartal hat sich das Gewinnwachstum noch einmal fast verdoppelt.Noch fehlen ein paar Abschlüsse, aber der Trend ist eindeutig. Gemäss den Zahlen von rund 90% der 500 grössten Unternehmen, die bereits vorliegen, liegt das Gewinnwachstum zum Vorjahresquartal bei rund 50%. Das bei einem Umsatzplus von 15%. Zudem werden Gewinn- und Umsatzprognosen laufend nach oben korrigiert.Das will nicht richtig zum eher bescheidenen Wachstum der US- und der Weltwirtschaft passen. Es ist deshalb bereits von einer «Earnings Bubble» die Rede, also von einer Blase bei den Gewinnen, der früher oder später die Luft entweicht.Verzerrende Sondereffekte bei Alphabet und AmazonNicht nur das Wachstum der Gewinne ist phänomenal, sondern auch das Ausmass, in dem die Gewinnschätzungen übertroffen werden. Fast neun von zehn Unternehmen im S&P 500 haben die Prognosen geschlagen. Aggregiert sind die Gewinne um 30% höher ausgefallen, als die Analysten vorausgesagt hatten. Bleibt es dabei, wäre es die grösste Gewinnüberraschung seit der Datendienstleister FactSet diese Kennzahl 2008 zu erheben begann.Ein Grund, weshalb die Analysten insgesamt so danebenlagen, waren Sondereffekte bei Alphabet und Amazon. Ihre Gewinne fielen rund dreimal so hoch aus wie erwartet. Denn sie umfassten im zweiten Quartal massive Aufwertungsgewinne von Beteiligungen wie denen an SpaceX (Alphabet) und Anthropic (Amazon). Diese «sonstigen Erträge» besserten das Ergebnis um 98 Mrd. $ (Alphabet) und 53,4 Mrd. $ (Amazon) auf.Ohne Alphabet und Amazon beläuft sich die Gewinnüberraschung auf 11% und das Gewinnwachstum zum Vorjahresquartal auf 32%. Doch auch dieser Wert liegt deutlich über dem langjährigen Durchschnitt von 7,5% und kommt sonst nur nach einer Rezession vor.Tech-Unternehmen und solche mit KI-Bezug sind für den Grossteil des Gewinnschubs verantwortlich. Im IT-Sektor sind die Gewinne um 70% gestiegen, angeführt von der Halbleiterbranche, deren Gewinne sich mehr als verdoppelt haben.Am stärksten zugenommen haben die Profite jedoch im Energiesektor, wo vor allem die Ölkonzerne vom allgemeinen Preisanstieg und von den höheren Raffineriemargen infolge des Irankriegs profitiert haben.Auf Platz zwei läge der Sektor Kommunikationsdienstleistungen, aber nur dank des riesigen Bewertungsgewinns von Alphabet. Lässt man diesen Sondergewinn weg oder schliesst den Tech-Koloss ganz aus, schrumpft das Gewinnwachstum des Sektors auf 17 respektive 6%.Die ausgewiesenen 91% im Sektor zyklischer Konsum täuschen ebenfalls: Justiert um die Beteiligungsgewinne bei Amazon fällt das Wachstum unter 10%. Auch der Basiskonsumsektor gehört mit einem Gewinnplus von 8% zu den schwächeren.Geschrumpft sind die Gewinne allerdings nur im Gesundheitssektor. Das zeugt von einer relativ breit abgestützten Gewinndynamik, auch wenn KI unbestritten der Haupttreiber ist. Das wird auch durch die Medianberechnungen von Bank of America bestätigt: Demnach beträgt das mittlere Gewinnwachstum der US-Unternehmen mit KI-Bezug knapp 30%, gegenüber 12% bei denen, die nichts mit KI am Hut haben. Der Median bezieht sich auf die Mitte einer Verteilung und ist nicht durch Ausreisser verzerrt.Europas Gewinnerholung ist langsamer, aber ausgewogenEin Gewinnsprung im Energiesektor und bei den KI-Profiteuren, ordentliche Zahlen beim Rest – dieses Muster lässt sich auch in Europa beobachten.Auch da geht es den kotierten Unternehmen insgesamt sehr gut. Zwar werden die Erwartungen weniger oft übertroffen als in den USA, aber das hat System.Auf Basis von 83% der Unternehmen im Stoxx Europe 600, die bereits die Zahlen für das zweite Quartal publiziert haben, beträgt das Gewinnwachstum zum Vorjahresquartal rund 20%. Das wäre einer der besten Quartalswerte seit Jahren. Auch in Europa schwingt der Energiesektor mit 124% oben aus, dahinter folgen die Immobiliengesellschaften, die Baustoffkonzerne und die Versorger.Auf Halbjahresbasis beträgt das Gewinnwachstum zur Vorjahresperiode rund 15%. Ohne die Profite der Energie- und der Rohstoffkonzerne halbiert sich das Plus auf 7%. Für Europa ist auch das kein schlechtes Ergebnis. Hinzu kommt, dass auch diesseits des Atlantiks die Gewinnprognosen laufend nach oben geschraubt werden. UBS hat die Prognose für dieses und nächstes Jahr auf je 15% angehoben und spricht von einem Gewinnzyklus, der «zunehmend in die Breite geht». Diesen Punkt hebt auch das Researchhaus Gavekal hervor. Die europäische Gewinnerholung sei breit über die Sektoren diversifiziert und habe deshalb gute Chancen, selbst ein Platzen des KI-Booms zu überleben.Japan rundet das positive Bild abDas lässt sich über den japanischen Aktienmarkt weniger sagen, vor allem, wenn er am Nikkei 225 gemessen wird. Da in diesem Index die KI-Profiteure wie Advantest, Tokyo Electron und SoftBank ein grosses Gewicht haben, dürfte es schwierig sein, das hohe Gewinnmomentum aufrechtzuerhalten. Ausgewogenere Indizes wie der Topix oder der MSCI Japan machen jedoch deutlich, dass auch in Japan das Gewinnwachstum breiter abgestützt ist. Es erreichte im ersten Quartal rekordhohe 50%, wobei auch die Yenschwäche und die niedrige Vergleichsbasis – Trumps Zollankündigungen Anfang 2025 schlugen auf das Ergebnis durch – geholfen haben.Da der KI-Boom auch vor den Tech-Gesellschaften in den Schwellenländern nicht haltmacht, resultiert global ein sehr positives Bild der Gewinnentwicklung. Die Unternehmen seien in auffallend starker Verfassung, kommentieren die Quant-Analysten von Société Générale. «Die Gewinne im MSCI Welt wachsen so schnell wie sonst nur in Erholungsphasen nach einer Rezession.» Société Générale beziffert das globale Mediangewinnwachstum auf 13%. Auch fürs nächste Jahr haben die Gewinnerwartungen steil zugenommen.Solide Gewinne und steigende GewinnprognosenKonsens-Gewinnschätzungen für den MSCI AC World, in $Quelle: Goldman SachsDie steigenden Gewinne und die hohen Gewinnerwartungen tragen den gegenwärtigen Bullenmarkt an der Börse. Und sie führen dazu, dass Aktien nicht überteuert wirken, da die Bewertungskennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis nicht zunehmen. Die Bewertungen nehmen sogar ab, da die Gewinne schneller steigen als die Kurse.Der Inbegriff einer «Earnings Bubble»Darin unterscheidet sich die derzeitige, KI-getriebene Hausse von einer typischen Spekulationsblase, bei der Anleger jeden Preis zu zahlen bereit sind, um beim nächsten grossen Ding dabei zu sein – egal, ob und wie profitabel die Unternehmen sind. In der Internetmanie Ende der Neunzigerjahre wurde für einzelne Aktien mehr als das Hundertfache des Gewinns bezahlt. Heute handeln selbst die grossen Tech-Titel nicht über einem KGV von 30.«Es scheint diesmal keine Blase der Bewertung zu geben, aber es könnte eine Gewinnblase sein», schreibt Peter Oppenheimer, US-Aktienstratege von Goldman Sachs. Der KI-Sektor sei fast sicher in einer Gewinnblase, findet auch Marktstratege Peter Berezin von BCA Research.Ob ihre Vermutung zutrifft oder ob die Gewinne dank KI länger überdurchschnittlich kräftig steigen, das ist derzeit die Schlüsselfrage.Bricht das Gewinnwachstum zusammen, schiessen entweder die Bewertungen in die Höhe, oder – für Anleger das schlimmere Szenario – es brechen die Kurse ein.Hohe Erwartungen, viel EnttäuschungspotenzialDerweil sind die Analysten zuversichtlich, dass das Thema KI und die konjunkturelle Erholung die Börse noch eine Weile tragen. Schliesslich zeigen jetzt auch die Frühindikatoren wie die Einkaufsmanagerindizes in den wichtigen Volkswirtschaften nach oben.Insgesamt gehen die Analysten in den USA zwar von einer Verlangsamung der Gewinndynamik aus. Die Jahreswachstumsrate dürfte dabei von rund 30 in diesem Jahr auf knapp 15% im Jahr 2027 zurückkehren. Damit wäre das Tempo immer noch doppelt so hoch wie im langjährigen Mittel.Das klingt beruhigend. Aber auf die Gewinnschätzungen der Analysten sollte man sich nicht zu fest verlassen. Sie sind gut darin, Trends fortzuschreiben. Mehr Mühe haben sie damit, Wendepunkte früh zu erkennen.«Typischerweise kappen die Analysten ihre Gewinnprognosen erst, wenn die Aktienkurse bereits gefallen sind», schreibt Berezin. Seine These untermauert er mit Beispielen von Gewinnblasen, die lange kaum jemand als solche erkannt hatte, bis die Kurse kollabierten.Dazu gehören die Gewinnexplosion bei den US-Banken und den Immobilienfirmen in den Jahren der US-Häusermarktblase zwischen 2003 und 2006 oder die Energie- und die Stahlaktien während des China-Rohstoffbooms zwischen 2005 und 2008. Während der Covid-19-Pandemie kam es erst bei den Profiteuren der Digitalisierung zu einer Gewinnblase, dann bei den Reedereien und den Transportunternehmen. Rohstoffe und die Halbleiterbranche sind laut Berezin besonders anfällig für blasenähnliche Gewinndynamiken. Der derzeitige Zyklus bei den Halbleitern übertreffe jedoch alle vorangehenden.Es scheint daher nur eine Frage der Zeit, bis die Blase platzt. Sind die fallenden Kurse im Halbleiterbereich möglicherweise bereits Vorboten? Und was ist mit dem Rest des Marktes?Gewinne künstlich aufgeblähtGegen ein anhaltend hohes Gewinnwachstum im KI- und im Tech-Bereich spricht ein buchhalterisches Phänomen, das die Gewinne derzeit insgesamt künstlich hoch erscheinen lässt.Denn wenn die Hyperscaler heute Chips und Bauteile für Rechenzentren kaufen, können die Zulieferer das sofort als Umsatz und Gewinn verbuchen. Die Hyperscaler jedoch aktivieren die Kapitalinvestitionen in ihrer Bilanz und schreiben sie gestaffelt über mehrere Jahre ab. BCA Research schätzt, dass die Hyperscaler bis Ende der Dekade jährlich 500 Mrd. $ an Abschreibungen vornehmen müssen. Das wird die Gewinndynamik im KI-Bereich belasten.Die grosse Hoffnung ausserhalb des eng gefassten KI-Sektors liegt darauf, dass die neue Technologie die Produktivität erhöht und für höhere Gewinnmargen sorgt.Davon ist aber noch nichts zu sehen. Das zeigt eine Auswertung von Apollo-Chefökonom Torsten Slok. Die aggregierte Gewinnmarge der grössten 500 US-Unternehmen ist zwar leicht gestiegen, aber nur, weil die Tech-Konzerne (Magnificent Seven in Grün) so profitabel geworden sind. Ohne sie stagniert die Marge.Ausserhalb des Tech-Sektors steigen die Margen nichtGewinnmargen der US-UnternehmenQuelle: ApolloAuch der erhoffte Anstieg der Arbeitsproduktivität lässt auf sich warten. Gemäss neusten Zahlen des Amts für Arbeitsstatistik (BLS) beträgt das Produktivitätswachstum in den USA 2,2% und liegt damit nur geringfügig über dem langjährigen Mittel.Wenn der Produktivitätsschub und die breite Margenverbesserung nicht eintreten, wird es schwer, das überdurchschnittliche Gewinnwachstum zu halten. Zumal auch die fiskalische Unterstützung nicht ewig so fortgesetzt werden kann. Laut JPMorgan-Chef Jamie Dimon haben Trumps Steuersenkungen und staatliche Mehrausgaben die Gewinne aufgebläht. Zudem warnt er davor, das «Zuckerhoch» mit einer organischen Stärke zu verwechseln.Ohne neue Impulse sieht es auch für die Börsen nicht besonders gut aus. Denn eine historische Auswertung von BofA zeigt: Ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum ist zwar den Aktienkursen förderlich, jedoch nur, wenn sich das Tempo weiter erhöht. Wenn sich das Wachstum hingegen verlangsamt, sind die Erträge unterdurchschnittlich.