Die Vorsitzende der Wirtschaftsweisen, Monika Schnitzer, und Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), haben die Forderungen von AfD-Chefin Alice Weidel nach einem Ausstieg Deutschlands aus dem Euro scharf kritisiert. Sie erwarten erhebliche Schäden für die Wirtschaft und die Bevölkerung.„Die Vorstellung, Deutschland müsse nur zur D-Mark oder einer anderen nationalen Währung zurückkehren, damit es wirtschaftlich wieder so gut läuft wie früher, halte ich für rückwärtsgewandt, und sie ist ökonomisch falsch“, sagte Schnitzer dem Handelsblatt. Die Probleme Deutschlands wie die wachsende technologische Konkurrenz aus China, mangelnde Innovation, der demografische Wandel oder die zunehmende Abschottung des US-Marktes ließen sich nicht durch einen Währungswechsel lösen.Ein solcher Schritt würde Millionen Deutsche in die Arbeitslosigkeit zwingen und erhebliche Einkommensverluste für Bürgerinnen und Bürger bedeuten.Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW)Noch deutlicher äußerte sich Fratzscher. „Alice Weidel zeigt ein erhebliches Maß an wirtschaftspolitischer Inkompetenz mit ihrer Forderung nach einem Austritt Deutschlands aus dem Euro“, sagte der DIW-Präsident dem Handelsblatt. Ein solcher Schritt würde „Millionen Deutsche in die Arbeitslosigkeit zwingen und erhebliche Einkommensverluste für Bürgerinnen und Bürger bedeuten“. Alice Weidel im ZDF-Sommerinterview. © dpa/Fabian Weiss Die Warnungen kommen kurz vor drei Landtagswahlen, bei denen die AfD auf starke Ergebnisse hoffen kann. In Sachsen-Anhalt liegt sie mit 43 Prozent in Umfragen klar vorn, in Mecklenburg-Vorpommern mit 36 Prozent ebenfalls. In Berlin erreicht sie 18 Prozent. Bundesweit kommt die AfD derzeit auf etwa 28 Prozent.Weidel hatte am Sonntag im ZDF-„Sommerinterview“ angekündigt, ihre Partei werde sich im Fall einer Regierungsbeteiligung im Bund für einen Austritt Deutschlands aus dem Euro und dem Schengenraum einsetzen. Die Forderung nach einem Ausstieg aus dem Euro-System begründete die AfD-Chefin damit, dass der Euro eine „instabile Währung“ und eine „Weichwährung“ sei. Deutschland sei es vor der Einführung der Gemeinschaftswährung „deutlich besser“ gegangen. Zudem sprach Weidel von einer „breiten Verarmung arbeitender Bevölkerungsschichten“. Schnitzer sieht im Euro einen wichtigen Standortvorteil Auch in der Migrationspolitik kündigte sie einen deutlich härteren Kurs an. Die AfD werde die deutschen Grenzen „zumachen“ und dafür sorgen, dass Deutschland aus dem Schengenabkommen aussteige. „Dieser Vertrag wird aufgekündigt“, sagte Weidel. Offene Grenzen gefährdeten aus ihrer Sicht die innere Sicherheit.Schengen steht für ein Europa ohne Grenzkontrollen und ermöglicht grenzenloses Reisen. Der Schengenraum gilt als eine der größten Errungenschaften der Europäischen Union. Nach Angaben der EU-Kommission gibt es jedes Jahr etwa 1,25 Milliarden Reisen über die Grenzen innerhalb dieser Region. Allerdings haben mehrere Länder im Schengenraum in den vergangenen Jahren wieder Grenzkontrollen eingeführt. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) kündigte erst kürzlich eine Verlängerung der Kontrollen an den deutschen Außengrenzen bis Mitte März 2027 an. Monika Schnitzer, Vorsitzende der Wirtschaftsweisen. © dpa/Britta Pedersen Eine neue deutsche Währung würde voraussichtlich deutlich aufwerten und damit deutsche Exporte verteuern und unsere Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich schwächen.Monika Schnitzer, Vorsitzende der WirtschaftsweisenSchnitzer hält einen Euro-Austritt für gefährlich. „Eine neue deutsche Währung würde voraussichtlich deutlich aufwerten und damit deutsche Exporte verteuern und unsere Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich schwächen“, sagte die Ökonomin. Gerade in der gegenwärtigen Lage sei der gemeinsame europäische Wirtschafts- und Währungsraum „einer unserer wichtigsten Standortvorteile“.Schnitzer verwies auf die Entwicklung des Außenhandels. Während die deutschen Exporte im ersten Halbjahr 2026 in die USA um sechs Prozent und nach China um zwölf Prozent zurückgegangen seien, hätten die Ausfuhren nach Frankreich um knapp acht Prozent und in die Niederlande um neun Prozent zugelegt. „Einen unserer wichtigsten Absatzmärkte ausgerechnet in dieser Situation durch neue Wechselkursrisiken und Transaktionskosten weniger attraktiv zu machen, wäre ökonomisch kontraproduktiv“, sagte sie.Auch der Übergang zu einer neuen Währung wäre nach Schnitzers Einschätzung „schmerzhaft“. Bei Bankguthaben, Hypotheken, Unternehmenskrediten und Lieferverträgen müsste geklärt werden, in welcher Währung sie künftig gelten. „Bereits der jahrelange Prozess bis zu einem möglichen Austritt würde massive Unsicherheit erzeugen“, sagte sie. Unternehmen wüssten nicht, mit welchen Wechselkursen, Finanzierungsbedingungen und rechtlichen Regeln sie künftig kalkulieren sollen, und würden Investitionen möglicherweise zurückstellen oder Kapital verlagern. Dauerhafte Grenzkontrollen: Fratzscher warnt vor Chaos für viele Unternehmen Besonders stark betroffen wäre nach Fratzschers Einschätzung Sachsen‑Anhalt. Die Menschen dort wären „mit die größten Verlierer einer AfD‑Wirtschaftspolitik“. Eine vierköpfige Familie müsste nach seiner Schätzung mit Einkommensverlusten von mehr als 6000 Euro pro Jahr rechnen.Weidels Aussage, Deutschland sei es vor der Einführung des Euros deutlich besser gegangen, wies Fratzscher zurück. Sie sei „schlichtweg falsch und ein Schlag ins Gesicht für all die Menschen in Deutschland, die in den 1990er-Jahren eine sehr schmerzhafte und schwierige Transformation zu bewältigen hatten und dies erfolgreich getan haben“.Kritisch sehen beide Ökonomen auch einen möglichen Schengenaustritt. Grenzkontrollen seien „letztlich eine zusätzliche Handelsbarriere“, sagte Schnitzer. Lastwagen müssten warten, Lieferketten würden weniger verlässlich, und Unternehmen müssten zusätzliche Kosten für Personal, Lagerung und Logistik tragen.„Besonders problematisch wäre das für die deutsche Industrie mit ihren eng verzahnten europäischen Wertschöpfungsketten sowie für die vielen Menschen, die täglich über Grenzen hinweg zur Arbeit pendeln“, sagte Schnitzer.Fratzscher warnte ebenfalls vor erheblichen Verwerfungen. Die Einführung dauerhafter Grenzkontrollen „würde zu erheblichen wirtschaftlichen Verlusten und zu Chaos für viele Unternehmen führen“, sagte er. Viele Beschäftigte könnten nicht mehr wie bisher über die Grenze zu ihrem Arbeitsplatz pendeln, Unternehmen müssten mit deutlich höheren Kosten für ihre Produkte rechnen.(Dieser Text erschien zuerst im Handelsblatt).