Neue Ansprüche nach Umbau : Der HSV ist auf dem Schleichweg nach obenVon Frank Heike, Hamburg24.08.2026, 15:51Lesezeit: 4 Min.Das verflixte zweite Bundesligajahr geht der Hamburger SV in aller Ruhe an. Das liegt vor allem an Trainer Polzin und Sportvorstand Costa. Die beiden hauen nicht einmal die prominenten Abgänge um.Das Besondere dieses Transfersommers war seine geradezu himmlische Ruhe am nördlichsten Bundesliga-Standort. Manche Spieler gingen, andere kamen, aber die Aufgeregtheit früherer Jahre ist verschwunden beim Hamburger SV. Das hat vor allem einen Grund. Er heißt Merlin Polzin.Seine Mischung aus Fachlichkeit und Empathie hat schon mehrmals dazu geführt, dass seine Mannschaft nach unbequemen Entscheidungen eben nicht auseinandergebrochen ist. Er hat Aufstiegshelden aussortiert und vor einem Jahr auf Neue gesetzt, die er zusammen mit Sportchef Claus Costa geholt hatte. Er hat Unzufriedenheit im Kader beseitigt, indem er transparent und offen kommuniziert.Im Wissen und Willen, eine giftige, intensiv spielende Mannschaft für die Belange des Oberhauses zu benötigen, hat er den Stil der zweiten Liga (Ballbesitz) hinter sich gelassen und in der Saison 2025/26 erstligataugliche Auftritte am Stück gesehen. Dafür standen stellvertretend der Sieg über den VfB Stuttgart und die Unentschieden gegen den FC Bayern und Borussia Dortmund.Ohne Luka Vušković wird die Abwehr womöglich löchrigerMit Wucht und Mut werden die Hamburger nun keinen Gegner mehr überraschen können. Es ist mehr als eine Phrase, dass das zweite Jahr das schwierigere ist – das war beim Stadtrivalen FC St. Pauli abzulesen. Ein Funken weniger Energie, dazu Verletzte und Pech – schon steigt man ab.Beim HSV benötigt man nur wenig Phantasie, um sich vorzustellen, dass eine Abwehr ohne Luka Vušković zwangsläufig löchriger ist. Der 19 Jahre alte Kroate schlüpfte mit Leichtigkeit in die Chefrolle. Nun spielt er wieder in der Premier League bei Brighton and Hove Albion, dem Klub des früheren St.-Pauli-Trainers Fabian Hürzeler.Was mit der anderen Ausnahme-Stammkraft der Vorsaison wird, könnte sich erst kurz vor Ende der Transferzeit entscheiden. Gern würde der HSV Fabio Vieira behalten. Der ist wie Vušković eigentlich zu gut für einen Bundesliga-Abstiegskämpfer. Nun hat der FC Arsenal ihn zurück, findet so recht aber keinen Platz.Doch selbst die Abgänge beider würde der HSV in Person Claus Costas eher kühl nehmen. Seitdem Stefan Kuntz als Sportvorstand Geschichte ist und Kathleen Krüger übernommen hat, ist Costas Wertigkeit deutlich gestiegen. Was ihr nichts nimmt, denn die aus der Administration des FC Bayern geholte Managerin soll ohnehin eher nach innen wirken.Der Sambier Patson Daka (rechts, beim Afrika-Cup) ist ohne Ablöse aus Leicester zum HSV gekommen.dpaMit Ruhe und Verstand baut er den Kader um und aus. Dazu gehört ein Stürmer wie Patson Daka. Der hatte vor fünf Jahren noch 30 Millionen Euro auf dem Transfermarkt bewegt. Nun kommt er ohne Ablöse von Leicester City. Diesem Muster hat der HSV schon bei Albert Sambi Lokonga und eben Vieira vertraut: Hamburg als Wohlfühloase nach dem Karriereknick.Das war mal anders, hatten sich Jungstars in der Hansestadt doch lange kaum Aussichten geboten. Anderswo kamen sie dann groß heraus. In der neuen Saison sollen die vor einem Jahr geholten Nicolai Remberg, Jordan Torunarigha und Nicolas Capaldo zu Stützen werden. Ähnlich wie Vušković in der vergangenen Saison.Der HSV wartet auf Verstärkung aus NizzaEine Entwicklung, von der heutzutage jeder Verein spricht, gibt es in Hamburg tatsächlich. Die Jungen sollen den Verein tragen. Wobei mancher Fan ruhiger schläft, wenn es nicht der fehleranfällige Torunarigha ist, der in der Mitte verteidigt, sondern Sebastiaan Bornauw. Den früheren Kölner Fußballprofi haben die Hamburger von Leeds United ausgeliehen. Er soll schon an diesem Montag (18.00 Uhr im Liveticker zum DFB-Pokal und bei Sky) im Pokal beim SC Verl Halt geben.Mit großem Vertrauen schaut Merlin Polzin der Arbeit Costas zu. Eine Etage weiter oben, bei Kathleen Krüger und dem Vorstandskollegen Eric Huwer, gab es Applaus für Costas Kunststück, den talentierten Fabio Baldé für sieben Millionen Euro nach Straßburg zu verkaufen. Polzin wiederum weiß, dass die rechte Seite, wo ein „Schienenspieler“ fehlt, aktuell zur Problemzone wird, weil dort nur der von allen geschätzte Bakery Jatta spielt, nachdem Baldé gegangen ist. Doch der Ersatz könnte in Person von Terem Moffi schon an diesem Wochenende aus Nizza kommen.Bald sitzt Kathleen Krüger regelmäßig im Hamburger Stadion (Bild von 2018).dpaEs schmerzt den HSV, dass Luka Vuškovićs mitreißende Energie fortan fehlen wird. Im Volkspark wirkt es aber aktuell so, als fände man auf alles eine Antwort. Dazu gehört auch, den Dänen Albert Grönbaek für knapp fünf Millionen Euro zu kaufen, obwohl er in seiner Zeit als Leihspieler in der vergangenen Rückrunde selten auffiel.Er gehört zu einem stark besetzten und breiten Mittelfeld, das die Gegner mit Tempo und Passspiel überraschen soll. Torgefahr dürfte fortan eher aus der Mitte des Feldes kommen, weniger von ganz vorn, wo der HSV noch dünn besetzt ist. Doch dem zuletzt dauerverletzten Yussuf Poulsen traut Polzin mehr zu, als nur für gute Laune in der Kabine zu sorgen.Eric Huwer schwebt vor, die Lücke zum Mittelstand der Bundesliga in den nächsten drei Jahren zu schließen. Eine Steigerung des Umsatzes von derzeit knapp 130 auf 170 Millionen Euro ist mehr als bloße Phantasie, und ein Aufschließen zu Gladbach, Augsburg und Mainz das Ziel.Als Huwer neulich sagte, man wolle gern mal wieder die Landesgrenzen verlassen, und zwar nicht nur für Trainingslager, gab es keinen Arroganz-Alarm. Man traut dem HSV wieder etwas zu. Mancher sieht in ihm sogar das Überraschungsteam der Saison. Was eben sehr viel mit Merlin Polzin zu tun hat – sein am 30. Juni 2027 auslaufender Vertrag soll bald verlängert werden.