In einer Teamsitzung hat der Bundestrainer André Henning seinen Hockeymännern kürzlich die Zukunft vorausgesagt. Bei der Weltmeisterschaft im belgischen Wavre hatte die Mannschaft zunächst die Vorrundengruppe dominiert, ehe sie in der Zwischenrunde durch eine unnötige Niederlage gegen Spanien das Projekt Titelverteidigung aufs Spiel setzte. Auf einem Clipboard malte Henning seinen Spielern daraufhin mit einer suggestiven Formkurve auf, wie sie aus dieser „Delle“ gestärkt hervorgehen und nach oben hinaus durchstarten würden. Das hat die Spieler offenbar überzeugt. Im ultimativen Zwischenrundenspiel gegen Australien, einem Viertelfinale gleichkommend, zeigten die deutschen Hockeymänner eines der besten Spiele der vergangenen Jahre, gewannen hochverdient mit 4:2 und zogen im vierten Jahr in Serie bei einem großen Turnier ins Halbfinale ein.Der Bundestrainer Henning war von der Überzeugungskraft seiner Weissagung offenbar selbst ein bisschen überrascht. Mit einer derart starken Leistung seiner Mannschaft auf den Punkt gegen Australien hatte er jedenfalls nicht zwingend gerechnet. „Das war unser mit Abstand bestes Spiel – und zwar in genau dem Moment, in dem wir am meisten Druck hatten“, sagte er kurz nach dem Spiel samt Gruppensieg auf dem Feld im Mannschaftskreis. Und er hätte kaum mehr Begeisterung und Stolz in seine Stimme legen können. Solche Herausforderungen, solche Spiele, solche Bewältigungen liebt der 42-Jährige. Er empfindet sie nicht zuletzt als Meilensteine für die Entwicklung der Spieler.Schwimmtechnik:„Man sollte nicht zu viel einatmen“Wie schwimmt man richtig mit dem Kopf unter Wasser? Was ist die gesündeste Technik – und welche die einfachste? Antworten von Bundesstützpunkttrainer Lasse Frank.Für solche Spiele – maximaler Druck, maximaler Erfolg – sind die deutschen Hockeymänner berühmt geworden. Nimmt man den Spielstand zum Ende der regulären Spielzeit, dann haben deutsche Hockeymänner unter dem Trainer Henning seit seinem Amtsantritt 2021 noch nie ein K.o.-Spiel bei einem der drei großen Turniere (Olympia, WM, EM) verloren. Streng genommen war dieses letzte Gruppenspiel der Zwischenrunde gegen Australien zwar nun gar kein K.o.-Spiel – aber angefühlt hat es sich doch wie eines. In dem Wissen, dass es – nach der 1:2-Niederlage im ersten Zwischenrundenspiel gegen Spanien – unbedingt siegreich zu bestreiten ist, um ins Halbfinale einzuziehen.Dass die deutschen Hockeymänner den Kampfnamen Comeback-Kings tragen, weil sie sich in brenzligen Turnier- und Spielsituationen kurzfristig zu besonders explosiver Form aufraffen können, ist mittlerweile schon fast etwas abgedroschen. Sie wiederholen dieses Schema nämlich einfach zu oft. Aber pfiffige neue Superlative mit Stabreim finden sich nur schwierig. Dellen-Dompteure, Auferstehungs-Aficionados oder auch Frustrationsabbau-Fachangestellte können da kaum überzeugen. Man bleibt also am besten beim altbekannten Terminus.Henning sagt einen im Fußball schon lange nicht mehr gehörten Satz: „Das ist eine klassische deutsche Turniermannschaft!“Gegen die Australier, die man also dringend bezwingen musste, brachten sich die deutschen Spieler einmal wieder in ihre – wenn man so will – Lieblingssituation: mit dem Rücken zur Wand. Sie gerieten schon nach drei Minuten 0:1 in Rückstand. Was für ein herausragender Kniff! In der Folge nämlich drehte die Mannschaft auf und das Spiel durch Treffer von Hannes Müller (11. Minute) und Michel Struthoff (12.) binnen 62 Sekunden. Diese Führung gaben sie nicht mehr aus der Hand. Justus Warweg (3:1, 19.) und Hugo von Montgelas (4:2, 40.) sicherten den Erfolg mit weiteren Treffern ab.„Das war ein krasser Spirit“, jubilierte Bundestrainer Henning hinterher bei Magenta-TV und sagte jenen Satz, den man im deutschen Mannschaftssport nur allzu gern hört und im Fußball schon lange nicht mehr gehört hat: „Das ist eine klassische deutsche Turniermannschaft!“In dieser Rolle (Turniermannschaft, klassisch, deutsch) haben die Hockeymänner 2023 den WM-Titel geholt, standen 2024 im olympischen Finale und gewannen 2025 in Mönchengladbach die Europameisterschaft. Diese Final-Serie könnte nun fortgeschrieben werden, und zwar im Halbfinale am kommenden Freitag. Gegner und Ort standen aufgrund des Spielplans bis Montagnachmittag nicht fest, es konnten die Niederlande in Amstelveen ebenso sein wie Argentinien oder England in Wavre. Die Medaillenspiele werden am Sonntag in Wavre ausgetragen (deutsche Spiele kostenlos bei Magenta-TV).Dem Bundestrainer kommt da offenbar jeder Gegner zu jedem Zeitpunkt gerade Recht. In der Weltspitze (aktuelle Rangliste: 1. Belgien, 2. Niederlande, 3. England, 4. Australien, 5. Deutschland, 6. Spanien) gibt es in keinem Duell einen Favoriten, die siegbringenden Faktoren sind minimal und tagesformabhängig. Dass man das Halbfinale als WM-Minimalziel erreicht hat, freut Henning ganz grundsätzlich „mega – für die Jungs!“Vier Tage hat man nun, um sich zu erholen und sich auf den nächsten Gegner vorzubereiten. Vielleicht malt der Bundestrainer noch einmal eine motivationssteigernde Formvorhersage aufs Clipboard. Dass Hockeyspieler schon Zwischenziele feiern, braucht unterdessen niemand zu glauben. Auf die Frage, ob man den Triumph über Australien mit einem Bierchen feiere, reagierte Kapitän Tom Grambusch gleichermaßen irritiert wie lakonisch: „Da gehe ich nicht von aus!“ In der derzeit klassischsten deutschen Turniermannschaft zelebriert man lieber die ganz großen Etappenziele.