Er galt einst als Nachfolger von Federer, Nadal und Djokovic – nun wurde Nick Kyrgios positiv auf Kokain getestetDem australischen Tennisspieler droht eine Sperre von bis zu vier Jahren, womöglich sogar das Karriereende. Wie konnte er so tief fallen?24.08.2026, 13.00 Uhr4 Leseminuten«Enfant terrible» oder einfach missverstanden? Nick Kyrgios spaltet die Tenniswelt seit über zehn Jahren.Dave Hunt / ImagoNick Kyrgios ist wohl das grösste unerfüllte Versprechen des Tennissports. Mit aussergewöhnlichem Talent gesegnet, aber noch begabter darin, sich selbst im Weg zu stehen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er gehört zu den wenigen Spielern, die Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic bezwangen. Alle jeweils in der ersten Begegnung. 2022 erreichte er den Wimbledon-Final, insgesamt gewann er sieben ATP-Titel im Einzel und einen Doppeltitel am Australian Open. In seiner besten Phase stand er auf Platz 13 der Weltrangliste.Doch Kyrgios’ Erfolge werden von Skandalen und Tiefpunkten überschattet. Der jüngste: eine Dopingprobe von den Mallorca Championships im Juni wies Benzoylecgonin nach, ein Abbauprodukt von Kokain. Seit dem 4. August ist er vorläufig suspendiert. Kyrgios legte keine Berufung ein, wie die International Tennis Integrity Agency mitteilte.Auf Instagram entschuldigte er sich bei Fans, Familie, Sponsoren und Kindern, die zu ihm aufschauen. Er habe einen grossen Fehler gemacht – der Satz fasst seine Karriere treffend zusammen.Zwischen Genie und VerweigerungAls schlaksiger 19-Jähriger mit Irokesenfrisur und Goldkette betrat Kyrgios 2014 die Bühne des Welttennis. Damals traf er als Nummer 144 im Wimbledon-Achtelfinal auf Rafael Nadal, die Nummer 1. Er spielte wie im Rausch, zeigte einen «Tweener», den Schlag zwischen den Beinen durch, und 37 Asse. Kyrgios rang den besten Spieler der Welt nieder.Seit Boris Becker habe niemand mehr so unbeeindruckt von der Kulisse Wimbledons aufgespielt, sagte die Tennislegende John McEnroe. Auch in Melbourne schaffte es Kyrgios in den Viertelfinal – als erster Teenager seit Roger Federer 2001 an zwei Majors. Doch an seinem Heimturnier in Australien begann auch der Ruf als «Enfant terrible».Mit einem Knall betrat Nick Kyrgios die Tennisbühne: 2014 bezwang der 19-Jährige Rafael Nadal im Wimbledon-Achtelfinal.Stefan Wermuth / ReutersSchläger landeten im Publikum, Kyrgios fluchte lauthals, nannte Gegner «Abschaum» und behauptete später, er habe mit sich selbst gesprochen. Er verspottete Schiedsrichter und schenkte Spiele her, wenn er keine Lust hatte. Eine Geldstrafe folgte der nächsten. Während eines Duells mit Stan Wawrinka posaunte er heraus, sein Freund Thanasi Kokkinakis habe mit Donna Vekic geschlafen, mit der Wawrinka damals liiert gewesen sein soll.Kyrgios gelobte Besserung – und brach seine Versprechen immer wieder. Auf dem Platz berauschte er derweil das Publikum mit seinem spektakulären Stil, animierte die Fans, stritt sich bisweilen mit ihnen. Langeweile bot Kyrgios jedenfalls nie. Viele liebten ihn für seine ungebügelte Art im feinen Tenniszirkus. Und Kyrgios liebte die Aufmerksamkeit.Aber Charisma allein bringt keinen Grand-Slam-Titel. «Mental ist er etwa die Nummer 200 der Welt», sagte McEnroe drei Jahre nach seinem Becker-Vergleich. Kyrgios trainiere keine fünfzehn Minuten am Tag, sagte einst ein Coach. Er selbst kokettierte damit, dass er lieber Basketballprofi geworden wäre. Mit 30 werde er sicher kein Tennis mehr spielen, sagte Kyrgios.Es schien, als fürchtete er sich davor, sein Talent durch harte Arbeit auf die Probe zu stellen. Denn wen hätte er verantwortlich machen können, wenn selbst der volle Einsatz nicht zum Erfolg geführt hätte? Hinter seiner lustlosen Attitüde und dem «Bad Boy»-Image fand er Schutz.Für immer unerfüllte VersprechenAb 2020 sprach er wiederholt öffentlich über Depressionen und Suizidgedanken. Die vielen Partynächte und Eskapaden von Kyrgios erschienen plötzlich als Flucht vor dem immensen Druck im Tennissport. 2019 habe er Drogen genommen, jede Nacht getrunken, sich selbst verletzt.Kyrgios, der Missverstandene – so kann er auch gelesen werden. Er setzte sich stets für benachteiligte Kinder ein, sammelte 2020 Geld für die Opfer der Buschfeuer in Australien. 2022 spielte er dann sein bestes Tennis, erreichte in Wimbledon mit 27 Jahren den Final gegen Novak Djokovic. Doch dann trat er den Glauben an eine grosse Wende doch wieder mit Füssen.Während des Turniers wurde bekannt, dass Kyrgios sich vor Gericht wegen häuslicher Gewalt gegen seine frühere Partnerin verantworten musste. Er bekannte sich schuldig; die Richterin stellte das Verfahren ohne Verurteilung ein. Es war der Anfang vom Ende seiner Karriere.Das Spektakel, das Kyrgios auf den Tennisplatz brachte, würde dem Sport ohne ihn zweifellos fehlen.Joel Carrett / ImagoAb 2023 stoppten ihn erst eine Knieverletzung, dann ein Bänderriss im Handgelenk. Danach absolvierte er in dreieinhalb Jahren zehn Matches auf der ATP-Tour. Daneben versuchte er sich als Kommentator oder spielte Show-Matches, um seine sportliche Irrelevanz zu kaschieren.Und nun also die Sperre wegen Kokain. Kyrgios’ neuster Tiefpunkt birgt auch eine gewisse Ironie. Er gab sich gern als Moralapostel, wenn es um Doping ging. Es sei «widerwärtig» für den Sport, sagte er, als Jannik Sinner und Iga Swiatek positiv auf verbotene Substanzen getestet wurden. Beide Fälle erklärten die Behörden hinterher mit unbeabsichtigter Kontamination.Auch über Simona Halep, die einstige Nummer 1, spottete Kyrgios Ende 2023 wegen einer Doping-Sperre. Würde er solche Substanzen nehmen, hätte er schon fünf Grand-Slam-Titel gewonnen, schrieb er. «Tritt niemals jemanden, der am Boden liegt», antwortete Halep nun.Auf Instagram klingt Kyrgios plötzlich reumütig. Tennis habe ihn gewählt, nicht umgekehrt. Die Verletzungen und der Gedanke an sein Karriereende hätten ihn stark belastet. Im schlimmsten Fall drohen ihm vier Jahre Sperre. Weist Kyrgios nach, dass er die verbotene Substanz ausserhalb des Wettkampfs konsumierte und sie nicht der Leistungssteigerung diente, könnten es auch nur einige Monate sein.Kyrgios schliesst sein Statement mit einer weiteren Entschuldigung. Er verspricht, an sich zu arbeiten, stärker zurückzukehren. Doch Kyrgios und seine Versprechen – das ist so eine Sache.Passend zum Artikel