Wer modisch richtig liegen will, muss flexibel sein. Trends ändern sich schneller, als sich das Preisschild von der neuen Bluse entfernen lässt. Sommer-Must-have hier, Influencer-It-piece da – der eigene Stil wird beliebig angepasst. Und mit ihm, so scheint es, das eigene Gewissen. Denn alle zwei Wochen eine neue Kollektion bei der Lieblings-Fast-Fashion-Marke zu entdecken, bedeutet auch, nicht mehr so genau hinzuschauen.Billige Materialien und ein schlechter Schnitt werden ignoriert. Und die Frage, woher das alles kommt, ist wie das Kleingedruckte, das niemand liest. Stattdessen zählt die Einordnung von außen: Was trägt man jetzt? Hat man sich bei all dem Wegsehen selbst aus den Augen verloren, muss jemand mit prominentem Namen bürgen. Und das ist hoffentlich der Richtige.Einig sind sich die Fans von Bad Bunny: In der Halbzeit-Show beim Super Bowl im Februar dieses Jahres performte der Latin-Rap-Sänger nicht nur als erster Künstler durchgehend auf Spanisch – als Zeichen gegen Intoleranz und Diskriminierung. Er trug dabei auch ein maßgeschneidertes Outfit von Zara, einer der weltweit beliebtesten Fast-Fashion-Marken. Ganz in Crème, mit Hemd und Krawatte unter dem stilisierten Football-Trikot, wurde sein Auftritt für die Anhänger zum Wir-Gefühl, das am Ende auf einem Football zu lesen war, den Bad Bunny in die Kamera hielt: „Together, we are America.“Die Uhr zum Zara-Outfit kostete knapp 70.000 EuroAlle sind gleich, so die schöne Botschaft. Dass der aus Puerto Rico stammende Musiker als Accessoire eine knapp 70.000 Euro teure Uhr von Audemars Piguet wählte, die mehr kostet, als einem Hispanic-Haushalt in den USA jährlich im Mittel zur Verfügung steht, buchten Modemedien unter Styling ab. Und dass Zara aus ebenjenem Spanien stammt, das einst Bad Bunnys Heimat kolonisierte, interessierte nicht weiter. Denn Benito Antonio Martínez Ocasio, so sein bürgerlicher Name, steht für alles, was für ein ethisches Bewusstsein wichtig ist: Diversität, gelebte Migration und soziale Gerechtigkeit. Und diese Haltung spricht offenbar sogar eine Fast-Fashion-Marke heilig.Das genaue Gegenteil verkörpert der britische Designer John Galliano – und wurde damit ebenfalls zum moralischen Maßstab, nur markierte er das untere Ende. Als Zara ihn fünf Wochen nach dem Super Bowl als Kreativpartner ankündigte, war der Aufschrei groß.Vom All aus zu sehen: die riesige Altkleider-Müllkippe in der Atacama-Wüste in Chile.AFPIm Gegensatz zum Bad-Bunny-Hype wurde nun auf Social Media zum Boykott seiner Kollektionen aufgerufen, die von September an in den Zara-Filialen hängen sollen. Denn man erinnerte sich: 2011 zeigte ein Video, wie John Galliano in einer Pariser Bar erklärte, er „liebe Hitler“. Dior entzog ihm die Position als Chefdesigner, und auch bei seinem eigenen Mode-Label verlor er seinen Posten, bevor ihn ein Gericht wegen rassistischer und antisemitischer Beleidigungen verurteilte.Es folgten ein Aufenthalt in einer Entzugsklinik und ein Jahr Studium bei einem Rabbiner – das reichte der Branche, um ihn 2014 zum Kreativdirektor bei Maison Margiela zu machen. Die Kundschaft hatte ihm längst verziehen: Der Umsatz stieg um mehr als 20 Prozent. Mit Anna Wintours Unterstützung war die Rehabilitation komplett. Zur Met Gala 2024 trug auch Bad Bunny einen Entwurf von ihm. Die große Empörung kam überraschenderweise jetzt erst mit der Ankündigung zurück, dass Galliano künftig für Zara in den Archiven auf Trendsuche gehen soll.
Bad Bunny trägt Zara: Wie Fast Fashion das Gewissen beruhigt
Billigmode wird noch immer unter fragwürdigen Bedingungen produziert. Doch die Branche wächst weiter. Selbst Superstars wie Bad Bunny tragen Zara – und werden dafür gefeiert. Wie kann das sein?






