PfadnavigationHomeDebatteArtikeltyp:MeinungZuwanderung & SozialsystemDie fehlende Rechnung in der amtlichen MigrationsberichterstattungVon Jochen ZimmermannStand: 10:03 UhrLesedauer: 5 MinutenOhne Fachkräfte geht es nicht: Kfz-WerkstattQuelle: Robert Günther/dpa-tmn/Robert GuentherExperten fordern die Zuwanderung von Hunderttausenden pro Jahr. Aber es kommt nicht auf die reine Zahl an, sondern auf die Fähigkeiten, schreibt Wirtschaftsprofessor Jochen Zimmermann in einer Analyse.Es beginnt mit einer kleinen Episode aus dem Wahlkampf – und am Ende landet man bei einer viel größeren Frage. Ulrich Siegmund, AfD-Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt, nannte im MDR Zahlen zu Migration und Bürgergeld. Zwei Ministerien widersprachen seinen Angaben. Der MDR rechnete nach und bestätigte beim Bürgergeld die Größenordnung. Bei anderen Zahlen wird die Sache merkwürdiger: Behörden erklären sie für falsch, können aber offenbar keine eigene Gesamtrechnung vorlegen.Das macht neugierig. Denn eigentlich müsste ein Land, das seit mehr als zehn Jahren so erbittert über Migration streitet, seine Zahlen kennen. Vor allem dort, wo Zuwanderung mit einer ökonomischen Notwendigkeit begründet wird. Deutschland altert, die Babyboomer gehen in Rente, Arbeitskräfte fehlen, die Sozialversicherungen brauchen Beitragszahler. Von Politikern und Ökonomen, Arbeitgeberverbänden und Unternehmensvertretern hören wir deshalb immer wieder denselben Satz: Deutschland braucht Migration.Lesen Sie auchDeutschland weiß ziemlich genau, wie viele Menschen einwandern. Es kennt Staatsangehörigkeiten und Aufenthaltsstatus, zählt Arbeitslose, Bürgergeldempfänger und sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Die Bundesagentur für Arbeit kennt sogar die Medianlöhne einzelner Staatsangehörigkeiten. Nur eine naheliegende Rechnung stellt niemand an: Welche Beitragsbasis entsteht eigentlich aus unterschiedlichen Formen der Zuwanderung?Denn ein alternder Staat braucht nicht einfach mehr Einwohner. Er braucht Einkommen, aus denen Beiträge und Steuern entstehen. Nach einer kleinen Schnitzeljagd durch die amtlichen Daten lässt sich eine einfache Kennzahl konstruieren: Wie viel sozialversicherungspflichtige Bruttolohnsumme entfällt monatlich auf 100 Mitglieder einer bestimmten Population?Darin stecken Beschäftigung, Voll- und Teilzeit und die Höhe der Löhne. Der Vergleichsmaßstab sind die Deutschen selbst. Von den rund 71 Millionen Deutschen sind gut 29 Millionen sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Verbindet man Voll- und Teilzeitbeschäftigung mit den beobachteten Verdiensten, kommen 100 Deutsche überschlägig auf etwa 170.000 Euro sozialversicherungspflichtige Bruttolohnsumme im Monat.Lesen Sie auchFür die Fluchtmigration lässt sich dasselbe näherungsweise rekonstruieren. Die Bundesagentur kennt die Voll- und Teilzeitbeschäftigung der wichtigsten Asylherkunftsländer und der Ukraine sowie die Medianlöhne der Vollzeitbeschäftigten. Wo Zahlen fehlen, haben wir schlicht die für Deutsche beobachteten Verhältnisse übertragen. Das Ergebnis sollte man nicht auf den Euro genau nehmen, es ist ein Überschlag aus den amtlichen Daten. Die Größenordnung ist dennoch aufschlussreich: 100 Menschen aus dieser Gruppe kommen auf etwa 80.000 Euro sozialversicherungspflichtige Bruttolohnsumme im Monat.Lesen Sie auchDass Migration wirtschaftlich auch etwas vollkommen anderes bedeuten kann, zeigt Indien, von wo immer mehr der hiesigen Arbeitsmigranten stammen. Gut 300.000 Inder leben in Deutschland, rund 180.000 von ihnen sind sozialversicherungspflichtig beschäftigt. Mit demselben Verfahren kommen 100 Inder auf ungefähr 320.000 Euro monatliche Lohnsumme.Nun kommt die Menge hinzu. Gut 300.000 Indern stehen mehr als drei Millionen Schutzsuchende gegenüber. Die weit überdurchschnittliche indische Arbeitsmigration ist also vergleichsweise klein. Die Fluchtmigration, deren beitragspflichtige Lohnsumme je Kopf ungefähr der bekannten Gruppe aus Hauptherkunftsländern entsprechen dürfte und nicht einmal halb so hoch ist wie die deutsche, hat eine ganz andere Größenordnung erreicht.Lesen Sie auchHätten diese mehr als drei Millionen Menschen dieselbe Erwerbs- und Einkommensstruktur wie die deutsche Bevölkerung, würden sie nach unserer überschlägigen Rechnung jährlich rund 35 Milliarden Euro mehr sozialversicherungspflichtige Bruttolohnsumme hervorbringen. Daraus entstünden zusätzliche Sozialversicherungsbeiträge und Einkommensteuern. Tatsächlich bleibt die Finanzierungsbasis deutlich hinter derjenigen einer gleich großen deutschen Population zurück. So entsteht Umverteilung.Die Differenz müssen andere tragen: Arbeitnehmer über Beiträge und Steuern, Arbeitgeber über ihre Sozialversicherungsbeiträge und Unternehmenssteuern oder die Empfänger staatlicher Leistungen durch deren Begrenzung. Genau über diese drei Dinge diskutiert Deutschland inzwischen gleichzeitig: steigende Sozialabgaben, höhere Steuerzuschüsse und die Frage, welche Leistungen noch finanzierbar sind.Migration als Antwort?Natürlich hat das viele Ursachen. Alterung und vor allem fehlender Produktivitätsfortschritt setzen die sozialen Sicherungssysteme unter Druck. Nur wurde Migration gerade als Antwort auf dieses Problem angeboten. Wenn jedoch eine der größten Zuwanderungspopulationen je Kopf weniger als die Hälfte der deutschen beitragspflichtigen Erwerbsbasis hervorbringt, löst sie das Problem nicht. Gemessen an der Beitragsbasis verschlechtert sie die Relation, die sie verbessern sollte.Das macht auch den Ruf der Arbeitgeberverbände nach mehr Migration erklärungsbedürftig. Für das einzelne Unternehmen ist der Nutzen einer besetzten Stelle unmittelbar sichtbar. Die Arbeitgeber insgesamt begegnen der anderen Seite der Rechnung aber wieder, wenn Sozialversicherungsbeiträge steigen oder zusätzliche Steuermittel benötigt werden. Ein Teil des betriebswirtschaftlichen Nutzens wird so volkswirtschaftlich wieder abgeschöpft. Den Rest zahlen die anderen.Vielleicht wird deshalb schon die Ausgangsfrage falsch gestellt. Regelmäßig wird berechnet, ob Deutschland 300.000, 400.000 oder 700.000 Zuwanderer jährlich brauche. Der Staat braucht aber keine bestimmte Zahl zusätzlicher Köpfe. Er braucht Wertschöpfung, beitragspflichtige Einkommen und Steuern. Wie viele Menschen dafür erforderlich sind, hängt davon ab, wie viele arbeiten, wie viel sie arbeiten und was sie verdienen.Lesen Sie auchEigentlich müsste diese Rechnung längst zur amtlichen Migrationsberichterstattung gehören. Die notwendigen Daten sind zu großen Teilen vorhanden. Sie werden nur nicht zusammengeführt.Damit sind wir wieder in Sachsen-Anhalt. Dass Politiker Zahlen auswählen, die zur eigenen Argumentation passen, ist nicht neu. Erstaunlicher ist, dass der Staat nach mehr als einem Jahrzehnt intensiver Migrationsdebatten keine konsolidierte Rechnung danebenstellen kann.Deutschland kennt nicht zu wenige Zahlen über Migration, sondern die falschen. Es zählt Menschen, obwohl es erfassen sollte, welche wirtschaftliche Basis mit ihnen entsteht. Die Rechnung wäre nicht besonders kompliziert. Nach dem Überschlag stehen 80.000 und 320.000 Euro monatliche sozialversicherungspflichtige Lohnsumme je 100 Menschen nebeneinander. Das ist eine ziemlich große Spannweite für etwas, das wir mit einem einzigen Wort als Migration bezeichnen.Jochen Zimmermann ist Professor für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bremen.