Seit der Corona-Pandemie gibt es im Bundesgesundheitsministerium ein rotes Telefon wie aus einem Politkrimi. Es steht in einem Berliner Besprechungsraum und ermöglicht den direkten Draht ins Kanzleramt. Damit könne sie ohne Umwege Amtschef Thorsten Frei anrufen, sagte Nina Warken vor einigen Wochen, als sie noch Gesundheitsministerin war. Nötig sei die Verbindung bisher aber nicht gewesen, so die CDU-Politikerin, außerdem müsse sie sich erst einmal erklären lassen, welche Knöpfe an dem Apparat zu drücken seien.Heute sitzt die Siebenundvierzigjährige am anderen Ende der Leitung auf Freis Sessel, dieser wurde Fraktionsvorsitzender der Union. Kanzler Friedrich Merz hat Warken zur Bundesministerin für besondere Aufgaben befördert, was der offizielle Titel für die Leitung seines Hauses ist. Sie ist die erste Frau auf diesem Posten und sticht auch vom Alter her heraus. Nur Bodo Hombach und Helge Braun waren 1998 und 2018 noch etwas jünger.Verfrühte Häme über „Ministerin Ahnungslos“Warkens Karriere verlief schnell, geräuschlos und gegen viele Erwartungen. Sie wurde oft unterschätzt und belächelt, ähnlich wie Helmut Kohl, Angela Merkel oder Olaf Scholz vor ihren Aufstiegen. Nach dem Ruf ins Gesundheitsministerium im Mai 2025 bezeichneten Medien die in diesem Politikfeld unerfahrene Warken als „Ministerin Ahungslos“. Diese Häme war nicht weit entfernt von dem Spott über Merkel als „Kohls Mädchen“ oder von der Verballhornung „Scholzomat“.Bezeichnend an der Sache mit dem roten Fernsprecher ist Warkens Bekenntnis, sie müsse den Umgang damit erst noch lernen. Genau so geht sie neue Aufgaben an: hält sich erst einmal zurück, liest die nötigen Akten – oder Gebrauchsanweisungen –, lässt sich instruieren und drückt erst dann die Knöpfe. Als Juristin mit Abschluss aus Heidelberg und Anwältin in der Kanzlei ihres Schwiegervaters, die Zulassung ruht, ist sie die schnelle gründliche Aufnahme von Informationen ebenso gewohnt wie das Zuhören, die Berücksichtigung unterschiedlicher Standpunkte, das abgewogene Entscheiden und dann das Einstehen dafür.Die dreifache Mutter ist zähIns Rampenlicht stellt sie sich nicht, sie ist keine begnadete Rednerin, ihre Interviews durchziehen viele „Ähs“. Das bedeutet nicht, dass die wendige Tennisspielerin Öffentlichkeit und Kontroversen scheut. Die Mutter dreier minderjähriger Söhne ist beharrlich, manche sagen zäh, und auf leise Weise durchsetzungsstark. In der Politik musste sie sich schon oft bewähren, zunächst innerhalb ihrer Partei, wo sie unter anderem Vizevorsitzende der Jungen Union war, sowie als Gemeinderats- und Kreistagsmitglied in ihrer baden-württembergischen Heimat. Sie war dort auch, als erste Frau, Landespräsidentin des Technischen Hilfswerks.Rückschläge entmutigen sie nicht, sondern spornen sie an. 2013 kam sie erstmals in den Bundestag, verpasste aber 2017 den Wiedereinzug über die Landesliste und rückte erst Ende 2018 nach. Um unabhängig von der Liste zu werden, trat sie 2021 als Direktkandidatin an, wobei sie sich gegen einen von der örtlichen CDU-Führung favorisierten männlichen Bewerber durchsetzte. Der Erfolg gab ihr recht: Für den Wahlkreis Odenwald-Tauber holte sie eines der höchsten Ergebnisse unter allen CDU-Direktmandaten. Vier Jahre später war das Resultat noch besser.Spätzle-Allianz im Bund mit Frei, Bilger und KrichbaumWarken hat es verstanden, sich eine Machtbasis sowohl in öffentlichen Ämtern als auch innerhalb der Partei aufzubauen, im Ländle ebenso wie im Bund. Ihr Emporkommen und ihre Standfestigkeit verdankt sie auch diesen vielen Stützen. Vor dem Wechsel ins Kabinett wirkte sie als Parlamentarische Geschäftsführerin der Bundestagsfraktion. Zwischen 2023 und 2025 war sie Generalsekretärin der Südwest-CDU unter Manuel Hagel. Die „Spätzle-Allianz“ steht auch im Bund: Frei und Verkehrsminister Steffen Bilger kommen aus Warkens Landesverband, desgleichen Europa-Staatssekretär Gunther Krichbaum im Auswärtigen Amt.In der Frauen-Union ist sie bis zur Bundesvorsitzenden aufgestiegen. Auch hier, auf dem entscheidenden Delegiertentag 2025, schreckte sie vor einer Kampfabstimmung nicht zurück und gewann gegen eine einflussreiche Konkurrentin aus NRW. Damit bewies sie ihre bundespolitische Mobilisierungsfähigkeit. Seit dem Sieg ist sie beratendes Mitglied im CDU-Bundesvorstand. Warken spielt die Genderkarte selten aus, sie weiß aber, was sie als erfolgreiche Frau in Partei und Regierung wert ist und dass Merz sie auch deshalb braucht.Merz braucht die „blitzgescheite Generalistin“Die 1979 in Bad Mergentheim als Nina Bender geborene Katholikin mit Lebensmittelpunkt in Tauberbischofsheim kommt zurückhaltend daher. Anders als viele männliche Kollegen macht sie nur dann Wind, wenn es der Sache dient. In dieser uneitlen, aber selbstbewussten Art ähnelt sie abermals Angela Merkel. Diese ließ den Geltungsdrang aufgeblasener Gesprächspartner an sich abtropfen und wusste die darauffolgende Verunsicherung für sich zu nutzen.Merz machte Warken 2025 völlig überraschend – auch für sie selbst – zur Gesundheitsministerin: weil er frische Gesichter und jüngere Damen im Kabinett brauchte, weil er ihr Talent und ihre Loyalität erkannte und weil sie aus Baden-Württemberg stammte. Sie war sowohl von Frei als auch von Hagel protegiert worden, Letzterer nannte sie eine „blitzgescheite Generalistin“.Das Krankenkassenspargesetz empfiehlt sie für HöheresIm Gegensatz zu anderen Berufungen, etwa von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, hat Warken dem Kanzler wenig Kummer bereitet, und zuweilen sogar Freude. Ende April lobte er sie in höchsten Tönen. Der Gesetzentwurf zur Beitragssatzstabilität in der gesetzlichen Krankenversicherung stelle „eine der bedeutendsten sozialstaatlichen Reformen der letzten Jahrzehnte dar“, pries der Kanzler. Und direkt an seine Duzfreundin Warken gewandt: „Der Entschlossenheit und dem Tempo, das du hier vorgelegt hast, gebührt allergrößte Anerkennung.“Zwar wurde es noch einmal hakelig mit der Novelle, weil sie der Bundesrat nicht einfach durchwinken wollte. Aber die Pragmatikerin Warken kaufte den Ländern die Zustimmung mit einer halben Milliarde Euro für ihre Krankenhäuser ab, sodass es doch klappte. Merz dankte anschließend für die „hohe Professionalität“ in der parlamentarischen Verabschiedung des Spargesetzes.Warkens Gesellenstück ist schlechter als sein RufPolitisch betrachtet ist Warkens Gesellenstück gelungen. Es ist das volumenstärkste Konsolidierungsprogramm für die Kassen seit 2004 und die erste Reform zur Dämpfung der Sozialbeiträge dieser Regierung. Inhaltlich aber fiel das Paket viel mutloser aus, als es die vorbereitende Finanzkommission Gesundheit empfohlen hatte. Anders als von Warken versprochen, schließt das Gesetz die Lücke zwischen Ausgaben und Einnahmen nicht bis 2030, sondern bestenfalls bis 2028.Auch werden gar nicht alle Beitragssätze eingefroren, da Kassenmitglieder mit bisher kostenfrei mitversicherten Lebenspartnern faktisch höhere Sätze entrichten müssen. Gleiches gilt für Arbeitgeber von Minijobbern. Da die Beitragsbemessungsgrenze außerplanmäßig steigt, bedeutet die Reform für Gutverdiener und deren Arbeitgeber eine Zusatzbelastung. Zugleich schießt der Bund viel weniger Geld zu, als die Fachleute geraten hatten, vor allem für die Gesundheitskosten der Grundsicherungsempfänger.Linnemann steht vor hinterlassenen GroßbaustellenDas neue Gesetz ist also nicht der große Wurf, den Merz und Warken in ihm sehen, zumal der strukturelle Umbau des Kassensystems noch aussteht. Warken hinterlässt ihrem Nachfolger Carsten Linnemann (CDU) weitere Großbaustellen, darunter das Pflegeneuordnungsgesetz und die Primärversorgung. So gesehen hat sie gerade noch rechtzeitig vor den eigentlichen Herkulesaufgaben den Absprung geschafft. Linnemann muss unbedingt vermeiden, dass für diese wieder nur halbe Lösungen gefunden werden.Und Warken? Sie fühlt sich in ihrer jüngsten Rolle offenbar wohl. Dies auch deshalb, weil ihr die Themen im Kanzleramt inhaltlich näher liegen als im Gesundheitsministerium. Im Bundestag hat sie sich um Innen-, Rechts- und Sicherheitspolitik gekümmert, um die Integration, um das Asyl- und Wahlrecht. Sie saß im Untersuchungsausschuss zur Pkw-Maut, vor allem aber war sie die Unions-Obfrau in jenem zur NSA-Affäre. Dort ging es um die Ausspähungen amerikanischer und anderer Geheimdienste in Deutschland.Heute macht Warken in der Reform der deutschen Nachrichtendienste Tempo, deren Koordinatorin sie ist. Bis Ende des Jahres soll ein Gesetz abgeschlossen sein, das dem BND und dem Verfassungsschutz mehr Befugnisse zugesteht: nicht nur zum Sammeln von Informationen, sondern erstmals auch für aktive Gegenangriffe, etwa gegen Cyberattacken.Opposition und Datenschützer machen gegen das Vorhaben mobil, möglicherweise stehen Klagen vor dem Verfassungsgericht an. Warken ist zuzutrauen, dass sie die Neuordnung trotzdem durchbringt. Wer sich im Haifischbecken der Gesundheitspolitik durchsetzen konnte, der schafft das auch im Kanzleramt. Und wer weiß: Vielleicht warten noch höhere Weihen auf sie.