Sam Smith: Der Soundtrack für die kürzer werdenden TageGeschmackvoller klang Pop selten in der letzten Zeit: Der britische Pop-Star stimmt auf seinem neuen Album melancholische Töne an.Daniel Haas24.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenSam Smith: Geschmackvoller klang Pop selten.Steve Jennings / GettyEr beherrscht viele Genres und fast alle Stillagen: House und Soul, Gospel, Pop und auch Country. Sein Falsett ist glasklar und dabei immer von einer seidigen Wärme. Sam Smith ist einer der besten Pop-Sänger seiner Generation.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als er 2013 mit «Lay Me Down» (mit John Legend) die internationale Medienbühne betrat, klang das so überraschend wie schlüssig. Nur von einem Klavier begleitet, sangen Smith und Legend ein Duett, das haarscharf am Kitsch vorbei eine schlichte Wahrheit intonierte: Liebeskummer ist furchtbar. «Told me not to cry when you were gone, but the feeling’s overwhelming, it’s much too strong» – du hast mir gesagt, ich solle nicht weinen, wenn du fort bist, doch das Gefühl ist überwältigend; es ist viel zu stark.Schrecklich schöner LiebeskummerWelcher Verlassene, welche Schmachtende könnte da widersprechen? Und weil Smith seine Trauer stimmlich so diszipliniert wie ein klassischer Sänger gestaltete, wirkte das Ganze nochmals stärker. «Lay Me Down» war die schrecklichste schönste Liebeskummer-Vertonung des Jahres. Mit dem englischen Elektro-Gespann Disclosure hatte er ein Jahr zuvor «Latch» eingespielt, einen tanzbaren Pop-House-Track. Die Orchestrierung war munter, unbekümmert. Ein Song für den Klub, aber auch für die Cabrio-Fahrt in die Ferien.Die Message war optimistischer als in «Lay Me Down»: You enchant me, even when you’re not around» – du verzauberst mich, auch wenn du gerade nicht da bist. «Verzaubert» ist man am Anfang einer Romanze. Hier war Smith der Barde romantischer Zuversicht, seine Stimme diszipliniert und energisch zugleich.Als er 2015 den James-Bond-Song singen durfte und sich in die Riege der 007-Hit-Stimmen einreihte – von Shirley Bassey über Tina Turner bis Chris Cornell –, war der Weltruhm besiegelt. Wie viele Songs, die einen James-Bond-Film eröffnen, war das Pathos enorm und die Botschaft schlicht: «If I risk it all, could you break my fall?» – wenn ich alles riskiere, könntest du meinen Sturz abfedern?Bei Adele, seinem in vielerlei Hinsicht weiblichen Pendant, was Sound und Ruhm angeht, klang das nicht wesentlich anders. Drei Jahre vor Smith hatte sie den Bond-Song «Skyfall» gesungen. «Let the sky fall. When it crumbles, we will stand tall» – lass den Himmel fallen. Wenn er zerbricht, werden wir standhaft bleiben.Auf «Hazel Eyes», dem neuen Album, ist die Rhetorik ebenfalls simpel, aber in jener für Pop idealen Weise, die dank einfacher Metaphorik – zerbrechende Herzen und Welten – gute Liebeslyrik hervorbringt. Die Arrangements sind sparsam. Smith verlässt sich auf sein Gespür für Melodien und auf die Strahlkraft seiner Stimme, die sich ein wenig abgedunkelt hat – ein Effekt, den man kulinarisch nennen könnte. Geschmackvoller klang Pop selten in der letzten Zeit.Der Schulterschluss mit modernen Soundästhetiken fehlt ganz, auch das ist angenehm. Keine Hip-Hop-Referenzen mit Autotune-Gequengel, keine House- oder Techno-Hektik. Stattdessen eine feine Mischung aus Country-, Gospel- und Rock-Anklängen, alle bezogen auf die Idee eines Balladen-Pop im Zeichen der Sehnsucht.Beim Song «My Guy» reichen ein Gitarrenmotiv von vier Tönen und Smiths warm und hell schimmernde Stimme aus, dass mit einem einfachen Vers ein Liebesabenteuer beginnt: «How could I know a love could be this true? And I didn’t know a dance could be this slow» – wie hätte ich wissen können, dass eine Liebe so wahr, ein Tanz so langsam sein kann? «How Will I Know» heisst ein Hit von Whitney Houston von 1985. Es würde einen nicht wundern, wenn Smith hier bewusst ein Zitat platziert hat – die Reverenz an die virtuose Pop-Tragödin der achtziger und neunziger Jahre.Mami muss helfenHerausragend ist das Stück «Oh Mother», eingespielt mit dem 28-köpfigen Chor The TwoCity Chorus. Klatschende Hände hämmern den Rhythmus, eine Rockgitarre knarzt wütend dazu: Astreiner Gospel ist das, nur dass es nicht um höhere Mächte, sondern niedere, das heisst menschliche, allzu menschliche Wünsche geht: Lieben, zurückgeliebt werden. «Mother I don’t know where to start. If I stay will he break my heart?» – Mutter, ich weiss nicht, wo ich anfangen soll; wenn ich bleibe, wird er mir dann das Herz brechen?Smith zitiert die Liebeslyrik der Girlbands der Doo-Wop-Ära. Da wurde auch die Mutter angerufen, wenn die Liebe aus dem Ruder lief. Mami als Trösterin, Ratgeberin und Mitstreiterin: ein schönes Ideal, das sich in Wirklichkeit nicht immer bewährt, aber im Pop ist’s eine singenswerte Utopie.«Hazel Eyes» erscheint jetzt, da der Sommer langsam zu Ende geht. Man kann dieses exzellente Album also als frühe Einstimmung hören: auf den Herbst, die Zeit mit weniger Sonne und mehr Reflexion. «Ich weiss gar nicht, wo ich anfangen soll, Mutter»: So beginnen Gespräche und Songs für kürzer werdende Tage.Passend zum Artikel