GastkommentarWerner Bruns und Marc Felix BrunsEin blinder Fleck namens Freiheit – jeder Mensch hat Anspruch auf Autonomie, doch ausgerechnet dafür haben die Sozialwissenschaften kein SensoriumSoziologie ist die Wissenschaft von den Mechanismen, Formen und Regeln des menschlichen Zusammenlebens. Seit Max Weber besitzt sie im deutschen Sprachraum eine mächtige Tradition. Seltsam nur, dass eines fast immer vergessenging: die Dimension der Freiheit.24.08.2026, 05.28 Uhr5 Leseminuten«Es lebe die Freiheit»: Protestaktion für die Amnestierung politischer Gefangener in Venezuela, Caracas 2026.Maxwell Briceno / ReutersEine der einflussreichsten politischen Strömungen der vergangenen drei Jahrzehnte, der Wokeismus, stand nie zur Wahl. Er entstand nicht in Parteien, Parlamenten oder Ministerien, sondern an Universitäten. Er ist kein politisches Programm, sondern ein wissenschaftliches Paradigma, das besonders in der Sozialwissenschaft verbreitet ist.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sozialwissenschaften beschreiben nicht nur soziale Entwicklungen. Sie liefern auch die Begriffe, mit denen Politik, Medien, Bildungseinrichtungen und Unternehmen gesellschaftliche Wirklichkeit deuten. Wer über Diversität, strukturellen Rassismus, Privilegien, Intersektionalität oder Identitätspolitik spricht, verwendet Kategorien, die im sozialwissenschaftlichen Diskurs entstanden und von dort in den allgemeinen Sprachgebrauch eingewandert sind. Der Zeitgeist ist ohne die Sozialwissenschaft nicht denkbar. Sie entwickelt und strukturiert die Begriffe, mit denen die Gesellschaft sich selbst versteht.Erst Frankreich, dann die USAEin wesentlicher Teil gegenwärtiger Entwicklungen ist durch Einflüsse aus den USA geprägt. Französische Denker wie Michel Foucault, Jacques Derrida oder Gilles Deleuze entwickelten ihre philosophischen Ansätze zwar in Europa, doch besonders an amerikanischen Universitäten wurden diese Ideen aufgegriffen und weiterentwickelt, etwa durch die Genderphilosophin Judith Butler.Viele gesellschaftliche Debatten unserer Zeit, von Wokeness über politische Korrektheit bis hin zu Diversität und Identitätspolitik, tragen daher eine amerikanische Prägung. Dort wurden poststrukturalistische Theorien mit Feminismus, Postkolonialismus, Gender-Studies und der Critical Race Theory verbunden, institutionell verankert und über Wissenschaftsnetzwerke, Medien, Stiftungen, NGO und global agierende Unternehmen zurück nach Europa und in den öffentlichen Diskurs getragen. Wokeness und Identitätspolitik sind deshalb nicht nur soziale Entwicklungen. Sie sind Ausdruck wissenschaftlicher Wirkungsmacht, jedoch als Produkte eines herrschenden disziplinären Paradigmas.Wer den Freiheitsbegriff nicht nutzt, sieht das Übel nicht, das er erzeugt.Um die gesellschaftliche Wirklichkeit verständlich zu machen, braucht es Begriffe und Konzepte. Gleichzeitig transportieren diese oftmals normative Deutungen, wodurch sie nicht nur die Beschreibung sozialer Verhältnisse beeinflussen, sondern schon deren gesellschaftliche Bewertung vorwegnehmen. Deutlich wird dies auch an den Begriffen, die im theoretischen Instrumentarium fehlen. Theoretische Sprache macht bestimmte Aspekte gesellschaftlicher Wirklichkeit sichtbar, andere hingegen verdeckt sie.Der Begriff der Freiheit ist eine solche problematische Leerstelle in einer Soziologie, die ihr Instrumentarium zur Analyse von Macht, Herrschaft und sozialer Ungleichheit seit ihrer Entstehung mit Beginn der Industrialisierung kontinuierlich erweitert hat. Augenfällig ist, dass individuelle Autonomie, dass Freiheit nie einen vergleichbaren Rang als Grundbegriff erreichte. Mittlerweile stigmatisiert als liberales oder neoliberales Leitmotiv, bleibt sie aus dem theoretischen Diskurs verdrängt.Diese Leerstelle bleibt nicht folgenlos. Gesellschaftlicher Wandel vollzieht sich nicht allein über Machtverschiebungen oder die Verteilung von Ressourcen, sondern ebenso über die Erweiterung oder Begrenzung individueller Handlungsspielräume.Kaum ein Ereignis verdeutlicht dies eindrucksvoller als die deutsche Wiedervereinigung. Mit dem Ende der DDR änderten sich nicht nur politische Institutionen und wirtschaftliche Strukturen. Millionen Menschen konnten nun frei reisen, ihre Meinung äussern, ihren Beruf wählen, Unternehmen gründen und Parteien beitreten. Über Nacht eröffneten sich neue Lebenschancen. Der Zugewinn an Freiheitsrechten erwies sich als eine gesellschaftsbildende Kraft.Lehren aus CoronaDiese Dimension blieb im soziologischen Blickfeld bis dato unterbelichtet. Andererseits zeigten die Corona-bedingten Lockdowns, wie tiefgreifend Einschränkungen der Bewegungs-, Versammlungs- und Berufsfreiheit das öffentliche Leben veränderten. Sie beeinflussten soziale Beziehungen, das Vertrauen in staatliche Institutionen und die politische Konfliktdynamik nachhaltig, unabhängig davon, wie einzelne Massnahmen heute bewertet werden. Nie wurde so deutlich, dass individuelle Freiheitsrechte keine abstrakte Idee sind.Freiheit ist dabei keine bloss individuelle Kategorie. Sie prägt Erwartungen, soziale Beziehungen und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wo Handlungsspielräume wachsen, verändern sich nicht nur einzelne Lebensläufe, sondern auch Institutionen, Formen gesellschaftlicher Kooperation und politische Kulturen. Umgekehrt führen dauerhafte Einschränkungen individueller Freiheit zu Anpassungsprozessen, neuen Abhängigkeiten und veränderten Mustern sozialen Handelns. Gerade deshalb ist Freiheit nicht nur Gegenstand politischer Philosophie, sondern auch ein genuin soziologischer Untersuchungsgegenstand.Auch die Konflikte der Gegenwart, etwa um die Meinungsfreiheit, verdeutlichen, dass die Grenzen individueller Selbstbestimmung selbst zum Gegenstand gesellschaftlicher Auseinandersetzungen geworden sind. Ohne einen Begriff der Freiheit bleiben zentrale gesellschaftliche Entwicklungen unverständlich. Freiheit als soziologischer Grundbegriff kann den Blick der Disziplin aus seiner vorwiegend gruppenbezogenen Engführung in Richtung auf eine stärker gesellschaftsbezogene Betrachtung der Welt ausweiten. Eine solche Erweiterung des analytischen Instrumentariums würde soziologische Erklärungen ausgewogener machen und ihren Anspruch stärken, gesellschaftliche Entwicklungen analytisch und wertneutral zu erfassen.Die Verleugnung individueller Autonomie, die den vorherrschenden Ansätzen in den Sozialwissenschaften innewohnt, versteht den Menschen als Produkt von Macht, insofern Ungleichheit als eine unmittelbare Folge von Unterdrückung betrachtet werden kann. Angelehnt an marxistisch inspirierte Konzepte, wird die Welt dann durch ein Täter-Opfer-Schema anhand von Gruppenidentitäten erklärt. Der Westen als ein unterdrückerisches System; Männer als Unterdrücker von Frauen; der weisse Mann als Kolonialist und Rassist.Nur wenn der Freiheitsbegriff keine Rolle in der Analyseperspektive spielt, wird eine derart unterkomplexe und monokausale Ursachenzuschreibung erst möglich. Eine Welt totaler Gleichheit wäre nicht erstrebenswert, wenn klar wäre, dass die Konsequenz die Aufgabe jeder Freiheit ist. Wer den Freiheitsbegriff nicht nutzt, sieht das Übel nicht, das er erzeugt. Wer etwa die soziostruktureIle Ungleichheit zwischen Männern und Frauen gänzlich beseitigen will, müsste allen Menschen die Berufe zuteilen und ihnen damit die Wahlfreiheit nehmen. Wie Ralf Dahrendorf treffend formuliert hat, führt der Weg zur absoluten Gleichheit unmittelbar in den Terror.Die Frage nach den LebenschancenEin zentraler theoretischer Ansatzpunkt findet sich in seiner Freiheitssoziologie. Für ihn verwirklicht sich Freiheit in den Lebenschancen der Menschen. Diese entstehen aus dem Zusammenspiel von Optionen, den realen Möglichkeiten, zwischen unterschiedlichen Lebenswegen zu wählen, und Ligaturen, den sozialen Bindungen und gemeinsamen Orientierungen, die diese erst ermöglichen und dauerhaft tragen. Freiheit ist damit weder bloss ein politisches Ideal noch das Gegenprogramm zu Gleichheit. Sie beschreibt eine gesellschaftliche Strukturbedingung individuellen Handelns.Darin läge die theoretische Ergänzung, die der Soziologie gegenwärtig fehlt. Eine Disziplin, die Machtverhältnisse mit grosser Präzision analysiert, sollte mit derselben Präzision auch die Bedingungen individueller Selbstbestimmung untersuchen. Sie sollte fragen, wodurch Lebenschancen aller Menschen erweitert oder eingeschränkt werden und welche Institutionen autonomes Handeln ermöglichen oder begrenzen. Macht, Ungleichheit und Freiheit sind keine Gegensätze. Sie beschreiben Aspekte derselben gesellschaftlichen Wirklichkeit.Der theoretische Instrumentenkasten der Soziologie ist in den vergangenen Jahrzehnten reicher geworden. Das ist ein wissenschaftlicher Fortschritt. Unvollständig bleibt er jedoch, solange die Dimension der Freiheit darin keinen gebührenden Platz einnimmt. Erst wenn Macht, Ungleichheit und Freiheit gemeinsam den Blick auf die Gesellschaft bestimmen, wird die Soziologie ihrem eigenen Anspruch gerecht, die Dynamik moderner Gesellschaften erklären zu können.Seit den Anfängen der Sozialwissenschaft richteten sich ihre Analysen auf die grossen Fragen einer Gesellschaft, die den Wandel von einer Agrar- zu einer Industriegesellschaft vollzog. Heute steckt diese Industriegesellschaft inmitten eines digitalen Wandels. Die Perspektiven und Instrumente einer Soziologie der Industriegesellschaft müssen sich ebenfalls diesem Wandel stellen, dazu müssen sie sich lösen von hergebrachten Denkschemata und den Blick auf die Welt richten, die völlig anders produziert, lernt, denkt und lebt und die vor hochkomplexen Herausforderungen steht.Freiheit als Forschungsgegenstand deckt solche neuen Felder auf. Freiheit muss ein Grundbegriff der sozialwissenschaftlichen Disziplin werden.Werner Bruns ist Honorarprofessor der Rheinischen Hochschule Köln, Leiter des Studiengangs Digital Transformation Management. – Marc Felix Bruns studiert an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel Politikwissenschaft und Soziologie; Stipendiat der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit.Passend zum Artikel