Chinas wertvollstes Unternehmen: Wie tickt Zhu Yiming, der Gründer des Chipherstellers CXMT?Ende Juli legte der Konzern aus dem ostchinesischen Hefei ein furioses Börsendebüt hin. Möglich wurde dies durch den begnadeten Tüftler Zhu Yiming – und durch Patente eines untergegangenen deutschen Chipherstellers.24.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDer CEO Zhu Yiming gründete CXMT im Jahr 2016. Nach einem fulminanten Börsenstart im Juli ist das Unternehmen heute rund 600 Milliarden Dollar wert und hat Tencent als wertvollste chinesische Firma abgelöst.ImagoEigentlich wollte Zhu Yiming von IT nichts wissen. Der junge Mann aus Yancheng in der ostchinesischen Provinz Jiangsu interessierte sich stattdessen für die Gesetzmässigkeiten der Natur. Im Jahr 1989 schrieb Zhu sich darum an der Pekinger Tsinghua University, inzwischen die führende Kaderschmiede der chinesischen Tech-Szene, für Physik ein.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dann lernte der Student den Pekinger Stadtteil Zhongguancun kennen. Während der frühen 1990er Jahre war das Quartier im Norden der Hauptstadt Anziehungspunkt für junge Techies aus dem ganzen Land. Zwischen den vielen kleinen Läden, die unter anderem Raubkopien von Microsoft-Software anboten, gründeten Tüftler kleine und grössere Computerfirmen.Zhu Yiming war elektrisiert: Er hatte auf einmal verstanden, dass integrierte Schaltkreise das Fundament für technologische Lösungen jedweder Art waren und für die heraufziehende technologische Revolution unentbehrlich sein würden.Zhu hatte sein Masterstudium in Physik abgeschlossen, doch das Doktorat brach er ab. Er orientierte sich neu und tauchte in die Computerwissenschaften ein. In der Rückschau war dies ein weiser Schwenk: Zhu Yiming ist heute der CEO des wertvollsten chinesischen Unternehmens.Weltweiter KI-BoomSeine Firma CXMT fertigt sogenannte DRAM-Chips: einfache Chips, wie sie etwa in Smartphones, Tablets und TV-Geräten verbaut werden. Ende Juli wagte sich das Unternehmen an die Börse. Zu sagen, dass der Start gelang, wäre stark untertrieben. Am ersten Handelstag legte der Kurs des Papiers um atemberaubende 500 Prozent zu. CXMT ist heute 570 Milliarden Dollar wert und hat Tencent als wertvollste chinesische Firma abgelöst.Der Grund für die Kursexplosion ist einfach: Der weltweite KI-Boom hat zu einer so nie da gewesenen Nachfrage nach Chips geführt.Um mehr über die Entwicklung und Fertigung von Chips zu erfahren, zügelte Zhu Yiming Mitte der 1990er Jahre in die USA. Zwar hatten Unternehmen wie Fujitsu und Toshiba aus Japan der amerikanischen Chipindustrie während der 1980er Jahre schwer zugesetzt. Doch als der junge Chinese in New York ankam, waren die USA bereits wieder führend.An der Stony Brook University schrieb Zhu Yiming sich für Computerwissenschaften ein. Nach dem Abschluss zog es den jungen Chinesen ins Silicon Valley. Die Tech-Region befand sich im Aufschwung, und Zhu fand schnell einen Job. Bei dem Chiphersteller Monolithic Systems arbeitete er als Projektmanager.Zurück nach ChinaUnd wieder lernte Zhu: Speicherchips waren die am weitesten verbreitete und am weitesten standardisierte Kategorie von Halbleitern, wie er von chinesischen Medien später zitiert wurde, «sie sind das Futter, das alle elektronischen Geräte antreibt».Im Jahr 2004 hatte Zhu von den USA genug, doch vor allem wollte er endlich sein eigenes Unternehmen gründen. Nirgendwo ging dies zu der Zeit besser als in China. Der Beitritt zur WTO hatte dem Land einen beispiellosen Wirtschaftsboom beschert, es herrschte Gründerfieber. «Xia hai» – «ins Meer springen» – war damals ein geflügeltes Wort, mit dem Chinesinnen und Chinesen den Schritt in die Selbständigkeit beschrieben.Eine Handvoll Tsinghua-Alumni trieb umgerechnet eine knappe Million Dollar auf. In einem halbfertigen Gebäude auf dem Tsinghua-Campus startete Zhu eine Firma mit dem etwas einfallslosen Namen Chip Technologies. Später taufte er die Firma um in Gigadevice Semiconductor.Ein chinesisches SamsungDoch das Unternehmen hob nie richtig ab. Die drei Hersteller Samsung, SK Hynix und Micron dominierten den globalen Markt für DRAM-Chips, und sie tun es noch heute. CXMT kommt in dem Segment nur auf einen Marktanteil von 10 Prozent. Die Kunden kommen hauptsächlich aus China.Doch Zhu Yiming liess nach seinem ersten Scheitern nicht locker. Er wollte ein «chinesisches Samsung» erschaffen, wie er es seinerzeit formulierte. Seine Chance bekam er im Jahr 2016.Hefei, die Hauptstadt der Provinz Anhui im Osten Chinas, war dank kräftiger staatlicher Hilfe zu einem landesweiten Hub für die Fertigung von Hausgeräten herangewachsen. Für die Displays und die smarten Anwendungen der Geräte brauchte es Chips.Hilfe aus HefeiDie Lokalregierung lud Zhu zu einem Gespräch ein. Man war sich schnell einig. Der Chipexperte und Hefei riefen ein Projekt mit dem Codenamen «506» ins Leben – CXMT war geboren. Investitionsvolumen: umgerechnet 21 Millionen Dollar. Es war seinerzeit die grösste industrielle Einzelinvestition der Stadt.Jetzt musste Zhu liefern. Gefragt waren Chips, die es qualitativ mit denen der südkoreanischen Konkurrenz aufnehmen konnten. Im Jahr 2017 stiess der CXMT-CEO schliesslich auf eine «nicht ausgebeutete Mine», wie er es formulierte: Know-how und Patente des 2009 untergegangenen deutschen Chipherstellers Qimonda. Das Unternehmen gehörte zu dem Münchner Chipkonzern Infineon.Anfang Dezember 2019 gab CXMT über seinen WeChat-Account bekannt, man habe von Infineon Lizenzen für die Nutzung einer «grossen Zahl von Patenten für die DRAM-Technologie» erworben. Chinesische Medien spekulierten seinerzeit über ein Geschäft mit einem Volumen von mehreren hundert Millionen Dollar. Mutmasslich kommt das Geld von der Stadt Hefei.Genaugenommen ist CXMT ein Staatsunternehmen. Die lokale Regierung hält knapp 37 Prozent an dem Chiphersteller und hat ihm am Stadtrand von Hefei einen schicken Campus errichtet, auf dem knapp 20 000 junge Chinesinnen und Chinesen an neuen Entwicklungen tüfteln. Als der weltweite Chipmarkt 2023 auf Talfahrt ging, griff Hefei CXMT unter die Arme, ganz so, wie es die Stadt mit den strauchelnden E-Auto-Herstellern tut.Passend zum Artikel