Wegen neuer Einreisekontrollen der EU: Die Swiss befürchtet in den Herbstferien lange WartezeitenDas neue Grenzsystem der EU führt europaweit zu Engpässen. Mit dem Ende der Übergangsfrist im kommenden September könnte sich die Lage weiter verschärfen – auch in Zürich.24.08.2026, 05.31 Uhr4 LeseminutenWegen der neuen EU-Einreisekontrollen könnte es im Herbst zu erheblichen Verzögerungen kommen: Swiss-Flugzeuge am Flughafen Zürich.Urs Flueeler / KeystoneDie EU hat sich viel vorgenommen. Ein neues System soll die bisherigen Grenzkontrollen digitalisieren und gleichzeitig illegale Einreisen besser bekämpfen. Nach dem grünen Licht der Mitgliedstaaten führte sie das Entry-Exit-System (EES) ab Oktober 2025 schrittweise an den Schengen-Aussengrenzen ein. Seit diesem April ist es vollständig in Betrieb.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei ihrer ersten Ankunft müssen sich Reisende aus Drittstaaten – etwa aus Grossbritannien, den USA oder den Golfländern – biometrisch erfassen lassen. Schweizerinnen und Schweizer bleibt das Prozedere erspart, weil die Schweiz im Rahmen der bilateralen Verträge zum Schengenraum gehört. Das System speichert neben den Pass- und Reisedaten auch ein Gesichtsbild sowie bei Reisenden ab zwölf Jahren Fingerabdrücke.Die Kontrollzeiten an den Schaltern verlängern sich deshalb deutlich. Die europäische Reise- und Luftfahrtbranche warnte bereits im Frühjahr vor den Folgen. Sie befürchtete überfüllte Warteräume, verpasste Anschlussflüge und Dominoeffekte, die den gesamten europäischen Flugplan durcheinanderbringen.Unhaltbare ZuständeDiese Befürchtungen scheinen sich zu bestätigen. Der Flughafenbetreiber Fraport Greece, der für vierzehn griechische Airports verantwortlich ist, sieht sich mit unhaltbaren Zuständen konfrontiert. Auf Ferieninseln wie Rhodos oder Kos stauten sich Passagiere im Juli stellenweise bis zu drei Stunden lang. Der Flughafen musste Pavillons aufstellen, um wartende Reisende vor der Sommerhitze zu schützen.Das neue Grenzsystem macht die Einreise aber nicht nur für Bürger aus Drittstaaten zur Geduldsprobe. Es hat auch spürbare Auswirkungen auf EU-Bürger und Schweizer Reisende. Sie sind zwar nicht registrierungspflichtig. Das Problem ist jedoch organisatorischer Natur. An Flughäfen können längere Abfertigungszeiten für Drittstaatenangehörige zu Rückstaus vor den Grenzkontrollen führen. Davon können auch Reisende betroffen sein, die selbst nicht dem EES unterliegen.Am Flughafen Zürich dauern die Kontrollen insgesamt länger als im Vorjahr, wie ein Sprecher bestätigt. Beim Euro-Airport in Basel ist es bei der Einreise aus dem Nicht-Schengen-Raum zu Wartezeiten von bis zu 90 Minuten gekommen, wie es auf Anfrage heisst. Gibt es grössere Rückstaus, setzen beide Flughäfen zusätzliches Personal ein, um die Passagierströme zu steuern.Swiss muss mehr Zeit einplanenAuch die Fluggesellschaft Swiss bekommt die Auswirkungen des neuen Systems zu spüren. Sie hat darum die Mindestumsteigezeit für Transferpassagiere erhöht, wie ein Sprecher bestätigt. Wer einen Anschlussflug erwischen muss, hat neu nicht mehr 40 Minuten Zeit dafür, sondern 50 Minuten.Dennoch kommt es dazu, dass Passagiere wegen der längeren Grenzkontrollen zu viel Zeit verlieren. Die Folge: Swiss-Flüge verspäten sich, weil sie auf die Reisenden warten. In einzelnen Fällen mussten Passagiere gar zurückgelassen werden, wie der Swiss-Sprecher sagt.Und das könnte nur ein Vorgeschmack sein. Die Swiss befürchtet, dass das eigentliche Chaos im Herbst droht. Die EU-Kommission hat den Schengen-Staaten für die Einführung des neuen Systems eine Übergangsphase gewährt. Bei grossem Andrang dürfen die Grenzschützer die zeitraubende biometrische Registrierung vorübergehend aussetzen.Doch diese rechtliche Ausnahme läuft im September aus. «Mit Blick auf die Herbstferien gehen wir davon aus, dass die Auswirkungen auf unsere Passagiere und damit auch auf uns deutlich spürbarer werden», mahnt der Sprecher der Swiss.Die Airline sieht laut dem Sprecher insbesondere einen kritischen Faktor: die personellen Ressourcen an den Grenzkontrollen. Am Swiss-Drehkreuz in Zürich liegt die Verantwortung für den Grenzschutz bei der Kantonspolizei Zürich. Sie äussert sich auf Anfrage nicht dazu, ob im kommenden Herbst längere Wartezeiten drohen und ob sie mehr Personal einsetzen muss. Der Ressourceneinsatz werde «auf die Passagierprognosen ausgerichtet und nötigenfalls angepasst», sagt ein Sprecher einzig.Doch auch der Bund macht sich wegen der drohenden Engpässe Sorgen. Er hat bereits zweimal zu einem runden Tisch geladen, um mit den Beteiligten Gegenmassnahmen zu diskutieren. Zudem hat sich das Staatssekretariat für Migration (SEM) einer Allianz von neun Schengen-Staaten angeschlossen, die in Brüssel eine Verlängerung der Übergangsregelung fordert.Zwar sieht der Schengener Grenzkodex schon heute vor, dass die Kontrollen in Ausnahmesituationen gelockert werden können. Diese Ausnahmen erstrecken sich jedoch nicht auf die zeitintensivste Komponente: die Erfassung der biometrischen Daten.Das SEM drängt deshalb darauf, dass die Polizei die Pflicht zu der Abgabe von Fingerabdrücken und dem Scannen von Gesichtern im Notfall auch nach dem Ende der Übergangsfrist im September kurzzeitig aussetzen darf, wie eine Sprecherin bestätigt. So bliebe den Behörden und Flughafenbetreibern Zeit, Abläufe und Infrastruktur weiter anzupassen, damit Staus vor den Kontrollschaltern möglichst verhindert werden können.«Fundamentale Konstruktionsfehler»Die Frage ist, ob solche Gegenmassnahmen ausreichen. Der Chef des Flughafenbetreibers Fraport Greece, Alexander Zinell, wirft Brüssel «fundamentale Konstruktionsfehler» beim neuen Grenzsystem vor. Laut Zinell gehört das EES grundlegend überholt. So müsse es den Grenzschützern an den Flughäfen dauerhaft erlaubt sein, bei Überlastung auf die zeitraubende Erfassung biometrischer Daten zu verzichten.Auch Michael O’Leary, der Chef der Billig-Airline Ryanair, kritisiert das neue System scharf. Seine Airline registrierte an mindestens fünfzehn europäischen Flughäfen massive Verspätungen. O’Leary bezeichnet die Abläufe als bürokratische Fehlkonstruktion und fordert, die Erfassung biometrischer Daten komplett ins Internet zu verlegen, statt damit die Terminals zu verstopfen.Wie die EU auf die Kritik reagiert, ist offen. Den Passagieren bleibt vorerst nur eines: mehr Zeit einzuplanen. Einzelne Fluggesellschaften empfehlen, bis zu drei Stunden vor dem Abflug am Flughafen zu sein. Bei der Rückkehr wiederum müssen sich Reisende auf längere Wartezeiten an den Ausweiskontrollen einstellen und für einen allfälligen Weiterflug genügend Puffer einplanen. Entspanntes Reisen sieht anders aus.Passend zum Artikel