Der andere BlickDie Sorge vieler Deutscher vor Heimatverlust ist begründetDie Regierung von Kanzler Friedrich Merz hat sich richtigerweise vorgenommen, die illegale Migration nach Deutschland zu begrenzen. Aber auch legale Einwanderung in zu kurzer Zeit kann ein Land überfordern. Das haben noch nicht alle in der CDU verstanden.24.08.2026, 04.30 Uhr3 LeseminutenEin Gastronomiebetrieb, der gleichzeitig eine Shisha-Bar ist, wirbt mit einem Halal-Aufkleber.Joël Hunn / NZZTeile der deutschen CDU haben auch mehr als zehn Jahre nach der von Kanzlerin Angela Merkel verursachten Migrationskrise nicht verinnerlicht, welche kulturelle Sprengkraft dem Thema Zuwanderung innewohnt. Und damit ist nicht nur die irreguläre gemeint.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das zeigte sich kürzlich exemplarisch bei einem Auftritt des christlichdemokratischen Europaabgeordneten Dennis Radtke im ZDF. Mit Blick auf seine in Nordrhein-Westfalen gelegene Heimatstadt Wattenscheid stellte der Parteilinke fest, dass diese angesichts von Strukturwandel, Demografie und Zuwanderung nie wieder wie in den siebziger und achtziger Jahren aussehen werde. Der einzige in der Innenstadt verbliebene Fleischer sei ein Halal-Metzger. Das werde sich auch durch die Ausschaffung des letzten illegal eingereisten Migranten nicht ändern lassen.Damit hat der vor Jahren von der SPD zur CDU konvertierte Parlamentarier ohne Zweifel in der Sache recht. Die Bundesrepublik wird nie wieder aussehen wie in jenen Jahren, denn damals fiel die Zuwanderung von Gastarbeitern dank den Babyboomern demografisch nicht weiter ins Gewicht, und das Wirtschaftswachstum übertünchte allfällige soziale und kulturelle Probleme.Probleme angehen statt beschreibenBefremdlich ist aber, mit welcher emotionalen Distanz Radtke, immerhin Mitglied im Bundesvorstand der CDU, darüber sprach. Eine CDU, die sich angesichts der Überfremdungssorgen vieler Wähler achselzuckend auf die Beschreibung der Zustände beschränkt, kann gegenüber der AfD schon jetzt einpacken.Denn der Sturm, der sich aus dem demografischen Niedergang der angestammten Bevölkerung und wachsender Zuwanderung aus aussereuropäischen Herkunftsländern ergibt, braut sich gerade erst zusammen.Die deutschen Christlichdemokraten stehen mit dieser Empathielosigkeit in Europa freilich nicht allein da. Die britischen Tories verstärkten nach dem Brexit und der Corona-Krise aus ökonomischen Gründen die reguläre Migration aus aussereuropäischen Staaten, statt sie zu begrenzen, wie von ihren Wählern gewünscht. Und lange vor dem Sozialisten Pedro Sánchez legalisierte der spanische Partido Popular unter dem Konservativen José María Aznar ebenfalls den Aufenthaltsstatus Hunderttausender illegal Eingereister.Weil die europäischen Zentristen sich lange blind und taub zeigten gegenüber den kulturellen Folgen der legalen wie der irregulären Zuwanderung, leuchtet ihnen die von rechts mächtig erwachsene Konkurrenz jetzt eben heim. Vox, Reform UK und eben auch die AfD entspringen derselben Quelle. Sie haben vor den Konservativen erkannt, dass sich ökonomische Erfordernisse und kulturelle Folgen eben nicht immer sauber verrechnen lassen.Eingebildet sind die Ängste vieler Deutscher vor dem Verlust der Heimat dabei nicht. Dazu ist der demografische Wandel zu rasant. Hatten 2005 noch etwa 18 Prozent der deutschen Bevölkerung einen sogenannten Migrationshintergrund, so sind es heute 31,1 Prozent. Binnen einer Generation hat der Anteil der Menschen, die entweder selbst oder deren Eltern zugewandert sind, also um über 70 Prozent zugenommen.Heimatverlust lässt sich nicht messenDoch selbst wenn sich Zuwanderer gesetzestreu verhalten und den Sozialkassen nicht auf der Tasche liegen, wie das mehrheitlich der Fall ist, verändert sich ein Land in so kurzer Zeit schneller, als es das kulturell verkraften kann. Anders als die Überrepräsentation von Zuwanderern in der polizeilichen Kriminalstatistik oder der Bezug wohlfahrtsstaatlicher Unterstützung lässt sich Heimatverlust freilich nicht genau messen.Wer wollte präzise sagen können, wann ein Viertel kulturell kippt und sich fremd anfühlt? Dass dieser Punkt aber für viele überschritten ist, ist eine politische Tatsache, sosehr das Politiker links der Mitte auch befremden mag.Mit der Eindämmung illegaler Migration ist es deshalb nicht getan. Wer Wähler von der AfD zurückgewinnen will, muss ihnen glaubhaft vermitteln können, dass die Erfordernisse der Wirtschaft nicht zu einer Überforderung der Gesellschaft führen dürfen und müssen.Anwerbeabkommen mit aussereuropäischen Staaten können deshalb nicht das einzige Heilmittel für den Fachkräftemangel sein. Wo diese nötig sind, sollte der Aufenthalt künftig öfter befristet werden und auf Länder zielen, die eine kulturelle Nähe aufweisen. Hinzu kommen die Ausdehnung der Lebensarbeitszeit und die bessere Nutzung heimischen Potenzials. Vor allem aber braucht es Ideen, wie KI Arbeitsmigration begrenzen kann.Politik ist schliesslich dazu da, Probleme zu lösen, und nicht nur dazu, sie zu beschreiben.