PfadnavigationHomeRegionalesHamburgMehr Klagen und EinsprücheWie KI den Behörden und Gerichten mehr Arbeit beschertStand: 11:05 UhrLesedauer: 3 MinutenAuch Hamburger Jobcenter registrieren zunehmende Widersprüche gegen BescheideQuelle: Christian Charisius/dpaDie Hamburger Jobcenter verzeichnen deutlich mehr Widersprüche gegen ihre Bescheide. Dabei könnte der Einsatz Künstlicher Intelligenz eine Rolle spielen. Andere Behörden, Gerichte und Schlichtungsstellen sehen jedenfalls Hinweise darauf.Die Hamburger Jobcenter registrieren zunehmend Widersprüche gegen ihre Bescheide. Ob Antragsteller vermehrt Künstliche Intelligenz nutzen, um Widersprüche zu formulieren, könne jedoch nicht bewertet werden, sagte die Sprecherin der Hamburger Jobcenter-Zentrale. Die Zahl der Widersprüche stieg ihren Angaben zufolge im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 30 Prozent.Die Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles, hatte jüngst im Deutschlandfunk von einem Anstieg der Widerspruchsverfahren berichtet und dabei einen Zusammenhang mit der Nutzung von KI hergestellt. Die Widersprüche seien teilweise mehrere Seiten lang und verursachten dadurch zusätzlichen Aufwand für die Beschäftigten.Lesen Sie auchJobcenter betreuen Bezieher der Grundsicherung. In Hamburg gibt es neben der Zentrale 18 reguläre Standorte sowie vier spezialisierte Einrichtungen für Zugewanderte, Selbstständige, schwerbehinderte Menschen und Wohnungslose. Träger sind die Bundesagentur für Arbeit und die Stadt Hamburg.Jobcenter entscheiden in der Regel schriftlich über Anträge auf Leistungen. Ist ein Antragsteller mit der Entscheidung nicht einverstanden, kann er innerhalb eines Monats Widerspruch einlegen und diesen begründen.Auch in Schleswig-Holstein mehr WidersprücheAuch die Jobcenter in Schleswig-Holstein verzeichnen eine zunehmende Zahl von Widersprüchen. Die „Kieler Nachrichten“ berichteten unter Berufung auf die Regionaldirektion Nord der Bundesagentur für Arbeit, es sei wahrscheinlich, dass ein nicht unerheblicher Teil dieser Widersprüche mithilfe von KI erzeugt worden sei.Ähnliche Beobachtungen werden inzwischen auch aus anderen Bereichen gemeldet. Das Bundesamt für Justiz hält in seinem Verbraucherschlichtungsbericht 2026 fest, dass die Zahl der Schlichtungsanträge insbesondere im Jahr 2025 erneut deutlich gestiegen sei. Einige Verbraucherschlichtungsstellen führten diese Entwicklung auch darauf zurück, dass Verbraucher bei der Suche nach Lösungen für Streitigkeiten mit Unternehmen vermehrt KI-gestützte Anwendungen nutzten.Nach Einschätzung der Stellen weisen solche Anwendungen Verbraucher offenbar auf die Möglichkeit eines Schlichtungsverfahrens hin und unterstützen sie anschließend dabei, den Antrag zu formulieren. KI könnte damit nicht nur den Umfang einzelner Schreiben erhöhen, sondern auch die Schwelle senken, überhaupt ein Verfahren einzuleiten. Mehr Beschwerden beim VersicherungsombudsmannBeim Versicherungsombudsmann gingen in den ersten fünf Monaten dieses Jahres rund 50 Prozent mehr Beschwerden ein als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Geschäftsführer Constantin Graf von Rex berichtete, die Juristen der Schlichtungsstelle sähen zunehmend Anträge, die sehr ähnlich oder teilweise sogar gleich aufgebaut seien.Auffällig sei zudem, dass sich die Art des Schriftverkehrs im Verlauf eines Verfahrens mitunter plötzlich ändere. Auf zunächst kurze und knapp formulierte Schreiben folgten umfangreiche Ausführungen mit detaillierten Verweisen auf die Rechtsprechung. Ein abrupter Wechsel von Stil, Umfang und juristischer Argumentation könne auf den Einsatz von KI hindeuten.Auch die Schlichtungsstelle Reise und Verkehr registrierte im ersten Halbjahr einen Antragsrekord. Nach Angaben ihrer Geschäftsführerin Sabine Cofalla berichteten die Juristen der Stelle ebenfalls von mehr umfangreichen Schreiben, in denen ausführlich auf Paragrafen und gesetzliche Regelungen verwiesen werde. Sozialgerichte berichten von KI-SchriftsätzenBesonders deutlich äußerte sich der Präsident des Landessozialgerichts Nordrhein-Westfalen, Jens Blüggel. Die Zahl der Eilverfahren an den acht nordrhein-westfälischen Sozialgerichten stieg 2025 nach Angaben des Gerichts um mehr als 55 Prozent auf 7615. Betroffen waren demnach vor allem Verfahren zum Bürgergeld und zur Arbeitslosenversicherung.Blüggel führte den Anstieg teilweise auf die konjunkturelle Entwicklung zurück. Eine weitere Ursache sei aber auch, dass Kläger und Antragsteller ohne anwaltliche Vertretung ihre Schriftsätze mithilfe von KI erstellten. Diese Schreiben seien häufig sehr lang und enthielten eine Vielzahl nicht zielführender Anträge. Teilweise werde darin auch auf Gerichtsentscheidungen verwiesen, die gar nicht existierten.Nach Blüggels Einschätzung handelt es sich nicht allein um ein nordrhein-westfälisches Phänomen, sondern um einen bundesweiten Trend. Ein Grund für die Entwicklung könne zudem die seit Jahren sinkende Zahl von Anwälten sein, die sich auf das vergleichsweise gering vergütete Sozialrecht spezialisierten. Bürger versuchten deshalb zunehmend, sich mithilfe von KI selbst zu helfen. lno/jlau
Mehr Klagen und Einsprüche: Wie KI den Behörden und Gerichten mehr Arbeit beschert - WELT
Die Hamburger Jobcenter verzeichnen deutlich mehr Widersprüche gegen ihre Bescheide. Dabei könnte der Einsatz Künstlicher Intelligenz eine Rolle spielen. Andere Behörden, Gerichte und Schlichtungsstellen sehen jedenfalls Hinweise darauf.








