PfadnavigationHomeICONISTTrendsBrabus BoboPechschwarz und puristisch. Das Batmobil aus BottropVon Thomas GeigerStand: 07:16 UhrLesedauer: 6 MinutenDüster und wuchtig: Mit dem Bodo will Brabus endgültig mehr sein als nur Veredler fremder LuxusautosQuelle: BrabusBrabus wandelt sich vom König der Mercedes-Tuner zur eigenständigen Luxusmarke. Mit dem Bodo setzt der junge Chef dem verstorbenen Firmengründer ein Denkmal mit 1000 PS.Constantin Buschmann spricht im Job lieber Englisch als Deutsch, redet über Social-Media-Reichweite und Follower-Zahlen wie Motorenentwickler über Verdichtung und Drehmomentkurven, trägt schwarze Designerklamotten und kommt im Bentley ins Büro. So stellt man sich den Chef einer Pariser Luxusmarke vor. Allerdings liegt sein Büro nicht in der Avenue Montaigne, sondern in Bottrop am Rande des Ruhrgebiets. Hier führt er ein mittelständisches Unternehmen mit gut 500 Mitarbeitern, das allerdings einen Namen hat, der im selben Atemzug genannt wird wie Ferrari, Pagani oder Koenigsegg. Buschmann ist Chef von Brabus, dem wahrscheinlich berühmtesten Tuner der Welt.Gegründet wurde die Firma 1977 von seinem Vater Bodo, der sich mit ebenso exklusiven wie extremen Mercedes-Umbauten einen Namen machte. Nachdem der Senior 2018 im Alter von nur 62 Jahren einem Herzinfarkt erlegen ist, hat der heute 37 Jahre alte Junior den Laden umgekrempelt und der Mannschaft eingebläut, dass sie mehr kann, als immer nur den neuesten Mercedes zu veredeln. Die Arbeit an S- oder G-Klassen macht nach wie vor den größten Teil des Geschäfts aus, und auch mit Smart ist Brabus nach wie vor eng verbandelt. „Das darf gerne auch so bleiben“, sagt Buschmann und lässt ein wenig den Dialekt des Ruhrgebiets durchklingen. Wenn er die rund 200 bis 250 Komplettumbauten pro Jahr beschreibt, mit denen Mercedes-Modelle zu Brabus-Masterpieces werden, spricht er von „fetten“ Autos, die „bollern und ballern“ und „schon im Stand schnell aussehen“. Allein die handgefertigten Interieurs dieser besonders exklusiven Modelle kosten oft so viel wie ein Mittelklassewagen. Die Preisspanne der kompletten Masterpiece-Fahrzeuge reicht von 300.000 Euro bis weit über eine Million. Die Kundschaft unterscheidet sich deutlich von klassischen Mercedes-Käufern – sie will mit ihrem Auto auffallen und legt Wert auf maximale Sichtbarkeit und Präsenz.Aber Buschmann hat erkannt, dass Brabus einen schnelleren Pulsschlag braucht, wenn die Firma überleben will, und mehr Begeisterung auslösen muss. „One Second Wow“ heißt das Prinzip aus Überraschung und Faszination, das zugleich der Titel einer Amazon-Dokumentation über Buschmann und Brabus ist: „Ein Blick und du musst begeistert sein“, hat er seiner Mannschaft gepredigt. Dafür hat Buschmann nicht nur auf andere Marken wie Rolls-Royce, Bentley oder Porsche gesetzt, sondern auch auf neue Geschäftsfelder. Brabus baut jetzt Boote für die Côte d’Azur, Florida oder die Golfstaaten, vermarktet Immobilien in Dubai oder Baku und hat sich auch an Wohnmobilen und Motorrädern versucht. Dazu kommen inzwischen eigene Modekollektionen und Accessoires. Und Buschmann hat die Marke zum Label getrimmt, das sich nicht mehr auf Automessen präsentiert, sondern „Signature Nights“ veranstaltet wie andere Modenschauen.Als vorläufigen Höhepunkt dieser Strategie und zugleich als späte Ehrung des Lebenswerks seines Vaters hat Brabus in diesem Frühjahr das erste komplett eigenständige Auto präsentiert. Der Bodo ist ein düsteres, bitterböses und fast schon barockes Coupé von 5,06 Metern Länge mit endloser Haube und laszivem Heck.Lesen Sie auchDafür haben sie in Bottrop eine Karosserie aus Karbon gebacken, die kein Teil mehr gemein hat mit einem anderen Auto – selbst wenn darin viele eine Serienfassung der Mercedes-Studie Maybach Vision 6 sehen, für deren Umsetzung Mercedes vor zehn Jahren schlicht der Mut gefehlt hat. Und sie haben dem 2+2-Sitzer mit den feudalen Sesseln in der ersten und den Notsitzen in der zweiten Reihe ein Interieur aus Lack und Leder geschneidert, das es mit Rolls-Royce und Bentley aufnehmen kann und die Erinnerung an den Aston Martin Vanquish fast vollständig auslöscht, der dem Bodo als Basis dient. Nur die Aluminium-Struktur und ein Teil der Technik stammen noch vom Sportwagenbauer aus Gaydon – alles, was man sehen und fühlen kann, entsteht in Bottrop neu. Mit einem Preis von rund 1,2 Millionen Euro zielt der Bodo auf die Crème de la Crème der Petrolheads und Auto-Aficionados an den Hotspots der PS‑Welt. Mehr als die Hälfte der Kleinserie – 77 Exemplare als Reminiszenz an das Gründungsjahr 1977 – ist laut Buschmann bereits verkauft.Aber die Jungfernfahrt mit dem Batmobil aus Bottrop beginnt an der Brabus-Zentrale, die auch als gewöhnliches Autohaus durchgehen würde. Buschmann dirigiert vom Beifahrersitz aus erst einmal in die Essener Straße, zu jener Häuserzeile, wo die Familie kurz nach dem Krieg aus einem Wohnwagen heraus mit dem Autohandel begonnen hat. Dabei erweist sich der Bodo erstmals als dezent: Klar, ist er ein Hingucker, aber er rollt fast ruhig aus der Stadt, grummelt nur ein bisschen und verkneift sich jedes pöbelhafte Gebrüll. Doch wehe, man gibt ihm die Sporen. Dann wird es laut und gewaltig. Der Klang kippt von kultiviertem Grollen in ein tiefes, metallisches Donnern, das kilometerweit über die Felder rollt.Lesen Sie auchWeil ihm für das Gedenken an seinen Vater nur das Beste gut genug war, hat Buschmann bei Aston Martin neben der Plattform auch den V12 eingekauft. Und ihn natürlich ein bisschen überarbeitet. Es bleibt bei 5,2 Litern Hubraum und der kategorischen Absage an jede elektrische Unterstützung. Keine Batterie, kein Hybridmodul, kein elektrischer Zusatzschub – nur zwölf Zylinder, zwei Turbolader und jede Menge Hubraum. Aber statt 835 PS leistet das kunstvolle Kraftwerk jetzt 1000 PS und schiebt mit bis zu 1820 Nm an. Weil das selbst dem stärksten Getriebe zu viel ist, wird das Drehmoment elektronisch auf 1200 Nm begrenzt. In der Theorie bedeutet das 3,0 Sekunden von 0 auf 100, nach 8,5 Sekunden 200 km/h und bei Vollgas mehr als 360 km/h; in der Praxis fühlt man sich wie der Pilot der Concorde beim Start.Beeindruckend, wie souverän der Motor jede Drehzahl meistert. Schon knapp über Standgas schiebt der Zwölfzylinder mit einer Wucht an, für die andere erst drei Gänge zurückschalten müssen. Die Achtgang-Automatik sortiert ihre Übersetzungen fast unmerklich, während der Bodo mit einer Lässigkeit beschleunigt, als hätte er die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt.Genau wie der Überschalljet ist auch der Tiefflieger aus Bottrop dabei noch von der alten Schule: Reiner Heckantrieb, ein konventionelles Getriebe und vergleichsweise wenig elektronische Finessen machen den Bodo zu einem Auto für Menschen, die sich den Spaß gerne erarbeiten. Das Fahrwerk steckt selbst lange Bodenwellen erstaunlich gelassen weg und hält den Wagen auch bei sehr hohen Geschwindigkeiten stoisch auf Kurs. Aber man kann sich auf einer Landstraße um Kopf und Kragen fahren, weil der Bodo seine Geschwindigkeit so mühelos kaschiert. Lesen Sie auchWo andere Supersportwagen lautstark um Aufmerksamkeit betteln, wirkt dieses Coupé fast gelassen – bis ein kurzer Blick auf den Tacho verrät, wie schnell die Landschaft tatsächlich vorbeifliegt. Nach dem Höllenritt klebt das Hemd am Rücken und die Knöchel schmerzen, so sehr hat man die Hände ums Lenkrad gekrallt. Bei aller Eleganz und aller Souveränität ist der Bodo ein Auto, das den Fahrer fordert und sich nicht von jedem bezwingen lässt.Am Ende der Testfahrt springt Buschmann aus dem Auto und eilt – immer zwei Stufen auf einmal – hinauf in sein Büro. Es wird höchste Zeit für den nächsten „One Second Wow“-Moment. Vorher aber drängt ein anderes Projekt. Der Supermarkt seiner Tante und die Tankstelle, die bis vor Kurzem seiner Mutter gehört hat, müssen beide dringend auf Vordermann gebracht werden.
Brabus „Bodo“: Das erste eigene Auto des Luxus-Tuners im Fahrtest - WELT
Brabus wandelt sich vom König der Mercedes-Tuner zur eigenständigen Luxusmarke. Mit dem Bodo setzt der junge Chef dem verstorbenen Firmengründer ein Denkmal mit 1000 PS.






