Wenn Freundschaft zu teuer wirdWellnesshotel, Wochenendtrip, Dinner: Freundschaften kosten heute schnell viel Geld. Was passiert, wenn man sich das nicht leisten kann und endlich sagt: «Ohne mich.»Text: Lara Voelter23.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenNein, der Wert der Freundschaft bemisst sich nicht am Peis der Cocktails!Federico Ciamei / Connected ArchivDer Vorschlag kam ganz beiläufig, getippt in einen Chat. «Lasst uns doch in einem Wellnesshotel schlafen.» Es ging um den Junggesellinnenabschied einer Freundin. Spa, Picknick, Weinwanderung, Abendessen im Restaurant, danach Caipis trinken in einer Szene-Bar und ab in den Klub.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.So lautete der Plan, geschmiedet in einer Whatsapp-Gruppe mit Frauen in den Dreissigern. Marketing-Expertinnen, Lehrerinnen, Ingenieurinnen – und ich, die mit Anfang dreissig noch beschlossen hatte, ein Volontariat bei einer Zeitung zu machen. Den ersten vollen Lohn? Bekam ich erst nach einem Dreivierteljahr.Kurz überschlage ich im Kopf, was mich der Wellness-Spass mindestens kosten würde. Nur wenige Wochen davor war ich auf einer Hochzeit gewesen, inklusive langer Zugfahrt und Übernachtung im Hotel. Mein Geld schmolz wie Gletschereis in der prallen Sonne. Es rann sprichwörtlich von meinem Konto.Ich fange an zu tippen. «Gute Idee, nur werden wir kaum Zeit für Wellness haben, oder?» Dann lösche ich den Satz, setze noch einmal an: «Tut mir leid, aber ich glaube . . .» Wieder gelöscht. Schliesslich stelle ich mich der Situation, vor der ich mich bisher immer gedrückt habe, und schreibe: «Bei mir liegt das finanziell gerade leider nicht drin.» Nicht einmal ein «Sorry». Mein Herz hämmert.Und in meinem Kopf wabert die Frage, seit wann sich Freundschaften durch kostspielige Events auszeichnen. Und warum die Qualität der Beziehung daran gemessen wird, ob man sich diese leisten kann. Oder eben nicht.In meinem Freundeskreis beobachte ich, dass die gemeinsam verbrachte Zeit immer mehr Eventcharakter hat. Und um diesen zu pflegen, braucht es offenbar einen immer grösseren finanziellen Rahmen. Als müsste Verbundenheit durch teure Erlebnisse bewiesen werden, von denen dann später erzählt werden kann. Oder für die man bei Instagram Likes bekommt.So wie der dreissigste Geburtstag in der Strandbar auf Ibiza, die Freundinnen mit Cocktailgläsern in den Händen, Flipflops an den Füssen. Oder der Junggesellinnenabschied in Barcelona mit dem Dresscode: elegante Sommerkleider in Pastelltönen.Dosenbier Statt WellnesshotelEs gibt bereits einen Begriff für das Phänomen, dass es immer mehr Geld kostet, Freundschaften zu pflegen: Es nennt sich «Friendflation» und setzt sich aus «friend» und «inflation» zusammen. Zum ersten Mal kam ich damit in Kontakt, als eine enge Freundin vor drei Jahren eine sogenannte «destination wedding» plante. Auf einem wunderschönen Anwesen in Spanien, mit Villa und einem Garten, in dem ein ganzes Dorf feiern könnte.Meine Freundin ist mir sehr wichtig, deshalb war klar: Ich möchte auf jeden Fall bei ihrer Hochzeit dabei sein. Mir war aber auch bewusst, was das bedeutete: Flug, Airbnb, Geschenk, tägliches Brunchen in stylischen Cafés, ein Drink hier, einer dort, jeden Abend eine andere Tapas-Bar. Es würde teuer werden. Mal wieder.Doch wer zögert oder absagt, hinterlässt schnell den Eindruck, sie oder er sei im Leben nicht richtig angekommen. Längst geht es nicht mehr nur darum, ob man sich etwas leisten kann, sondern auch darum, was finanzielle Möglichkeiten über Erfolg, Zugehörigkeit und den Lebensentwurf aussagen.Wohl deshalb fällt es Menschen ab dreissig wie mir auch schwerer, zu sagen: «Ich kann mir das gerade nicht leisten», oder: «Das ist mir zu teuer.» Mit zwanzig war das überhaupt kein Thema. Damals lebten wir noch von Studentenjobs oder Einstiegsgehältern.Wir stellten einfach einen Grill auf, wickelten Kartoffeln in Alufolie, assen Schlangenbrot und tranken Dosenbier am See. Dort quatschten wir manchmal, bis es hell wurde. Was uns das kostete: ein paar Franken. Was uns das gab: Nähe, Verbundenheit, Vertrauen. Für mich sind einige der schönsten Erinnerungen in dieser Zeit entstanden. Klar, rückblickend ist da bestimmt vieles nostalgisch weichgezeichnet.Damals erwartete niemand Wellnesshotels, Wochenendtrips oder teure Restaurantabende. Sparen war normal, alle taten es. Spätestens Ende zwanzig änderte sich das. Die meisten hatten ihr Studium beendet oder stiegen im Job auf.Heute sind einige meiner Freundinnen Ärztinnen, Anwältinnen oder Lehrerinnen, haben Kinder und können sich viermal Ferien im Jahr leisten, dazu Eigentumswohnungen oder regelmässige Restaurantbesuche. Da kann es schon mal schwierig und unangenehm sein, wenn man finanziell hinterherhinkt.In die einstige Einfachheit hat sich in einigen meiner Freund- und Bekanntschaften eine Konsumhaltung eingeschlichen. Und das Muster zeigt sich nicht nur an speziellen Anlässen, sondern auch im Alltag. «Wir können doch essen gehen und danach noch Cocktails trinken.» – «Es gibt einen neuen asiatischen Laden um die Ecke, den müssen wir ausprobieren.» – «Lasst uns doch einen Wochenendtrip machen.» So hallt es durch manche meiner Whatsapp-Chats. Das sind keine Luxus-entscheidungen, sondern das ist inzwischen Normalität.Ehrlichkeit kostet MutGeld scheint zum Mittel geworden zu sein, um Freundschaften inmitten voller Terminkalender und des hektischen Alltags überhaupt noch Raum zu geben. Da oft keine Zeit und Musse für stundenlanges Geköche und Aufgeräume bleibt, plant man Treffen eben ausser Haus. Drinks und Essen, gerne auch mal ausschweifend.Lange habe ich nichts gesagt, mein Konto geschunden, weil ich nicht kleinlich erscheinen wollte, auch wenn ich sparen musste. Einmal hatte mich eine ehemalige Freundin, die deutlich mehr als ich verdiente, vor einem Umzug gefragt, ob ich mir diesmal auch wieder «nur» eine Einzimmerwohnung suchen würde oder ob ich mir mehr leisten könne. So abwertend diese Aussage war, gekontert habe ich nicht. Scham kennt häufig keine Worte.Doch das muss jetzt aufhören. Ich möchte mich nicht mehr wegducken, wenn es finanziell zu knirschen beginnt. Denn ist es nicht der Kern von wirklich guten Freundschaften, sich ehrlich zu begegnen, auch mit den Dingen, die einen belasten? Das ist nicht immer einfach und kostet Mut. Wie das erste «Ohne mich», das ich in den Chat tippte. Das hat sich aber gelohnt, denn seit ich begonnen habe, über mangelndes Geld zu sprechen, hat sich einiges verändert.Auf mein Nein zum vorgeschlagenen Programm des Junggesellinnenabschieds folgte keine Geringschätzung. Im Gegenteil. Zwei Menschen bedankten sich für meine Ehrlichkeit.Manche Freundschaften haben sich zwar verflüchtigt. Vor allem diejenigen, bei denen ich sowieso das Gefühl hatte, teure Events oder Reisen seien nicht verhandelbar. Bei denen ich mitleidige Blicke erntete, wenn ich von meiner Art des Reisens erzählte: Hostel statt Hotel, selbst kochen, statt jeden Abend essen zu gehen. Es waren diejenigen, die sich auch nicht für meine Inputs für günstigere oder kostenlose Aktivitäten erwärmen konnten.Doch die meisten Freundschaften sind noch immer da. Unabhängig davon, wie sehr sich unsere Einkommen unterscheiden. Weil sich der Wert unserer Freundschaft nicht daran misst, was man sich alles leisten kann.Natürlich sehen wir uns weiterhin gerne. Ob nun Flohmarkt-Streifzüge, Abende im Tapas-Restaurant, Wanderungen oder Kochabende. Hauptsache, es entsteht kein Erwartungsdruck. Letzthin haben wir uns sogar wieder zu einem Grillabend getroffen.Lara Voelters Spartipp für Städtereisen: Mittagessen auswärts statt Dinner. Oft halb so teuer, meist genauso gut.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Ohne mich: Was passiert, wenn Freundschaften zu teuer werden
Wellnesshotel, Wochenendtrip, Dinner: Freundschaften kosten heute schnell viel Geld. Was passiert, wenn man sich das nicht leisten kann und endlich sagt: «Ohne mich.»








