Interview«Beim Autofahren ist immer der andere der Tubel», sagt der Zürcher Kapo-Spezialist über Ärger im StrassenverkehrEin Erklärvideo der Kantonspolizei ist zum Internet-Hit geworden. Im Interview sagt Roger Bonetti, welche Fehler Autofahrer besonders häufig machen.23.08.2026, 05.00 Uhr6 LeseminutenJe mehr Verkehr, desto eher ärgert man sich im Auto: ein Stau auf der Autobahn 1 vor Wallisellen in Richtung Zürich.Gaetan Bally / KeystoneSo viel Aufmerksamkeit bekommt die Zürcher Kantonspolizei nicht alle Tage: Auf Instagram ist ein Video des Kapo-Sprechers Roger Bonetti über 1,2 Millionen Mal angeklickt worden, in dem er das Reissverschlussprinzip beim Autofahren erklärt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Regen Sie sich manchmal auf, wenn einer bei einem Spurabbau ganz nach vorne fährt und erst dann die Spur wechselt? Aber genau der macht es richtig», sagt er in die Kamera. Der Beitrag hat eine Grundsatzdebatte über Verkehrsregeln und das Wesen von Autofahrerinnen und Autofahrern ausgelöst.Roger Bonetti.PDFrage: Herr Bonetti, die Kantonspolizei postet regelmässig Erklärvideos zu Verkehrsregeln. Sind die Zürcherinnen und Zürcher schlechte Autofahrer?Antwort: Das würde ich so nicht sagen. Wie kommen Sie darauf?Frage: Ihr Video zum Reissverschlussprinzip beim Einspuren wurde über 1600 Mal kommentiert. Viele Leute glauben offensichtlich, man müsse bei einem angekündigten Spurabbau früh einfädeln.Antwort: Ja, sie verwechseln das Reissverschlussprinzip mit einem normalen Spurwechsel. Richtig ist es, bei einem Spurabbau beide Spuren bis zur Verengung zu nutzen und möglichst weit vorne einzufädeln. Häufig sieht man, dass sich Fahrzeuge bereits 300 Meter vor dem Spurabbau auf der rechten Spur einreihen und die linke Spur komplett frei bleibt. Das behindert den Verkehrsfluss aber massiv, und es gibt einen längeren Stau. Es ergibt einfach keinen Sinn, eine Spur ungenutzt zu lassen. Manche Autofahrer glauben aber, es sei unanständig, ganz nach vorne zu fahren. Das finde ich interessant.Frage: Warum?Antwort: Ich war zehn Jahre bei der Verkehrspolizei, bevor ich über Polizeistation und Spezialfahndung in den Mediendienst wechselte. Meine Kollegen und ich beobachten im Strassenverkehr immer wieder Situationen, in denen sich die Leute alles andere als anständig verhalten. Beim Spurwechsel ganz allgemein zum Beispiel: Zwischen zwei Autos sind nur zehn Meter Abstand, und trotzdem quetscht man sich noch dazwischen. Offenbar ist die Ansicht weit verbreitet, dass genug Platz zum Einspuren ist, wenn der Totwinkelassistent im Seitenspiegel nicht leuchtet. Das ist falsch.Frage: Welche Fehler machen Autofahrerinnen und Autofahrer besonders oft?Antwort: Oh, da gibt es einige. Fangen wir auf der Autobahn an. Da ist das Blockieren der linken Spur ein Klassiker. Sehr oft kommt das vor beim Flughafen, wo die Ausfahrt von Zürich her kommend links statt wie üblich rechts liegt. Das führt dazu, dass viele Autofahrer schon kurz nach der Verzweigung Zürich-Nord auf den linken Streifen wechseln und auf diesem über eine lange Strecke sehr gemütlich unterwegs sind. Was wir ebenfalls oft sehen, ist das langsame Auffahren auf die Autobahn oder zu frühes Abbremsen vor der Ausfahrt. Oder das Rechtsüberholen – das ist nicht nur verboten, sondern auch gefährlich.Frage: Aber rechts vorbeifahren ist erlaubt, oder?Antwort: Ja, aber nur, wenn der Verkehr auf der mittleren oder linken Spur so dicht ist, dass man auf diesen Spuren nicht mehr schneller vorankommt als auf der rechten. Wer hingegen rechts überholt oder auf der Autobahn die Sicherheitslinie überfährt, um einzuspuren, begeht eine Verkehrsregelverletzung. Wenn man dann noch auf der Autobahn anhält, weil man keine Lücke findet, kann es gar eine grobe Verkehrsregelverletzung sein, die an die Staatsanwaltschaft rapportiert wird. Das passiert häufig beim Limmattaler Kreuz. Aber auch abseits der Autobahn passieren viele Fehler. Beim Kreiselfahren zum Beispiel.Frage: Weil die Leute nicht blinken, bevor sie die Ausfahrt nehmen?Antwort: Genau. Das hält den Verkehr auf. Vielen Leuten ist ausserdem nicht klar, dass Linksvortritt gilt, das heisst, man muss beim Einfahren nach links schauen. Wenn einer kommt, muss man warten. Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang noch die Velofahrer.Frage: Die Velofahrer?Antwort: Ich höre immer wieder von Autofahrern, dass sie sich über Velos ärgern, die im Kreisel in der Mitte der Fahrspur unterwegs sind. Dabei verhalten sie sich korrekt so – man sieht sie viel besser.Frage: Road-Rage scheint ein weitverbreitetes Phänomen zu sein. Auf Schweizer Strassen wird schon viel gehupt, oder?Antwort: Mindestens sieht man oft Autofahrer, die wegen eines angeblichen Fehlers wütend werden und dann wild gestikulieren, schimpfen oder hupen. Ich finde das peinlich. Die meisten Leute kommen gar nicht auf die Idee, dass vielleicht sie selbst falschliegen könnten, siehe Reissverschlussprinzip. Beim Autofahren ist immer der andere der Tubel.Frage: Sind die Autofahrer empfindlicher geworden?Antwort: Schwierig zu sagen. Sicher ist: Der Verkehr hat spürbar zugenommen. In der Schweiz steigt die Zahl der zugelassenen Fahrzeuge jedes Jahr. Es gibt mehr Stau und deutlich weniger Platz auf den Strassen. Früher konnte man ein langsameres Fahrzeug noch problemlos überholen. Heute ist das aufgrund des dichten Gegenverkehrs oder des hohen Verkehrsaufkommens kaum mehr möglich. Das sorgt bei vielen Fahrern für Frust und provoziert gefährliche Situationen. Manchmal auch in ganz unerwarteten Situationen.Frage: Zum Beispiel?Antwort: Wenn Leute am Lichtsignal langsam losfahren, als wären sie im Staumodus – ein Phänomen, das ich oft beobachte. Bei viel Verkehr kann es dann mehrere Phasen dauern, bis man durchkommt.Frage: Zu Verstössen kommt es dauernd. Warum kontrolliert die Polizei nicht öfter?Antwort: Die Polizei führt jeden Tag unzählige Kontrollen durch, gerade an neuralgischen Stellen wie dem Limmattaler Kreuz. Trotzdem ist die Chance gering, dass man kontrolliert wird – weil das Strassennetz so gross ist.Frage: Soll man Verstösse melden?Antwort: Einen Verstoss im Nachhinein anzuzeigen, ist schwierig. Häufig ist es nicht möglich, etwas zu beweisen, da Aussage gegen Aussage steht. Manchmal täuscht einen auch die Selbstwahrnehmung: Ein lautes Auto ist nicht zwingend auch ein schnelles Auto. Eine Ausnahme würde ich machen, wenn man jemanden beobachtet, der sehr rücksichtslos unterwegs ist und dadurch andere gefährdet. In einem solchen Fall sollte man die 117 wählen, damit eine Patrouille dieses Fahrzeug kontrollieren kann. Was man auf keinen Fall machen sollte, ist selbst Polizist zu spielen und etwa einen Schnellfahrer auszubremsen. Das ist gefährlich.Frage: Welche Autofahrer sind eher gefährdet, einen Unfall zu verursachen: die Ängstlichen oder die Übermütigen?Antwort: Wenn Sie mit den Übermütigen junge Männer meinen, die in PS-starken Boliden unterwegs sind, dann gehören diese zur Risikogruppe. In diesem Segment haben die Unfälle in den letzten Jahren zugenommen. Derzeit läuft eine politische Diskussion, ob man für Junglenker den Zugang zu solchen Fahrzeugtypen einschränken soll.Frage: Und die Ängstlichen?Antwort: Die verursachen vielleicht weniger Unfälle. Durch ihre Fahrweise können sie aber andere Autofahrer zu waghalsigen Manövern verleiten. Langsam ist nicht immer gleich sicherer, das sieht man bei Leuten, die mit Tempo 60 auf die Autobahn fahren. Der Klassiker ist, wenn sich jemand nicht traut, ausserorts auf einer übersichtlichen Achtzigerstrecke den Traktor zu überholen, der Tempo 30 fährt – obwohl die Fahrbahn frei wäre.Frage: Was passiert dann?Antwort: Wenn der Fahrer direkt hinter dem Traktor nicht überholt, denkt sich der im zweiten Auto: Ein Auto und einen Traktor zu überholen, ist mir zu riskant. Der Dritte traut sich erst recht nicht mehr. Dann kann es vorkommen, dass der Vierte die Nerven verliert, überholt und so möglicherweise einen schweren Unfall provoziert, weil er ein entgegenkommendes Fahrzeug nicht oder zu spät bemerkt.Frage: Moderne Fahrzeuge verfügen über unzählige Assistenzsysteme. Die sollten die Unfallgefahr reduzieren – oder?Antwort: Assistenzsysteme können sehr nützlich sein. Automatische Abstandhalter beispielsweise mindern das Risiko eines Auffahrunfalls. Die Gefahr ist allerdings, dass man sich zu sehr auf diese Systeme verlässt und sich in falscher Sicherheit wiegt, nach dem Motto: Wenn etwas ist, bremst das Auto ja von selbst. Weil sie viele Fehler korrigieren, können einem diese Systeme ausserdem das Gefühl geben, ein sehr guter Fahrer zu sein. Dann sitzt man wieder einmal in einem schlecht ausgestatteten Fahrzeug und merkt, wie viele Fehler man eigentlich macht. Fehlende Aufmerksamkeit ist aber das grösste Unfallrisiko.Frage: Das klingt jetzt etwas banal.Antwort: Es ist aber so, das zeigt die Statistik. Die Leute sind abgelenkt, weil sie essen, aufs Handy schauen oder auf die Bildschirme in ihrem Auto, auf denen man unzählige Funktionen abrufen kann. Es gibt nichts, was es nicht gibt. Einmal habe ich eine Frau gesehen, die sich während der Fahrt im Rückspiegel anschaute und schminkte. Oft braucht es nur einen Moment der Unaufmerksamkeit, und schon knallt es.Frage: Die Schule hat angefangen. Worauf sollen Autofahrer achten?Antwort: Viele der Kinder gehen zum ersten Mal in den Kindergarten oder zur Schule. Sie sind noch unerfahren im Strassenverkehr und brauchen unsere Unterstützung. Jetzt muss man erst recht aufmerksam sein und das Tempo im Bereich von Kindern, Schulen oder entlang von Schulwegen drosseln. Am Fussgängerstreifen ganz anhalten und warten, bis das Kind über die Strasse ist. Geduld ist gefragt und ein rücksichtsvoller sowie vorausschauender Fahrstil.Frage: Soll man sich als Passant eigentlich bedanken, wenn ein Auto am Zebrastreifen hält, damit man über die Strasse kann? Immerhin hat man Vortritt . . .Antwort: Ein Muss ist es nicht. Aber ich mache es auch, aus Freundlichkeit – und Freundlichkeit ist nie falsch. Persönlich würde ich mir im Verkehr ganz grundsätzlich mehr Gelassenheit wünschen. Denn seien wir ehrlich: Wir alle mussten einmal das richtige Verhalten im Strassenverkehr lernen. Jeden Tag komplett fehlerfrei auf der Strasse unterwegs zu sein, schaffen wahrscheinlich die wenigsten.Passend zum Artikel