Es ist nicht bekannt, wie gut Florian Niederlechner Fliesen legt. Es wäre auch noch zu klären, ob Vitus Eicher dafür zu gebrauchen ist, den Stoßdämpfer eines Autos auszutauschen. Und ebenso wenig weiß man, ob es Dennis Dressel versteht, ein Brot zu backen. Was man aber nicht erst seit Samstagabend mit Gewissheit sagen kann: Man würde Niederlechner, Eicher und Dressel sicherlich zu nahe treten, wenn man ihnen unterstellen sollte, sie wären auf einer Baustelle, in einer Werkstatt oder einer Backstube besser aufgehoben als auf einem Fußballplatz.In der ersten Runde des DFB-Pokals ist das ja oft so: Elf Spieler, die ihr Geld als Handwerker verdienen, haben es plötzlich mit Gegnern zu tun, die von Beruf Torwart, Mittelfeldspieler und Stürmer sind. Inzwischen hat es der TSV 1860 München so weit gebracht, dass er das auch aus seinem neuen Alltag in der Regionalliga Bayern kennt, wenn er nach Eltersdorf, Landsberg oder Buchbach fährt. An diesem Samstag aber waren es die Löwen in gewisser Weise selbst, die sich gegen den Zweitligisten Holstein Kiel in der Rolle der Fliesenleger, Automechaniker und Bäcker wiederfanden.„Vom Mut her war es brutal“, schwärmt EicherDie Sechziger waren Außenseiter, und sie spielten auch wie einer. Sie hielten die Partie aber bis zum Schluss offen und ließen es bis tief in die Nachspielzeit nur ein einziges Tor sein, das sie von Kiel trennte. Am Ende verloren die Löwen 0:2 und hatten dennoch allen Grund, sich selbst auf die Schultern zu schlagen. „Sechzig München kann stolz sein, wie es sich heute präsentiert hat“, sagte Eicher nach dem Spiel und sah einem Torhüter viel ähnlicher als einem Automechaniker. „Es war ein bärenstarker Auftritt“, fand Eicher: „Wir haben das Herz auf dem Platz gelassen. Vom Mut her war es brutal. Gerade auch von den jungen Spielern war es großes Kino.“Hier die Löwen, die gerade den zweiten Zwangsabstieg binnen neun Jahren hinter sich haben und seit diesem Sommer nur noch viertklassig sind – und dort Holstein Kiel, das 2025 noch in der Bundesliga spielte und mittlerweile wieder Zweitligist ist: Das war die Ausgangslage vor diesem Pokalabend, der den Löwen die seltene Gelegenheit bot, ganz Deutschland zu zeigen, wie es nach der Trennung von Investor Hasan Ismaik angelaufen ist. Und diese Gelegenheit nahmen die Löwen schon wahr, als der Ball im Grünwalder Stadion noch gar nicht rollte.TSV 1860 München:Der gelungene Start steht auf dünnen BeinenAuch das 3:2 in Aubstadt zeigt, dass der TSV 1860 München noch eine Mannschaft der Momente ist. Aber der Regionalligist hat und nutzt sie.Sechzig Jahre nach Sechzigs erster und einziger deutscher Meisterschaft zogen die Fans eine Choreografie auf, die alles andere als viertklassig war. Sie reihte alle Namen der damaligen Spieler aneinander und dokumentierte höchst eindrücklich, wie groß auch ein Viertligist sein kann.Als das Spiel dann lief, bejubelte der Anhang jede Grätsche, jeden Befreiungsschlag und jede Rückgabe, die Eicher von der Grundlinie kratzte und damit eine Kieler Ecke verhinderte. Die Außenseiter-Attitüde trug Sechzig durchs gesamte Spiel. Vereinzelt bedurfte es allerdings auch einer Prise Glück.Noch vor Anbruch der Schlussphase hätte sich Sechzig beinahe belohntFaride Alidou hätte Kiel ebenso in Führung bringen können (17.) wie Jonas Therkelsen (21.) und Adrian Kapralik (28.). Weil die Störche aber von Tim Walter angeleitet werden und deshalb auch Tim-Walter-Fußball spielten, hatten die Löwen ebenfalls ihre Momente. Bei den Gästen sah man kreuzende Innenverteidiger, diagonal sprintende Außenverteidiger – und schon bald die erste Torchance für Sechzig, die aus dem Kieler Ritt auf der Rasierklinge resultierte: Nach einer Ecke zielte Fabio Wagner nicht genau genug (16.).Später war es Tunay Deniz, der den Regionalligisten dem 1:0 nahebrachte. Der Mittelfeldmann erkannte, dass Kiels Torhüter Lio Rothenhagen weit vor seinem Tor stand, fasste sich ein Herz und verfehlte sein Ziel aus gut 50 Metern nur knapp (27.). Auf der Haupttribüne schlug manch ein Fan die Hände ungläubig über dem Kopf zusammen. Es hätte das Tor des Jahres sein können.Gerade in dieser Phase, als die Löwen mehr und mehr Gefallen an ihrem Fliesenleger-, Automechaniker- und Bäcker-Dasein fanden, schlug Kiel durch Phil Harres zu: Flanke, Kopfball – 0:1 (33.). Es sollte allerdings, das war auch Sechzigs Verdienst, bis zur Nachspielzeit die letzte Torchance des Favoriten bleiben.In der zweiten Hälfte habe sein Team „ein noch besseres Spiel gemacht“ als ohnehin schon in der ersten, lobte Löwentrainer Alper Kayabunar. Tatsächlich gelang es seiner Mannschaft nach dem Seitenwechsel, Kiel mehr und mehr zu fordern. Noch vor Anbruch der Schlussphase wäre das beinahe belohnt worden: Lance Fiedler trat eine Ecke scharf vors Tor, Schlussmann Rothenhagen verschätzte sich, und Hiroki Sekine musste unmittelbar vor der Linie klären, um das 1:1 zu verhindern (68.). Erst durch das 0:2 in der Nachspielzeit (90.+4) waren sie geschlagen, die Fliesenleger, Automechaniker und Bäcker für einen Tag.