Das Comeback der Schwab-Getreuen: Christine Lagarde erklärt sich an WEF-Spitzentreffen als «ready to serve» Die EZB-Chefin könnte 2027 das WEF-Präsidium übernehmen. Damit würde sie Klaus Schwabs langjährigen Wunsch erfüllen. Eine Schlüsselrolle im Nachfolgeprozess spielt ein alter Bekannter: Philipp Hildebrand.22.08.2026, 21.45 Uhr6 LeseminutenAlte Vertraute: Christine Lagarde, damals noch IWF-Direktorin, und WEF-Gründer Klaus Schwab beim Jahrestreffen 2013 in Davos.Laurent Gillieron / KeystoneOffiziell wird das World Economic Forum (WEF) vom Blackrock-Gründer Larry Fink und dem Roche-Vizepräsidenten André Hoffmann geführt. Vor allem Fink genoss im Januar den grossen Auftritt als neuer König von Davos. Doch diese Woche an der Stiftungsratssitzung in Cologny bei Genf war davon zeitweise wenig zu spüren. Als es um die Frage ging, wer das WEF in die Zukunft leiten soll, mutierten die beiden Co-Präsidenten zu Statisten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Laut informierten Quellen übernahm stattdessen Tharman Shanmugaratnam den Lead, der Präsident Singapurs. Der Mann mit Haarkranz und markanter Brille brachte das Thema der Nachfolgeregelung aufs Tapet, obwohl es nicht auf der Traktandenliste stand. Shanmugaratnam, der offensichtlich zahlreiche Boardmitglieder hinter sich wusste, verkündete selbstbewusst, dass die Nachfolge von Fink und Hoffmann intern, also innerhalb des Boards, gelöst werden solle. Schliesslich gebe es geeignete Kandidaten.Wen er damit meinte, machte Shanmugaratnam ebenfalls klar: Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Französin soll an der Sitzung mehrfach als «putative candidate» bezeichnet worden sein. Zu Deutsch: «mutmassliche Kandidatin».Für Lagarde kam die Portierung durch Shanmugaratnam dem Anschein nach nicht überraschend, berichten Insider. Sie habe sich bei den Mitgliedern des 28-köpfigen Stiftungsrats, die bis auf eine Handvoll alle physisch anwesend waren, bereits für das Vertrauen bedankt. Zudem sagte sie gemäss Anwesenden wörtlich, sie sei «ready to serve» – also bereit, die Aufgabe zu übernehmen. Personen mit direkten Verbindungen zu Stiftungsratsmitgliedern bestätigten dies.Spielte beim Treffen des WEF-Stiftungsrates eine zentrale Rolle: Tharman Shanmugaratnam, der Präsident Singapurs.Denis Balibouse / ReutersDie EZB schweigtDie «NZZ am Sonntag» hat die EZB mit den Aussagen ihrer Präsidentin konfrontiert. Die Medienstelle wollte zu den geschilderten Vorgängen jedoch keine Stellung nehmen.Lagardes Bekenntnis, das WEF führen zu wollen, ist für die europäischen Währungshüter heikel. Denn die Amtszeit der EZB-Präsidentin endet regulär erst Ende Oktober 2027. Wenn sie sich nun zur WEF-Präsidentin küren lässt, wird sie den Posten als Notenbankchefin vorzeitig abgeben müssen. Das bringt Unsicherheit mit sich – und Unsicherheit ist das Letzte, was eine Zentralbank will.Allerdings wurde am Boardmeeting des WEF nicht festgelegt, wann genau Lagarde das Präsidium übernehmen soll. Einig war man sich einzig, dass Fink und Hoffmann im Januar 2027 noch das Jahrestreffen in Davos leiten sollen. Danach sollen sie ihr Amt im Laufe des Jahres abgeben.Geht der Plan auf, könnte Lagarde aber bereits im Herbst gewählt werden. In den kommenden Wochen hat die EZB-Chefin die Gelegenheit, bei ihrer gegenwärtigen Arbeitgeberin für klare Verhältnisse zu sorgen. Das WEF wiederum will die Zeit nutzen, um zumindest formal noch einen internen Suchprozess durchzuführen – auch wenn eigentlich schon feststeht, wer am Ende gewählt werden soll.Hildebrand als HeadhunterEine wichtige Rolle in diesem Prozess spielt ein Mann, der in der Schweiz bestens bekannt ist: Philipp Hildebrand, der ehemalige Präsident der Schweizerischen Nationalbank und heutige Vizepräsident von Blackrock. Hildebrand, erst seit etwas mehr als einem Jahr im WEF-Stiftungsrat, gehört zu einer Dreiergruppe, die dazu auserkoren wurde, mit sämtlichen Boardmitgliedern ein Gespräch zu führen. Die anderen beiden sind der singapurische Präsident Shanmugaratnam sowie die amerikanisch-israelische Managerin Orit Gadiesh, die Chefin des Beratungskonzerns Bain & Company.Bei den Gesprächen soll herausgefunden werden, ob es Widerstände gegen Lagardes Wahl gibt. Grundsätzlich ist zwar unbestritten, dass die 70-Jährige alles mitbringt, was es braucht, um das WEF erfolgreich führen zu können. Einige Stiftungsräte haben aber trotzdem Bedenken. Kritisch sehen einige etwa die Tatsache, dass Lagarde bereits seit mehr als achtzehn Jahren im WEF-Stiftungsrat sitzt – und das, obwohl gemäss den internen Regularien nach zwölf Jahren Schluss sein sollte.Auch die Art und Weise, wie Lagarde zur WEF-Chefin gekürt werden soll, gefällt nicht allen. Die beiden Co-Präsidenten Fink und Hoffmann hatten andere Pläne für den Nachfolgeprozess. Sie wollten eine offene Suche mit internen und externen Kandidatinnen und Kandidaten. Dem Vernehmen nach haben sie mit einem externen Headhunter bereits eine Kandidatenliste zusammengestellt.Diese Pläne waren beim Boardmeeting am Dienstag kein Thema mehr. Einige Stiftungsratsmitglieder wie die Accenture-Chefin Julie Sweet, der Axa-Chef Thomas Buberl, der US-Unternehmer David Rubenstein sowie die Saudi Lubna S. Olayan, eine der einflussreichsten Geschäftsfrauen des Nahen Ostens, monierten zwar, dass es bei einer Organisation wie dem WEF einen geordneten Nachfolgeprozess brauche. Doch sie fanden kein Gehör.Stellte einen der wenigen Kanäle zwischen der WEF-Führung und Klaus Schwab sicher: der Ex-Nationalbankpräsident Philipp Hildebrand.A. Ramp / NZZEin Gremium «auf Augenhöhe»Die Co-Präsidenten hielten sich dem Vernehmen nach in der Diskussion zurück. Es ist aber davon auszugehen, dass auch sie keine Freude haben am gewählten Vorgehen. André Hoffmann sagte zwar Ende Juli gegenüber der «Handelszeitung», dass Lagarde «eine sehr gute Kandidatin» sei. Er sagte aber auch, dass es «im Sinne von Transparenz und guter Governance» keinen Automatismus geben würde.Mit der vorgezeichneten Wahl Lagardes scheint nun genau dies der Fall zu sein. Wie konnte der Nachfolgeprozess den beiden Co-Präsidenten derart aus den Händen gleiten? Hoffmann will auf entsprechende Fragen der «NZZ am Sonntag» nicht eingehen. Er erklärt aber, dass der Stiftungsrat des WEF ein ausserordentlich hochrangig besetztes Gremium sei, in dem «auf Augenhöhe» zusammengearbeitet werde. «Es gibt dabei keine festgelegten Aufgaben und Zuständigkeiten.»Weiter hält Hoffmann fest, er konzentriere sich in seiner Arbeit für das WEF auf die Sicherung einer erfolgreichen Zukunft. Er sei überzeugt davon, dass es diese Institution gerade in der heutigen Zeit besonders brauche.Schwab winkt ein später TriumphLetztere Aussage könnte auch von Klaus Schwab stammen. Der WEF-Gründer ist in Sorge um sein Lebenswerk und befürchtet insbesondere, dass sich das Forum, das er als Organisation zur Verbesserung der Welt sieht, in eine reine Businessplattform verwandeln könnte. Vor der Sitzung am Dienstag versuchte er deshalb mehrfach, Einfluss auf den Stiftungsrat zu nehmen. In einem Schreiben drohte er gar mit rechtlichen Schritten, falls der Stiftungsrat die Organisationsstruktur des WEF gegen seinen Willen ändern sollte.Die Wahl Lagardes dagegen wäre ganz in Schwabs Sinne. Der 88-Jährige hatte schon lange versucht, die erfahrene Juristin und Finanzpolitikerin für das Amt zu gewinnen. Im Sommer vor einem Jahr machte er sein Buhlen gar publik, indem er der «Financial Times» erzählte, er habe mit Lagarde über einen vorzeitigen Abgang bei der EZB gesprochen.Für Lagarde kamen diese Aussagen mehr als ungelegen. Die EZB wies die damit verbundenen Gerüchte um einen frühzeitigen Wechsel damals denn auch entschieden zurück und betonte, Lagarde sei entschlossen, ihre Amtszeit zu Ende zu bringen. Mittlerweile hat sich die Notenbankchefin allerdings etwas mehr Spielraum verschafft: Vor wenigen Wochen sagte sie vor den Medien, dass sie die EZB «nicht vor 2027» verlassen werde.Die Wahl Lagardes ist noch nicht in trockenen TüchernOb und wie viel Klaus Schwab dazu beigetragen hat, dass sich Lagarde nun für «ready to serve» erklärte, ist unklar. Auffällig ist aber, dass jene Personen, die an der geplanten Inthronisierung der Französin stark beteiligt sind, einen engen Draht zu Schwab haben. Dazu gehört zum einen Philipp Hildebrand. Der ehemalige SNB-Chef reagierte nicht auf Anfragen zu seiner Rolle. Dem Vernehmen nach war er in den vergangenen Krisenmonaten aber ein wichtiger Kanal, um zwischen Schwab und der neuen WEF-Spitze um den Blackrock-Gründer Larry Fink – seinem Vorgesetzten – zu vermitteln.Auch der singapurische Präsident Shanmugaratnam soll Schwab näherstehen als andere Boardmitglieder. Das legt auch der «Interim Report» der Kanzlei Homburger vom Juli 2025 nahe, der mutmassliche Verfehlungen von Klaus und Hilde Schwab untersuchte. Darin ist festgehalten, dass Shanmugaratnam von Schwab im Dezember 2020 einen Vorabentwurf des «Global Competitiveness Report» erhalten hatte. Das vielbeachtete Länderranking lebt von seiner Neutralität – die Homburger-Anwälte gingen deshalb der Frage nach, ob es legitim war, dass Shanmugaratnam vorab die Gelegenheit erhielt für kritische Anmerkungen.Ob eine allfällige Wahl Lagardes auch dazu beitragen würde, dass sich das WEF mit Schwab versöhnt, ist ungewiss. Die Tatsache, dass sich eine Mehrheit des Stiftungsrates Lagarde als WEF-Präsidentin vorstellen kann, bedeutet nicht, dass sich auch eine Mehrheit für eine Versöhnung mit Schwab findet. Zudem ist die Wahl Lagardes noch nicht in trockenen Tüchern. Vielleicht kommt die Französin auf einmal zu dem Schluss, dass sie keine Lust hat, ein derart zerstrittenes Gremium zu führen.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
EZB-Präsidentin Lagarde will das WEF übernehmen: «Ready to serve» für 2027
Die EZB-Chefin könnte 2027 das WEF-Präsidium übernehmen. Damit würde sie Klaus Schwabs langjährigen Wunsch erfüllen. Eine Schlüsselrolle im Nachfolgeprozess spielt ein alter Bekannter: Philipp Hildebrand.













