Wenn in der Familie jemand pflegebedürftig wird, bahnt es sich meistens länger an. Trotzdem sind die Angehörigen oft überfordert, wenn es dann tatsächlich so weit ist. Welche Unterstützung wird benötigt? Geht es noch alleine zu Hause oder muss ein Platz im Pflegeheim her? Und wie ist das mit dem Pflegegrad?In der Kleinstadt Mellrichstadt in Bayern kann man für den Ernstfall üben. Seit 2019 gibt es dort das Pflegeübungszentrum. Von den Mitarbeitern wird es kurz „PÜZ“ genannt. Hier können Pflegebedürftige und Angehörige die häusliche Pflege tagelang gemeinsam üben. Dafür stehen zwei Apartments zur Verfügung. Die Atmosphäre ist gemütlich, die Inneneinrichtung an die Bedürfnisse der Senioren angepasst: Stühle bieten zusätzliche Griffe zum einfachen Aufstehen, und elektronische Geräte sind dank weniger Tasten einfacher zu bedienen.Oder man braucht gar keine Tasten, das zeigt Amazons Sprachassistent „Alexa“: Bewohner steuern das Licht einfach mit der Stimme, statt mühsam nach dem Schalter zu suchen. Wertvolle Erfahrungen, die die Menschen später mit nach Hause nehmen. Zudem gibt es einen Gemeinschaftsraum samt Küche, der beide Apartments verbindet. Dort wird nicht nur gemeinsam mit den Nachbarn gekocht. Beim Kartenspielen seien auch schon Freundschaften zwischen den Kurzzeitbewohnern entstanden, sagt Uli Feder. Sie ist die Einrichtungsleiterin.Wie ein Pflegeheim wirkt das PÜZ nicht. Und dennoch ist die professionelle Unterstützung nur einen Knopfdruck im Gebäude nebenan entfernt. Das Konzept kommt an: Laut PÜZ-Chefin Feder haben hier seit dem Start im Jahr 2019 bereits 122 Gäste gewohnt. Die meisten von ihnen bleiben für rund 20 Tage.Diesen außergewöhnlichen Ort besucht Caritas-Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa auf ihrer Sommerreise. Um das Miteinander der Generationen soll es gehen, „damit die Herausforderungen der Zeit gemeinsam bewältigt werden können“, sagt Welskop-Deffaa.Caritas Präsidentin Eva Maria Welskop-Deffaa (zwischen den roten Schuhkartons) mit Unterstützern und Mitarbeitern des Zentrums in MellrichstadtCaritasDie Pflege wird teurerLaut Statistischem Bundesamt waren im Jahr 2023 knapp 5,7 Millionen Menschen pflegebedürftig. „67 Prozent der pflegebedürftigen Menschen werden von ihren Angehörigen gepflegt“, sagt Welskop-Deffaa. Bis zum Jahr 2070 sollen es schätzungsweise 6,9 Millionen Pflegebedürftige sein. Der Bedarf an Pflegekräften steigt entsprechend – und damit die Kosten.Das macht sich schon heute stark in den Pflegeausgaben bemerkbar. Dem Statistischen Bundesamt zufolge haben sich die Ausgaben für die Pflege seit 2014 mehr als verdoppelt, auf 135,9 Milliarden Euro im Jahr 2024. Mit 25,3 Prozent machen die Pflegekosten ungefähr ein Viertel aller Gesundheitsausgaben in Deutschland aus.Für die Angehörigen ist das fordernd. Rund zwei Drittel der pflegenden Angehörigen erbringen täglich Pflegeleistungen. Das zeigt eine Befragung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIDO). Wer Angehörige pflegt, hat meist weniger Zeit für andere Arbeit: Von den Befragten haben gut zwei Drittel ihre Erwerbstätigkeit reduziert oder unterbrochen.Wie das PÜZ Pflegekosten verringern könnteDas sind Folgen, die Kinder und Enkel von Pflegebedürftigen häufig zu spüren bekommen, so Caritas-Präsidentin Welskop-Deffaa. Das Übungszentrum in Bayern – eine Einrichtung des Wohlfahrtsverbandes – schaffe jedoch die Voraussetzungen, damit die Pflegekosten sinken. „Wir geben viel zu viel Geld aus, das am Ende ineffizient genutzt wird“, sagt sie. Weil viele in häuslicher Umgebung alt werden wollen, würden oft Treppenlifte und Rollstühle angeschafft. Doch manchmal seien diese gar nicht notwendig und viel zu teuer. Das PÜZ biete die Chance zu erfahren, welche Hilfsmittel wirklich notwendig sind und wie falsche Investitionen vermieden werden können.Neben positiven Effekten für die Geldbeutel der Angehörigen sei das auch gesamtwirtschaftlich sinnvoll: „Wir werden nicht für alle Menschen Altenhilfeeinrichtungen bauen können. Das ist viel zu teuer, und das wollen die Menschen ja auch nicht“, sagt Welskop-Deffaa. Pflegeheime müssten zudem nicht immer komplett neu gebaut werden. Die Caritas-Präsidentin fordert, dass Immobilien wie Kindergärten und Schulen multifunktional geplant werden. Das sei wirtschaftlich geboten. Dann müssten bestehende Gebäude nicht abgerissen werden. Ganz nebenbei verhindere das auch die Entstehung von generationsisolierten Quartieren. Dafür würden Berührungspunkte zwischen älteren und jüngeren Generationen gefördert werden.Bisher noch einmalig - das Pflegeübungszentrum in Mellrichstadt. Picture AlliancePflege braucht politische LösungenObwohl Millionen Menschen betroffen sind, sind Einrichtungen wie das Übungszentrum PÜZ eine Seltenheit. Voll funktionstüchtig sei nur das Zentrum in Mellrichstadt in Bayern, heißt es von der Caritas. Ein zweites dieser Art entsteht in Freilassing an der deutsch-österreichischen Grenze. Doch der Funke müsse noch auf die Politik überspringen, damit auch in weiteren Bundesländern Übungszentren entstehen können, sagt die Caritas-Präsidentin. Sie kritisiert das von der ehemaligen Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) angestoßene Pflegeneuordnungsgesetz (PNOG). Zwar begrüße sie die Einführung einer pflegefachlichen Begleitung und die Neujustierung von Pflegeleistungen nach Budgets. Welskop-Deffaa versteht aber nicht, wieso die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige gekürzt werden sollen. Zudem fordere sie die Rückerstattung der milliardenhohen Corona-Hilfen für die Pflegeversicherung. Damals verpflichtete der Bund die Pflegekassen zu Zahlungen im Rahmen der Pandemiebewältigung. Es flossen 5,2 Milliarden Euro. Nach einem Rechtsgutachten der DAK Krankenkasse war das jedoch nicht zulässig.Die Kritik an der geplanten Pflegereform wurde nicht nur von Sozialverbänden lauter, sondern auch aus den Unionsreihen. Anfang Juni hatte der bayerische CSU-Landtagsabgeordnete Klaus Holetschek im Gespräch mit der „Augsburger Allgemeinen“ die Einschnitte bei der Rente als Schlag ins Gesicht bezeichnet. Die Reform ist noch nicht beschlossen. Der Entwurf aus dem Gesundheitsministerium muss noch das Gesetzgebungsverfahren durchlaufen. Zum Beginn des nächsten Jahres könnten die Änderungen dann aber gelten.Digitalisierung als LichtblickObwohl die Herausforderungen in der Pflege riesig sind, gibt es auch Grund zum Optimismus. „Ich bin ein großer Fan der digitalen Transformation in der Pflege“, sagt Welskop-Deffaa. Sowohl Pfleger als auch Pflegebedürftige würden profitieren. Zum Beispiel durch die App „Snap Home“. Die Pflege-App verbindet Patienten, Angehörige und Betreuer, indem wichtige Informationen ausgetauscht werden können. Etwa wann der Pflegebesuch stattfinde, wie er verlief und was noch besorgt werden müsse. Das ist nicht nur eine praktische Erleichterung im Alltag, sondern auch eine verbindende Antwort auf das Thema der Generationenbeziehungen. Eine App, die Kinder und Enkel mit ihren Pflegebedürftigen verbindet. Eine Botschaft, die der Caritas-Präsidentin im letzten Jahr ihrer Amtszeit wohl gefallen dürfte.
Pflege zu Hause üben: Bloß nicht ins Heim
Viele ältere Menschen möchten möglichst lange in den eigenen vier Wänden leben. In einer bayerischen Kleinstadt können Pflegebedürftige und Angehörige üben, wie das funktioniert.








