Der Sprintmeister lächelte. George Russell entpuppt sich zum Experten für das „Baby-Rennen“ der Formel 1. So nennt der Teamchef von Mercedes, Toto Wolff, die hier und da eingestreute 100-Kilometer-Sause der Königsklasse. Sein englischer Pilot beherrschte die Disziplin am Samstagmittag auf der Rennstrecke von Zandvoort souverän: Start-Ziel-Sieg.Kein Wackler bei der Tour durch die Dünen vor dem Nordseestrand, dritter Sprint-Sieg im sechsten Versuch in diesem Jahr: „Es ist gut gelaufen, das Auto ist schnell“, sagte Russell, hielt sich aber nicht lange mit dem Zwischenstand auf: „Es wird definitiv eng werden.“Russell: „Die Pole wäre wohl drin gewesen“Vorhersagen kann er auch. Dreieinhalb Stunden später, beim Qualifying für den Großen Preis der Niederlande an diesem Sonntag (15.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei Sky und RTL), trennten die ersten Vier 0,142 Sekunden. Russell lächelte diesmal etwas gequält als Zweiter hinter Lando Norris im McLaren, um eine Zehntelsekunde geschlagen.„Die Pole wäre wohl drin gewesen“, erzählte der Engländer, „aber ich komme langsam in den Groove. Ich bin zufrieden.“ Denn sein Teamkollege Kimi Antonelli, der schärfste Rivale im Kampf um den WM-Titel, brauchte drei Hundertstelsekunden mehr: Dritter.Die gewachsene Leistungsdichte der Topteams und ihrer Piloten nach der Sommerpause ließ sich schon im Sprintrennen erkennen. Eine Runde mehr und der einsetzende Regen hätte vermutlich manchen aus der Spitzengruppe doch noch zur Attacke gereizt.Nach 18 der 24 Runden schossen drei hinter Russell, Charles Leclerc im Ferrari, Norris (McLaren) und Antonelli, jeweils in Schlagdistanz auf das Ziel zu. Aber allein der Italiener im Mercedes wagte einen kleinen Angriff vor der ersten Kurve: „Ich habe versucht, die Autos einzuholen, das war nicht wirklich möglich. Ich wollte aber auch nicht zu viele Risiken eingehen.“ Clever.Die Strecke ist zu eng, hat keine langen GeradenAntonelli gelang eine kleine Schadensbegrenzung als Vierter, weil er beim Start an Oscar Piastri (McLaren) vorbeikam und sein Vorsprung als Führender der Fahrerwertung vor Russell (Rang drei) nur auf 56 Punkte schrumpfte. Der 19 Jahre alte Steuerkünstler führt aber auch vor Augen, warum die Formel 1 in der Heimat des viermaligen Weltmeisters Max Verstappen (Sechster im Sprint/Siebter im Qualifying) nicht allein wegen der Refinanzierungsprobleme zum letzten Mal kreist.So sehr die Piloten die Sause durch die überhöhten Kurven mit 19 und 18 Grad Neigung, die „schnellen Kurvenkombinationen“, auch mögen: Im Rennen sehen sie kaum eine Chance, auf klassischem Weg dank ihrer Steuerkunst selbst in einem deutlich schnelleren Boliden vorbeizukommen. Die Strecke ist zu eng, hat keine langen Geraden, wirkt längst überholt.Das einzige Überholmanöver bei voller Fahrt in der Spitzengruppe gelang Leclerc in der 18. Runde vorbei an Norris auf Rang zwei. Dieser, schilderte sein Teamchef Andrea Stella, litt unter dem Verschleiß der Reifen auf der Hinterachse. Sonst wäre es wohl bei der Prozession geblieben. Denn Leclerc, als Einziger ganz vorne mit weichen Pneus gestartet, wunderte sich: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich am Ende des Rennens mit diesen Reifen noch vorbeikomme.“Antonelli gelang es nicht, ihm zu folgen. Auch dies eine Folge des kleinen Fehlers beim Qualifikationstraining am Freitag. Ein Ausflug ins Kiesbett schlug Löcher in den Unterboden des Mercedes, vielleicht auch ins Selbstvertrauen. Nach der Reparatur reichte es „nur“ zu Startplatz fünf. Anders gesagt: Wer viel gewinnen will in Zandvoort, muss weit vorne starten.McLaren fehlt KonstanzDas Finale am Sonntag in Zandvoort nach bisher fünf Grand Prix seit der Rückkehr 2021 verspricht zwar beste Stimmung bei gefüllten Tribünen, solange die „Nederlandse Spoorwegen“, die Eisenbahn, Fans pünktlicher ins Ziel bringt als am Samstag. Ansonsten aber wird der Formel-1-Express eher in Reih und Glied kreisen. Regen, für manche Piloten auf den hinteren Plätzen wie Nico Hülkenberg (Audi/13.) ein Segen, ist nicht in Sicht.Aber im Dauerlauf über 300 Kilometer könnte die Spannung wachsen, falls der über eine Runde so fixe McLaren den Reifenverschleiß nicht in den Griff bekommt. „Wir haben mit der Pole-Position in Ungarn (Ende Juli/d. Red.) und in Zandvoort bewiesen, dass wir über eine Runde die Schnellsten sein können“, sagte Teamchef Stella, „gleichzeitig fehlt uns noch die Konstanz über die Distanz. Wir müssen jetzt versuchen, den Reifenverbrauch zu reduzieren.“ Wird Norris ein Opfer der Mercedes-Fraktion und Piastri (4. Startplatz) von Lewis Hamilton (5.) geschluckt?Ferrari zählte am Samstagnachmittag zu den Verlierern beim Wettrennen um die Zandvoort so wichtige Startposition. Hamilton schoss zwar im letzten Versuch noch an Leclerc vorbei. Aber der Rekordpilot der Formel 1 fand keine rechte Freude. Die Aufstellung der Scuderia in der dritten Startreihe wird kaum helfen, die Stärke des SF26 auszufahren. Die Grand-Prix-Simulation deutet zwar auf das höchste Tempo im Dauerlauf. Aber wie vorbeikommen, wenn nicht beim Start? 300 Meter bis zur ersten Kurve werden kaum reichen für große Sprünge.Dabei scheint Ferrari grundsätzlich vorangekommen zu sein mit dem neuen Unterboden. In zwei Wochen, pünktlich zum Rennen auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Monza, soll ein stärkerer Antrieb die Scuderia-Piloten beschleunigen. Hamilton, Zweiter der Fahrerwertung hinter Antonelli mit 53 Punkten Rückstand, kann es kaum erwarten.Hülkenberg wäre wohl schon zufrieden, wenn es kontinuierlich rund liefe. Ein Antriebsproblem des Audi warf ihn im Sprint erst ans Ende des Feldes, ehe er nach einem langen Aufenthalt in der Box noch einmal auf die Piste zurückkehrte. Sein Teamkollege Bortoleto kam reibungslos in die Gänge, wurde Neunter im Qualifying, hatte zuvor als Neunter das Ziel im „Baby-Rennen“ erreicht, das man auch als Abschiedsgeschenk der Formel 1 an den niederländischen Promotor betrachten kann. Einmal noch alle Aufmerksamkeit für Zandvoort. Selbst wenn sich nicht viel bewegte.
Lando Norris auf Platz 1 bei Qualifying der Formel 1 in Zandvoort
Nach der Niederlage im Formel-1-Sprint gegen George Russell gelingt Lando Norris mit der Pole-Position eine Revanche. Trotz geringer Überholchancen könnte es beim Finale von Zandvoort spannend werden.












