Schon der Name des Wettkampfes ließ keine Zweifel daran, was auf dem Programm stand: Team-Finale. Zehn Mannschaften traten am Freitagabend bei der Reit-Weltmeisterschaft in Aachen zum Kampf um die Goldmedaille im Springreiten an. Und doch sitzt im Reitsport immer nur ein Mensch auf einem Pferd, rudert nicht mit mehreren Kameraden in einem Boot oder steht mit zehn Mitspielern auf dem Feld, sondern muss den Parcours mit seinem Pferd allein bewältigen.„Wie diese vier hier über die ganzen Tage zusammengehalten haben, war unglaublich“, sagte Becker, der Chef dieser glorreichen Equipe. „Das sind Momente, die vergisst man nicht.“ Vor 16 Jahren hatte er das schon einmal erlebt, in Kentucky, als er noch keine zwei Jahre lang Bundestrainer war und doch schon ein goldenes Händchen bei der Auswahl seines Quartetts bewies. Diesmal ist es ihm unter noch schwierigeren Umständen gelungen.Im Reitsport stehen hinter jedem Reiter und seinem Pferd viele Menschen, die zum Erfolg beitragen, darunter die Pfleger und Besitzer der Pferde, die Familien und Sponsoren der Reiter. Becker formte aus diesen vier Einzelunternehmen ein übergeordnetes Team, das alle drei Wettkampftage dominierte und am Freitagabend seinen Vorsprung vor den zweitplatzierten Belgiern und Großbritannien auf Platz drei sogar noch ausbaute.„Wir hatten eine gute Mischung aus den beiden Routiniers Marcus und Daniel“, sagte der Trainer, „und mit Richard und Sophie zwei, die schon erfahren sind, aber auch einen jugendlichen Schwung reingebracht haben.“Ohne Fehler eine 20 Jahre alte „Schande“ wettgemacht: Marcus Ehning und CooliodpaSo, wie sich aus diesen vier Einzelreitern mit ihren Pferden eine Einheit zusammenfügte, ist dieser Mannschaftstitel auch ein Ergebnis vieler kleiner Kapitel, die eine große Geschichte erzählen. Der Bundestrainer stand seit Monaten unter enormem Druck, sprach von „sehr harten Wochen“ für ihn persönlich, weil er den Olympiasieger Christian Kukuk nur als Reservisten nominiert hatte.Und auch Marcus Ehning, der zusammen mit Becker schon 2000 olympisches Team-Gold gewonnen hatte, rutschte mit seinem Pferd Coolio durch den Ausfall von André Thieme erst nachträglich in die Equipe. „Coolio ist in einer unglaublichen Form“, sagte Ehning nun in Aachen, „deshalb habe ich ziemlich viel Druck auf Otto gemacht, dass ich hier unbedingt hinwill, und jetzt habe ich es auch gerechtfertigt.“ Der 52-Jährige schloss seinen Frieden mit diesem Ort: Vor 20 Jahren war er an derselben Stelle gescheitert, mit seiner Stute Küchengirl in ein Hindernis gerutscht und ausgeschieden.„Marcus hat uns alle mitgezogen“Auch an den beiden folgenden Tagen des Teamwettkampfs kamen Ehning und Coolio ohne Abwürfe aus dem Parcours. Ebenso Sophie Hinners und Singclair, die am Freitag zwar das Zeitlimit knapp überschritten, mit nur einem Strafpunkt aber Daniel Deußer und Otello die Chance ermöglichten, ihrem Team schon als drittes Starterpaar den Sieg zu sichern – was selbst mit vier Strafpunkten für einen Abwurf gelungen wäre.Umjubelt nach ihrer entscheidenden Nullrunde: Daniel Deußer und Otellodpa„Otto wollte mir noch erklären, dass es mit vier Punkten auch reichen würde“, erzählte Deußer hinterher, „da hab ich gesagt: ‚Otto, ich muss versuchen, null zu reiten, ich muss mich konzentrieren.‘ Und an nichts anderes habe ich gedacht.“ Den Druck auf seinen Schultern habe er gespürt, sich aber ganz auf sein Pferd konzentriert. „Und wenn man dann reinreitet, mit diesem Publikum, dann gibt das extra Motivation.“Diszipliniert folgten die 40.000 Menschen im lichtgefluteten Stadion einer unabgestimmten Choreographie aus Anfeuerung vor dem Läuten der Startglocke, absoluter Stille während der Ritte und Ekstase, wenn ein Paar fehlerfrei ins Ziel galoppierte. Selbst als der Regen immer stärker wurde, blieben sie und bejubelten die Sieger auf der Ehrenrunde.Nerven behalten und keine Fehler gemacht: Sophie Hinners mit Singclairdpa„Diese Kulisse ist gigantisch“, sagte Sophie Hinners, mit 28 Jahren die Jüngste im Team. Sie gehörte bereits im vergangenen Jahr mit ihrem Pferd My Prins zur deutschen EM-Equipe, die in Spanien Bronze gewann, und ließ nun auch mit dem Wallach Singclair die massiven, bis zu 1,65 Meter hohen Kombinationen im Aachener Parcours ganz einfach aussehen. Ihre starke Runde und die ihrer Teamkollegen Ehning und Deußer ermöglichten dem Vierten im Bunde, Richard Vogel, dass aus seinem finalen Ritt eine Ehrenrunde werden konnte.Der 29-Jährige war mit seinem so gewaltig galoppierenden Pferd United Touch als Europameister und Sieger des Großen Preises von Aachen als einer der Topfavoriten auf Einzelgold zur WM gereist. Ein Reiterfehler gleich am ersten Tag im Zeitspringen zerstörte diese Hoffnung aber früh. Statt sich vor Gram zu verkriechen, machte er es am nächsten Tag besser.Ließen sich erst Zeit und dann ausgiebig feiern: Richard Vogel und United TouchdpaAm Freitag genoss Vogel die Atmosphäre und drehte mit seinem Hengst eine bedächtige Runde – die ihm zwar keinen weiteren Abwurf, aber zwei Strafpunkte für Zeitüberschreitung einbrachte. „Das hat er vielleicht ein bisschen zu sehr genossen“, diese Spitze verkniff sich der Bundestrainer nicht.Aber Vogel konnte gut damit leben, sein Hüpfer auf das Podest bei der Siegerehrung war der höchste seines Teams: „Ich war hier an allen Tagen das Streichergebnis und bin trotzdem der glücklichste Reiter.“ Auf die gesamte deutsche Mannschaft, auf Vogel aber im Speziellen, war in diesen Tagen viel eingeprasselt.Überall auf dem Turniergelände trafen sie Bekannte und Fans, die ihnen auf die Schulter klopften und viel Glück wünschten. Die aber auch Erwartungen schürten, denn jeder Fan der deutschen Equipe, der sich ein Ticket für Freitagabend gekauft hatte, wollte diese Mannschaft ganz oben auf dem Treppchen sehen. „Jeder meint es gut, aber das hilft am Ende nicht“, sagte Becker. „Das haben aber alle vier gut verinnerlicht. Sie waren heute tagsüber nicht da, wo der ganze Trubel war, und man hatte das Gefühl, dass sie richtig fokussiert sind, aber mit einer gesunden Anspannung.“Noch ist die WM für die Springreiter nicht vorbei, an diesem Sonntag (16.20 Uhr im ZDF) steht das Einzelfinale an, in dem vor allem Daniel Deußer große Chancen hat, der mit dem Schweizer Steve Guerdat die Zwischenwertung anführt.Daran habe er aber noch keinen Gedanken verschwendet, sagte Deußer am Freitag, als etwas anderes im Vordergrund stand: „Das ist das schöne Ende eines langen Weges, auf das wir alle hingearbeitet haben. Es wurde viel geredet über diese Heim-WM in Aachen, und es war immer das Ziel, in der Mannschaft zu sein. Jetzt tatsächlich hier als Weltmeister zu stehen, mit einer fantastischen Mannschaft, vor diesem Publikum, das ist ein Gänsehautgefühl.“