Chaosspiel in Mannheim : Hilferuf nach einem Pokalabend mit dunklem Schatten22.08.2026, 11:01Lesezeit: 4 Min.Schnell geht es beim Fußballspiel Mannheim gegen Kaiserslautern nicht mehr um Fußball. Das überrascht nicht. Die bittere Botschaft: Der Fußball allein schafft es nicht, das Absehbare zu verhindern.Dass es bei diesem Fußballspiel am Ende nicht mehr um Fußball gehen würde, war im Grunde schon nach zwei Minuten klar. Allzu viel war der Ball nämlich noch nicht gerollt, als es bereits zum ersten Mal nicht mehr weiterging. Es blitzte, böllerte und rauchte derart gewaltig in und vor der Fankurve des SV Waldhof Mannheim.Dass es bei diesem Fußballspiel am Ende nicht mehr um Fußball gehen würde, war nämlich spätestens in dem Moment klar, in dem die Pferde kamen. Die Pferde und die Hunde. Und vor allem die Polizisten. Hunderte Polizisten in voller Schutzmontur. Eigentlich hätte nun die Verlängerung im Mannheimer Carl-Benz-Stadion beginnen sollen.Stattdessen zogen Nebelschwaden über das Feld, Raketen zischten durch die Luft, immer wieder knallte es, schlugen glühende Leuchtfeuer auf dem Rasen ein. Und auch wenn es später, in der letzten Minute der Verlängerung, noch einen 1:0-Siegtreffer für den FCK geben sollte, waren es diese Bilder, die am Ende blieben. Es waren die Bilder von einem Fußballstadion, das zur Kampfzone geworden war.Dabei hatten die beiden Fan-Lager im Grunde schon während der gesamten Partie massenweise Pyrotechnik gezündet. Dramatisch eskaliert war das Ganze aber erst am Ende der regulären Spielzeit. 0:0 stand es nach 90 Minuten Fußball, in denen sowohl der Drittligaklub aus Mannheim als auch der Zweitligaklub aus Kaiserslautern genügend Chancen hatten, ein Tor zu schießen, und es doch nicht taten.In der letzten Szene vor dem Abpfiff gerieten dann zunächst die Spieler auf dem Platz aneinander. Die fußballtypische Rudelbildung nach einem etwas zu energisch geführten Zweikampf in der Nähe der Auslinie war daraufhin der Ausgangspunkt für eine selbst für Fußballverhältnisse untypische Spirale der Ungeheuerlichkeiten.Polizei rückt mit Pferden und Hunden anDie zeitliche Abfolge in der nun endgültig überhitzten Atmosphäre war dabei wie folgt: Als sich die Spieler des FCK mit ihrem Trainerteam vor ihrer Auswechselbank versammelten, um sich dort auf die Verlängerung vorzubereiten, flogen von der Haupttribüne haufenweise Bierbecher und Fahnenstangen aus Plastik auf sie.Wohl als direkte Reaktion darauf feuerten Fans aus der Gästekurve dann mehrere Leuchtraketen Richtung Haupttribüne, die dort – wo in Mannheim unter anderem der Familienblock ist – inmitten der Zuschauer landeten. Das wiederum animierte offenbar einige der Mannheimer Anhänger hinter dem gegenüberliegenden Tor, die Absperrungen zu überwinden und auf das Spielfeld zu stürmen. Während die Mannschaften umgehend in die Kabinen flüchteten, rückte nun die Polizei samt Hunde- und Pferdestaffel an.Eine Pyrofackel fliegt aus dem Kaiserslautern-Block auf die Haupttribüne.ReutersDie Beamten lieferten sich eine gewaltsame Auseinandersetzung mit Mannheimer Fans und drängten diese damit sukzessive in den Block zurück, wobei von dort weiterhin Böller und Raketen in Richtung der Menschen und Tiere flogen. Gut 30 Minuten, in denen sich die Lage zunehmend beruhigte, war das Spielfeld nun allein von der Polizei und einer deutlich kleineren Gruppe von Stadionordnern besetzt.Dann verkündete der Stadionsprecher, dass nun ein Spielabbruch erfolgen werde, sollte auch nur ein weiterer Feuerwerkskörper auf den Rasen fliegen. Die Partie wurde daraufhin tatsächlich fortgesetzt. So folgte noch eine Verlängerung, in der es keine weiteren Ausschreitungen, dafür aber ein sehenswertes Distanzschusstor von Ibrahim Kanaté (120. Minute) gab.Es hatte sich etwas angestaut zwischen den Fan-SzenenEs ist eine der Besonderheiten des DFB-Pokals, dass er dem Fußball – neben dem ewig neuen Duell zwischen Groß und Klein – auch immer mal wieder Begegnungen großer Rivalen beschert, die sich im Ligaalltag nur noch selten über den Weg laufen. Das Duell zwischen Mannheim und Kaiserslautern etwa gab es, abgesehen von drei gemeinsamen Drittliga-Jahren zwischen 2019 und 2022, in diesem Jahrtausend nur ein weiteres Mal – in einem DFB-Pokalspiel vor rund 25 Jahren.Ansonsten befanden sich die zwischenzeitlich bis in die Oberliga abgestürzten Kurpfälzer aus Mannheim und die Westpfälzer aus Kaiserslautern überwiegend in verschiedenen Fußball-Umlaufbahnen. Wohl auch deshalb hatte sich etwas angestaut zwischen den beiden Fan-Szenen.Versunken im Pyrorauch: Mannheims Torwart Thijmen NijhuisdpaSchließlich gibt es in Deutschland nur wenige Fußballrivalitäten, die von den Anhängern derart als Feindschaft gelebt werden wie die zwischen dem SV Waldhof und dem FCK. „Tod dem FCK“ hatten etwa die Mannheimer zu ihrem Motto für dieses Spiel erklärt. Shirts mit dem entsprechenden Schriftzug, darüber ein martialisch-kitschiger Engel, der mit einer Lanze einen Teufel aufspießt, trugen am Freitagabend längst nicht nur die Ultras, sondern auch Frauen und Senioren.„In den letzten Tagen echt hochgeschaukelt“Dass es bei diesem Fußballspiel am Ende nicht mehr um Fußball gehen würde, dürfte deshalb wohl niemanden überrascht haben, der die zunehmende Polarisierung dieser Fehde verfolgt hat. Kaiserslauterns Sport-Geschäftsführer Thomas Hengen etwa sprach hinterher davon, dass man sich schon „in den letzten Tagen echt hochgeschaukelt habe“, dass es „eine extreme Derbystimmung“ gegeben habe, die letztlich auf beiden Seiten zu Grenzüberschreitungen geführt habe.Und während die Spieler vor allem der siegreichen Kaiserslauterer sich nach dem Spiel alle Mühe gaben, in den Interviews hinterher den Fokus auf den Sport zu lenken, war Hengen offenkundig bewusst, dass sich die dunklen Wolken, die hier mal wieder über einem Fußballspiel aufgezogen waren, nicht so schnell würden vertreiben lassen.Die obligatorischen Strafen des Deutschen Fußball-Bundes, die nun für beide Vereine folgen dürften, hält er allerdings nicht für die Lösung. „Es ist eine Never-ending-Story, dass man sich da mal zusammensetzt und eigentlich einen anderen Ansatz wählt“, sagte Hengen. Es gehe darum, „einen rechtsfreien Raum“, wie es ihn teilweise im Stadion gebe, „nicht nur durch den Fußball, sondern auch durch den Gesetzgeber“ mit härteren Strafen zu schließen, sagte Hengen.Es klang wie ein Hilferuf. Der Fußball allein schafft es nicht, das Absehbare zu verhindern. Das war wohl die bittere Botschaft, die von diesem DFB-Pokalabend ausgegangen war – von einem Fußballspiel, bei dem es am Ende nicht mehr um Fußball ging.