Vielleicht ist Emma beleidigt. So liebevoll Anna Steiner den Kakadu auch ruft, er kommt nicht aus dem Versteck. „Ich war heute schon einmal hier, aber da hatte ich keine Zeit“, sagt die Betreiberin der Vogelburg, in der Emma und etwa 700 andere Vögel leben. Weil Kakadus wie alle Papageien ein hervorragendes Gedächtnis haben, geht Steiner davon aus, dass Emma sich genau gemerkt hat, dass sie am Morgen nicht so intensiv gekrault worden ist, wie sie es schätzt.Die Vogelburg ist ein ungewöhnlicher Ort. Die trutzige Anlage liegt mitten im Taunus, in der Nähe des Dorfs Hasselbach, einem Ortsteil der Gemeinde Weilrod. Steiners Eltern haben das ein Hektar große Grundstück, ein damals verwahrlostes Wildgehege, 1981 gekauft und darauf einen Zufluchtsort für Vögel gebaut. Das Material, vor allem grauen Fels und Sandstein, bargen sie von Abbruchhäusern, wie die Tochter sagt. Sie wuchs mit der Vogelburg auf. „Eine Lebensaufgabe.“Die Häuser der Vögel tragen Hausnummern, alle Tiere haben Innen- und Außenräume. Einzelkäfige wie in Wohnzimmern gibt es in der Vogelburg nicht. Eigentlich betrieben Steiners Eltern Bekleidungsgeschäfte, aber der Vater hielt auch Papageien – und brauchte Platz für die Tiere. Nach und nach meldeten sich immer mehr Vogelbesitzer, die ihre Tiere nicht mehr halten konnten oder wollten. Die Vogelburg wurde zum Asyl und Altersruhesitz für abgegebene Heimtiere – und zum Ausflugsziel weit über die Gegend hinaus. Neue Vögel kann Steiner zurzeit nicht aufnehmen. Der Platz reicht nicht.Wer den Aras eine Nuss reicht, sollte vorsichtig seinFür einen Werktagsmorgen nach den hessischen Sommerferien kommen erstaunlich viele Gäste an den abgelegenen Ort. Ein etwa zwei Jahre altes Mädchen hält in jeder Hand ein Stofftier. Solche Aras gibt es am Kassenhäuschen zu kaufen, genauso wie Pappbecher voller Sonnenblumenkerne, Erd- und Walnüsse zum Füttern.Trutzig: Das Material für die Vogelburg stammt von Abbruchhäusern.Frank RöthDie Kuscheltiere des Kindes sind schon abgeliebt, und das Mädchen kennt sich auf dem Gelände sichtlich aus. „Kaku! Hallo Schwänzchen!“, ruft es den zwei lebendigen Aras zu, die am Eingang auf einem Ast hocken. Wer ihnen eine Nuss reicht, sollte vorsichtig sein. Sonst blutet der Zeigefinger. Die Schnäbel sind fest und stark.Im Haus der Sittiche geht es lieblicher zu. Das Mädchen füttert die Vögel mit Hirse. Mutter und Oma helfen. Das Kind lacht. Etliche Tiere picken an den Halmen, setzen sich auch auf Hände und Arme. Das prickelt. Auch in anderen Gehegen können Menschen und Vögel einander ohne Gitter begegnen – in manche dürfen Kleinkinder nicht mit hinein. Für alle anderen gilt, was auf den Türschildern steht: „Betreten auf eigene Gefahr“.Hirse für die Sittiche: Besucher erhalten das Futter am Kassenhäuschen.Frank RöthIn der schönen Jahreszeit ist die Vogelburg jeden Tag von 10 bis 18 Uhr geöffnet. Die Tiere leben auch im Winter dort, und Steiner kümmert sich um sie. Die Anlage finanziert sich, wie sie sagt, über Eintrittsgeld, Spenden und Erbschaften. Für einen Besuch zahlen Erwachsene acht Euro, Kinder sechs. Die mehr als 500 Freunde der Vogelburg, die einem Klub beigetreten sind, kommen gratis hinein.Das Geschrei der Molukkenkakadus schrillt in den Ohren. Das Gefieder in Zartrosa stellen sie am Kopf so auf, dass die tiefroten Federn darunter hervorlugen. Im Gehege gegenüber leben schwarze Palmkakadus. „Die sind ganz selten“, sagt Steiner.Das Gedächtnis der Papageien stellt nach Emma, dem beleidigten Kakadu, auch Vasco unter Beweis. Die Blaustirnamazone sagt: „Hörst du auf!“ Auf diese Weise offenbaren sich in der Vogelburg Situationen aus den Haushalten, in denen die Vögel früher einmal gelebt haben. Sie sprechen nach, was Menschen ihnen regelmäßig vorgesagt haben. So rufen manche „Aua!“, wenn sie gebissen haben.