Im Zweifel den Blinddarm herausoperieren, hiess es früher. Doch bei Kindern können unbestimmte Bauchschmerzen auch ganz andere Gründe habenHäufiges Bauchweh beim Nachwuchs hält Eltern auf Trab. Ob wirklich der Blinddarmfortsatz entzündet ist, lässt sich heute viel besser feststellen. Doch oft entstehen die Schmerzen eher im Kopf als im Bauch. Die Kolumne «Hauptsache, gesund».22.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenWenn der Kinderbauch schmerzt, muss es nicht gleich der Blinddarm sein.LightFieldStudios / GettyKürzlich klagte meine Tochter wiederholt über Bauchweh. Mehrmals täglich rief sie aus dem Klassenlager an. Sie klang elendig, aber sie wollte nicht nach Hause kommen. Mehr als einmal fluchte ich über das Handyzeitalter, in dem Kinder bei jedem Problemchen ihre Eltern anrufen können. Aber ich machte mir auch Sorgen. War sie krank? War etwas passiert? War sie überfordert vom ständigen Miteinander in einer neuen Schule? Oder hatte sie einfach Heimweh und brauchte als 12-Jährige nun einen Vorwand, um zu Hause anrufen zu können? Vielleicht war es eine Mischung aus alledem.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Hauptsache, gesund»In dieser Kolumne werfen Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin und Gesundheit. Viele Kinder und Jugendliche leiden mitunter an Bauchschmerzen, Mädchen häufiger als Knaben. Oft legt sich das schnell wieder. Tritt es aber gehäuft auf, bereitet es den Eltern Sorgen. Ich fragte meinen Vater um Rat. Als Arzt hat er früher allerlei Patienten behandelt und ausserdem vier Kinder grossgezogen.Er erzählte, dass meine Schwester im gleichen Alter auch häufig über Bauchweh geklagt habe. Es sei ein Wunder, dass sie ihren Blinddarm noch drin habe. Ich bekam einen kurzen Schreck, weil ich bei meiner Tochter nie an etwas derart Ernstes gedacht hatte. Eine Blinddarmentzündung kann gefährlich werden. Bricht der entzündete Wurmfortsatz auf, gelangen Bakterien und Darminhalt in die Bauchhöhle, was zu einer lebensbedrohlichen Bauchfellentzündung führen kann.Um einen solchen Verlauf zu verhindern, hat man früher lieber einmal zu oft operiert. Tatsächlich war bis in die 1990er Jahre etwa jede fünfte Operation unnötig, weil der Wurmfortsatz gar nicht entzündet war. Ich erinnere mich daran, dass mein Vater uns Kinder bei Bauchweh immer nach Schmerzen abtastete. Er schaute dabei sehr ernst. Ich wunderte mich, was das sollte, denn er konnte mir trotzdem nie sagen, was ich hatte. Wahrscheinlich hat er uns damit aber den ein oder anderen Spitalbesuch erspart.Als Eltern fragt man sich, was der wahre Grund für die Schmerzen istDank neuen Untersuchungsmethoden wie Ultraschall und Computertomografie ist die Zahl der unnötigen Blinddarmoperationen heute stark zurückgegangen. Mir war nicht einmal der Gedanke gekommen, dass es sich bei meiner Tochter um etwas handeln könnte, das man medizinisch untersuchen sollte. Allerdings schienen ihre Schmerzen auch nicht so stark zu sein. Ich machte mir vor allem Sorgen über psychosoziale Ursachen des Bauchwehs.Dabei schwankte ich zwischen Mitgefühl und Argwohn. Machte mir meine Tochter etwas vor, weil sie keine Lust hatte, an gewissen Aktivitäten teilzunehmen? So, wie sie manchmal morgens über Kopfweh klagt, wenn sie – wie ich annehme – keine Lust auf Schule hat?Aber das Programm im Schullager entsprach genau ihren Interessen, eine Mischung aus verschiedenen sportlichen und kreativen Aktivitäten. Eigentlich hätte sie es lieben müssen. Aber offensichtlich fühlte sie sich unwohl, vielleicht hatte ihr auch ein kleiner Infekt auf den Magen geschlagen. Jeder erneute Anruf versetzte mich kurz in Alarmbereitschaft – aber dann kam ich mehr und mehr zu dem Schluss: Sie wollte einfach nur kurz reden.Bereits erschienene Texte unserer Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.Passend zum Artikel