Der andere Blick mit DatenDeutschlands Militär: Warum die Wehrpflicht schon bald unausweichlich sein könnteDie Bundeswehr spricht immer mehr junge Menschen an. Doch eine Auswertung der NZZ zeigt: Der Zuwachs reicht nicht, um bis 2035 auf mindestens 255 000 aktive Soldaten zu kommen.22.08.2026, 04.30 Uhr5 LeseminutenDie Bundeswehr wächst. Ende vergangenen Jahres dienten 184 194 aktive Soldaten in der Truppe, 3020 mehr als ein Jahr zuvor. Bis Juni dieses Jahres bewarben sich etwa 40 500 Interessierte für eine militärische Laufbahn – ein Anstieg von 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Und auch bei den Neueinstellungen gab es im Juni mit rund 10 900 ein Plus von 13 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die gute Nachricht täuscht jedoch leicht über ein strukturelles Problem hinweg: Selbst wenn die Bundeswehr im bisherigen Tempo weiterwächst, wird sie ihre Zielgrösse deutlich verfehlen.Mit Stichtag 30. Juni dienten 185 200 Soldaten in der Bundeswehr. Das ist ein Zuwachs von 3600 im Vergleich zum Juni 2025. Im Verteidigungsministerium sieht man das als Bestätigung dafür, dass der eingeschlagene Weg, auf Freiwilligkeit zu setzen, erfolgreich ist. Und tatsächlich erfüllen die Rekrutierungszahlen derzeit den vorgegebenen Aufwuchsplan, mit dem man bis 2035 auf mindestens 255 000 Soldaten kommen will. Noch.Würde die Bundeswehr bis 2035 jedes Jahr um 3020 Soldaten (der letzte verlässliche jährliche Nettozuwachs) wachsen, käme sie auf 214 394 Soldaten. Es fehlten mehr als 40 000. Das entspricht mehr als der Grössenordnung einer Division – das deutsche Heer verfügt derzeit über vier solche Grossverbände.Die Regierung plant schon einen ZivildienstDabei dürfte die Planung des Verteidigungsministeriums bis Ende der zwanziger Jahre im Rahmen des Zielkorridors bleiben: Bei einem konstanten jährlichen Nettozuwachs von 3020 Soldaten käme die Bundeswehr 2026 rechnerisch auf 187 214 Aktive, 2027 auf 190 234 und 2028 auf 193 254. Damit läge sie jeweils noch im gesetzlichen Korridor. 2029 wäre erstmals Schluss: Statt auf die mindestens vorgeschriebenen 198 000 Soldaten käme sie nur auf rund 196 300. Danach würde die Lücke rasch breiter: 2032 fehlten dann fast 13 000.Das macht das Ende der zwanziger Jahre zum entscheidenden Zeitraum für die Zukunft der Wehrpflicht.Das Verteidigungsministerium muss dem Deutschen Bundestag die Zahlen der Freiwilligen ab 2027 alle sechs Monate vorlegen. Reichen diese nicht aus, kann per Bundestagsbeschluss die sogenannte Bedarfswehrpflicht ausgerufen werden. Schon jetzt bereitet sich die Politik auf eine solche Möglichkeit vor: Die Bundesregierung lässt ein Konzept für einen neuen Zivildienst erarbeiten.Zudem dürfte bis Ende der zwanziger Jahre die Infrastruktur der Bundeswehr so weit modernisiert worden sein, dass eine Wehrpflicht logistisch möglich wäre. Und die Zielzahlen zu diesem Zeitpunkt liegen plötzlich sehr hoch.Dennoch: Derzeit freut sich die Bundeswehr über einen massiven Anstieg bei den Bewerbungen. Für die Zielgrösse der Bundeswehr ist jedoch entscheidend, wie viele zusätzliche Soldaten am Ende übrig bleiben. Wie gross die Verluste auf dem Weg vom Interessenten zum dauerhaft dienenden Soldaten sind, zeigen die Zahlen von 2025.Von knapp 56 000 Bewerbungen wurden 11 590 von der Bundeswehr abgelehnt, 5045 Bewerber zogen sie selbst zurück. Zugleich traten im Laufe des Jahres 25 006 neue Soldaten ihren Dienst an – wobei diese nicht zwingend aus dem Bewerberjahrgang 2025 stammen. Von den neu Eingestellten widerriefen bis zum Jahresende 4505 ihre Verpflichtung innerhalb der Probezeit, weitere 434 wurden entlassen. Gleichzeitig verliessen insgesamt 21 924 Soldaten die Bundeswehr. Unter dem Strich wuchs die Truppe deshalb lediglich um 3020 Köpfe.Zeitsoldaten als entscheidender FaktorEin grosser Teil jener Soldaten, die die Bundeswehr verliessen, waren sogenannte Soldaten auf Zeit. In der Bundeswehr dienen derzeit 61 201 Berufssoldaten, 116 283 Zeitsoldaten und 7712 freiwillig Wehrdienstleistende. Mehr als sechs von zehn Aktiven dienen damit in einem zeitlich befristeten Dienstverhältnis.Berufs- und Zeitsoldaten unterscheiden sich vor allem durch die Dauer ihres Dienstverhältnisses. Ein Berufssoldat bindet sich ähnlich wie ein Beamter grundsätzlich für sein Berufsleben an den Staat und scheidet normalerweise erst mit Erreichen der Altersgrenze aus.Ein Soldat auf Zeit verpflichtet sich dagegen für einen festgelegten Zeitraum. Beim neuen Wehrdienst beginnt dieser Status bereits ab zwölf Monaten. Grundsätzlich sind Verpflichtungszeiten von bis zu 25 Jahren möglich. Danach verlässt der Soldat die Bundeswehr, sofern er seine Dienstzeit nicht verlängert oder nicht als Berufssoldat übernommen wird.Eine Modellrechnung des Deutschen Bundeswehrverbands zeigt, wie wichtig es für die Bundeswehr ist, die Zeitsoldaten länger zu halten: In der Rechnung nimmt der Verband für 2028 an, dass die Bundeswehr rund 20 000 Soldaten auf Zeit regulär gewinnen beziehungsweise Ausscheidende ersetzen muss. Nach bisherigen Erfahrungswerten benötigt die Bundeswehr für die Einstellung eines Zeitsoldaten im Schnitt 3,5 Bewerber aufgrund von Abweisungen oder vorzeitigen Abbrüchen.Somit wären 2028 rund 70 000 Bewerbungen nötig, um die Zahl der Zeitsoldaten zu decken.Die Bundeswehr versucht, gegenzusteuernHinzu kämen bei den für 2028 vorgesehenen 28 000 Einstellungen im neuen Wehrdienst weitere 49 000 Bewerbungen. Insgesamt errechnet der Verband damit einen Bedarf von rund 119 000 Bewerbungen allein für das Jahr 2028.Die Bundeswehr versucht, in diesem Bereich gegenzusteuern – und kann Erfolge verbuchen: 2025 verlängerten 10 128 Zeitsoldaten ihre Dienstzeit, im Durchschnitt um rund drei Jahre. Weitere 3902 wurden zu Berufssoldaten ernannt. Auch besonders lange Verpflichtungen nehmen zu: Mitte 2025 gab es 8602 Zeitsoldaten mit einer Verpflichtungszeit von 25 Jahren. Zehn Jahre zuvor waren es erst 667. Gelänge es, noch mehr Zeitsoldaten dazu zu bringen, ihre Dienstzeit zu verlängern, hätte das positive Auswirkungen auf den geplanten Aufwuchs.Zumal neue Soldaten vor allem Mannschaftsdienstgrade auffüllen würden, nicht jedoch jene der Unteroffiziere. Für eine Armee, die immer komplexere Waffensysteme betreibt, sind länger dienende Zeitsoldaten und Berufssoldaten mit Expertise entscheidend.Reservisten gesuchtDoch die Bundeswehr muss nicht nur bei den aktiven Soldaten aufwachsen, sondern auch bei den Reservisten. Derzeit sind 60 000 beordert, in sieben Jahren sollen es 200 000 sein. Auch hier speist sich das Personal wesentlich aus früheren aktiven Soldaten. Künftig sollen zudem Wehrdienstleistende nach dem Ende ihrer aktiven Dienstzeit in die Reserve übergehen und dort für weitere Übungen und Einsätze einplanbar bleiben. Der Personalbedarf ist also extrem hoch.Steigt die Zahl der Bewerbungen und Einstellungen in den kommenden Jahren weiter stark, sinkt die Abbruchquote und gelingt es zugleich, Zeitsoldaten wesentlich länger zu binden, kann die Bundeswehr eine Bedarfswehrpflicht womöglich vermeiden oder zumindest hinausschieben. Diese Herausforderungen sind schon wegen der demografischen Entwicklung und des Konkurrenzkampfs um Fachkräfte erheblich.Spricht man mit Werbeoffizieren und Wehrpolitikern darüber, herrscht hinter vorgehaltener Hand meist Skepsis, ob die Bundeswehr all diese Hürden meistern kann. Bereits der Nettozuwachs im vergangenen Jahr war ein organisatorischer Kraftakt der Bundeswehr.Bleibt der Nettoaufwuchs dauerhaft in dieser Grössenordnung, wird das Verteidigungsministerium seine Zielzahlen kaum erreichen.Dann dürfte die Wiedereinsetzung einer Bedarfswehrpflicht gegen Ende der zwanziger Jahre zur wahrscheinlichsten Option werden.Passend zum Artikel