Die Szenen kommen eine Woche zu früh. Rockstar, die Entwicklerfirma von „Grand Theft Auto VI“, hatte für den 27. August bei Netflix erste exklusive Einblicke in das Spiel angekündigt. Nach vielen Jahren Entwicklungszeit und mehreren Aufschüben soll es im November erscheinen. Nun deutet vieles darauf hin, dass sich jemand Zugang zum Spiel verschafft hat. Seit einigen Tagen kursieren Szenen über alle sozialen Netzwerke. Rockstar hat die Echtheit der Ausschnitte nicht bestätigt, lässt das Material auf den Plattformen aber per Copyright-Beschwerde entfernen. Viele lesen das als Beleg der Echtheit.Es wäre nicht das erste Mal. Im September 2022 bestätigte Rockstar einen unbefugten Zugriff auf seine Systeme. Danach wurden mehr als 90 Videos aus einer frühen Entwicklungsphase von „GTA VI“ veröffentlicht. Für eine Verbindung zwischen dem damaligen Hackerangriff und den jetzigen Aufnahmen gibt es allerdings keinen Beleg.Offenbar muss man als Spieler jetzt selber tankenAufsehenerregend sind die Spielszenen gerade deshalb, weil sie wenig Aufsehenerregendes zeigen. Es sind Inhalte, die der Entwickler selbst wohl kaum fürs Marketing genutzt hätte, denn sie zeigen banales Gameplay. Einer der Hauptcharaktere, Jason, spielt im Garten Basketball, hinter ihm liegt ein Jetski. Er tankt sein Auto nach, gerät mit einem Lieferfahrer in Streit und schlägt mit beiden Fäusten zu. In einer anderen Szene schießt der Charakter mit einer Waffe das Wort „LEEK“ gegen eine Wand. Hinzu kommen die Veröffentlichung der gesamten Karte der neuen Spielwelt sowie ein Video, in dem der Spieler mit einem Flugzeug über das riesige Spielfeld fliegt.Was der Nutzer „Cyberleek“ veröffentlicht, verrät fast ein Dutzend neue Spielmechaniken, über die Fans der Videospielreihe lange spekuliert haben. Offenbar müssen Fahrzeuge künftig selbst mit Benzin versorgt werden. Ähnlich wie im Rockstar-Spiel „Red Dead Redemption 2“ könnte es eine Art Reputationsanzeige geben.Auch ein Fahndungssystem mit sechs Sternen scheint zurückzukehren. Dass der Hacker am Ende sogar seinen Namen in das Spiel eingravieren kann, deutet darauf hin, dass er mehr als abgefilmte Ausschnitte besitzt und wohl auch über eine spielbare Version des Spiels verfügt. Ob diese dem aktuellen Entwicklungsstand entspricht, ist ungewiss.Rockstar verliert Informationshoheit – aber gewinnt andersDer Nutzer oder die Gruppe „Cyberleek“, die hinter den Veröffentlichungen steckt, könnten Rockstar unter Druck setzen. Wer eine spielbare Version besitzt, könnte weitere Spielmechaniken veröffentlichen, aber auch Teile der Spielgeschichte bis hin zum Ausgang selbst leaken. Das scheint den Hackern bewusst zu sein. In einem Manifest, das sie auf einer eigenen Website veröffentlicht haben, stellen sie drei zentrale Forderungen an Rockstar.Sie verlangen den Stopp digitaler Vorbestellungen und physische Editionen. Sie fordern die Abschaffung von Erweiterungen, die bereits im Grundspiel angelegt sind und für die Nutzer später abermals zahlen müssen. Und sie verlangen Offline-Versionen von Einzelspielerinhalten, die auch nach der Abschaltung von Servern erhalten bleiben. Sollte Rockstar diesen Forderungen nicht nachkommen, wollen sie weiter veröffentlichen.Rockstar hat Informationen zu seinem neuen Titel bislang knapp und äußerst kontrolliert herausgegeben. Nun gerät das Unternehmen unter Druck. Dass die Leaks dem Verkauf des Spiels schaden, ist allerdings zu bezweifeln. Der große Leak von 2022 hat die Erwartung an „GTA VI“ nicht erkennbar gedämpft. Obwohl die Aktie des Publishers Take-Two kurzzeitig eingebrochen ist, dürften die Clips die Vorfreude vieler Käufer eher anfachen. Ein Eigentor für die Erpresser.