Mit teilweise scharfer Kritik haben mehrere Länder auf die Entscheidung des israelischen Militärs reagiert, drei Fälle von im Gazakrieg getöteten Helfern nicht weiter zu untersuchen. Kanadas Außenministerin Anita Anand nannte es „inakzeptabel“, dass wegen der Tötung von sieben Mitarbeitern der Hilfsorganisation World Central Kitchen (WCK) im April 2024 nicht weiter ermittelt werden solle. Eines der Todesopfer war ein US-Kanadier; die weiteren kamen aus Australien, Großbritannien, Palästina und Polen.Die vorläufige Untersuchung habe „schwerwiegende Versäumnisse“ zutage gefördert, schrieb Anand am Donnerstag auf der Plattform X. Kanada dringe weiter auf „lückenlose Aufklärung“. Auch das polnische Außenministerium zeigte sich überrascht und „sehr enttäuscht“. Australiens Außenministerin Penny Wong schrieb, sie sei „empört“. Alle drei Regierungen beriefen den jeweiligen israelischen Botschafter ein.Die israelische Armee hatte am Mittwoch einen Untersuchungsbericht zu fünf Angriffen zwischen November 2023 und März 2025 vorgelegt, bei denen insgesamt 35 Menschen getötet wurden. Die Ermittlungen führte der am Generalstab angesiedelte „Mechanismus zur Faktenermittlung und Bewertung“, der „außergewöhnliche operative Vorfälle“ untersuchen soll. Israel kommt damit nach eigenen Angaben seiner Verpflichtung nach, möglichen Verstößen gegen das Völkerrecht nachzugehen.„Kein begründeter Verdacht auf strafbares Fehlverhalten“In drei Fällen entschied die Militärstaatsanwaltschaft auf der Basis der Befunde, keine strafrechtlichen Untersuchungen einzuleiten. Im Fall des WCK-Angriffs kam sie laut der Mitteilung der Armee zu dem Ergebnis, dass „trotz schwerwiegenden Mängeln (…) die Entscheidungen der Kommandeure keinen begründeten Verdacht auf strafbares Fehlverhalten begründeten“.Drohnen der Armee hatten am 1. April 2024 in Deir al-Balah nacheinander drei Raketen auf drei Fahrzeuge abgefeuert, von denen zwei das WCK-Logo trugen. Die Insassen hatten eine Lebensmittellieferung zu einem Lagerhaus begleitet. Laut dem Armeebericht hatten Soldaten einen bewaffneten Sicherheitsmitarbeiter für einen Hamas-Kämpfer gehalten; zudem hätten sie geglaubt, die Insassen seien bewaffnet. Nachdem der Konvoi zudem von der vereinbarten Route abgewichen sei, hätten sie den Angriff befohlen. Laut Angaben von WCK war die Route dagegen mit der Armee abgestimmt.Der Vorfall führte international zu massiver Kritik. WCK setzte seine Arbeit vorübergehend aus. Die Armee gestand einen „schweren Fehler“ ein; zwei Offiziere wurden ihres Postens enthoben und drei weitere formal gerügt. Einer der Offiziere hatte laut einem Bericht der Zeitung „The Telegraph“ Monate zuvor einen Brief unterzeichnet, in dem gefordert wurde, Gaza-Stadt von Hilfslieferungen abzuschneiden.Keine Strafermittlungen vorgesehen sind auch zu zwei Angriffen am 18. November 2023 und am 20. Februar 2024, bei denen vier Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen (MSF) getötet wurden. Im ersteren Fall hätten Soldaten in Gaza-Stadt Warnschüsse abgegeben, weil ein nicht koordinierter Konvoi unterwegs gewesen sei. Im zweiten Fall hätten Soldaten ein der Armee bekanntes MSF-Gebäude in Khan Yunis beschossen, dessen Lage sie als „Bedrohung“ betrachtet hätten. MSF kritisierte am Freitag in einer Reaktion, dass die Erklärungen der Armee „mehr Fragen als Antworten aufwerfen“. Der israelische Militärapparat erweise sich als „unwillig“, auf mögliche Kriegsverbrechen zu reagieren. Die Hilfsorganisation forderte daher eine unabhängige Untersuchung.Weitere Ermittlungen zum Tod von Hind RajabStrafermittlungen eingeleitet wurden in zwei anderen Fällen. Am 23. März 2025 hatten Soldaten im Süden des Gazastreifens 15 Nothelfer und UN-Mitarbeiter erschossen, teilweise aus großer Nähe. Anschließend versuchte die Armee, den Vorfall zu vertuschen.Der zweite Fall ist der Tod von Hind Rajab und ihrer Familie sowie zweier Sanitäter am 29. Januar 2024 in Gaza-Stadt. Das fünf Jahre alte Mädchen hatte stundenlang als einzige Überlebende in einem von einem Panzer beschossenen Auto ausgeharrt und telefonisch Hilfe gerufen. Ein eintreffender Krankenwagen wurde jedoch ebenfalls attackiert. Schließlich starb auch das Mädchen. Die Armee hatte bis jetzt dementiert, dass sie für den Vorfall verantwortlich war.Die Militärstaatsanwaltschaft hat in mehr als 70 Fällen Ermittlungen zum Gazakrieg eingeleitet. Anklage erhoben wurde bislang nur in sehr wenigen Fällen, eine Verurteilung ist bekannt. Laut Angaben der teils von der Hamas kontrollierten Behörden im Gazastreifen wurden dort seit Oktober 2023 mehr als 73.000 Menschen getötet, zahlreiche von ihnen Zivilisten.