FCK gegen Waldhof : Wie aus einer Fußball-Rivalität eine Feindschaft wurdeVon Christian Baron21.08.2026, 13:49Lesezeit: 5 Min.Den 1. FC Kaiserslautern und Waldhof Mannheim verbindet eine Rivalität, die von Fans mit Geschmacklosigkeiten gelebt wird. Vor dem Duell im Pokal wird auch eine antisemitische Parole wieder benutzt.Das Südwestderby gegen den Karlsruher SC in der zweiten Bundesliga war am Samstagabend noch gar nicht angepfiffen, da dachten viele Fans des 1. FC Kaiserslautern wohl schon an das Kurpfalzderby bei Waldhof Mannheim gut eine Woche später. Im Fritz-Walter-Stadion verkaufte das Fanbündnis des FCK knallrote Motto-Shirts zum Auswärtsspiel an diesem Freitag (18.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zum DFB-Pokal und bei Sky) in der ersten Runde des DFB-Pokals, die sogar auf der überwiegend von bürgerlichem Publikum frequentierten Nordtribüne Verbreitung fanden.Lächelnd, staunend, bewundernd breiteten die Leute vor sich auf den Sitzen ihre Leibchen aus. Auf der Rückseite steht in martialisch geschwungener Schrift ein in Kaiserslautern altbekannter Spruch: „Waldhof verrecke.“Es braucht keine vertieften historischen Kenntnisse, um darin einen lupenrein antisemitischen Code zu erkennen. Ein Hassruf, den die NS-Sturmabteilung (SA) bereits in der Weimarer Republik zu Propagandazwecken nutzte, lautete: „Juda verrecke.“ Bei Aufmärschen und während ihrer vielen Übergriffe auf Juden brüllten die Nazi-Horden diesen Slogan. Da erscheint es mindestens geschmacklos, wenn Fußballfans im heutigen Deutschland noch immer zu solchen Anleihen greifen, um die maximale Provokation zu erreichen.Der unter Waldhof-Fans beliebte Schlachtruf „Tod und Hass dem FCK“ ist in dieser Hinsicht nicht viel besser. Seit Wochen dreschen Fans beider Vereine in Onlineforen sprachlich aufeinander ein. Doch wie kann es sein, dass eine sportliche Rivalität so weit geht, dass selbst Vernichtungsphantasien als tolerabel gelten?Streit um Stadion und TalenteZumal bei aller berechtigten Kritik am modernen Fußball eines festzustellen ist: In den vergangenen Jahren sind rassistische und antisemitische Parolen – zumindest solche, die von einer großen Masse skandiert werden – nahezu komplett aus deutschen Stadien verschwunden. Auch beim FCK. Dort, wo sie doch einmal zu vernehmen sind – häufig im östlichen Teil der Republik –, wird ihnen meist sofort entgegengetreten.Etwa indem eine Mehrheit im Stadion Gegengesänge anstimmt, durch solidarisches Verhalten der Spieler untereinander und vornehmlich im Amateurfußball sogar bisweilen durch einen Spielabbruch. Im Fall des Pokalspiels in Mannheim aber werden Sicherheitskräfte viel zu tun haben, damit aus rhetorischen Scharmützeln keine körperliche Gewalt erwächst, wie das in der Vergangenheit schon häufiger der Fall war.Während das FCK-Duell mit Eintracht Frankfurt ein geographischer Grenzfall und im klassischen Sinne kein Derby ist und die Nachbarschaft zu Mainz 05 eigentlich nur vonseiten der rheinland-pfälzischen Hauptstadt mit tiefer Abneigung gegenüber Kaiserslautern verbunden ist, kann es die Konkurrenz zwischen FCK und Waldhof in ihrer Intensität mit dem Ruhrpottderby Schalke gegen Dortmund aufnehmen.Die bis dato letzten Duelle zwischen Waldhof Mannheim und dem FCK gab es in der dritten Liga.dpaVon den Fans wird sie gar als regelrechte Feindschaft gelebt, samt allerlei Geschmacklosigkeiten wie etwa vor einem Drittliga-Duell im Jahr 2019. Damals wurde einige Tage vor dem Spiel ein misshandeltes und mit einem Schmähruf beschmiertes Hausschwein auf einem Mannheimer Sportplatz gefunden.Dabei ist die Rivalität im Südwesten erst relativ spät entstanden. Die Mannheimer drohten nach ihrem Aufstieg in die erste Liga 1983, dem seit 1963 in der Bundesliga spielenden FCK die Fans und die Nachwuchstalente der Region streitig zu machen.Als der SV Waldhof im Südweststadion in Ludwigshafen seine Heimspiele austragen wollte, weil die eigene Spielstätte sogar für damalige Verhältnisse nicht erstligatauglich war, verstand man das auf dem Betzenberg als Kriegserklärung. Zwischen den Klubs musste der DFB schlichten. Denn Ludwigshafen liegt auf der pfälzischen, Mannheim auf der badischen Seite des Rheins. Heute undenkbar: In Mannheims Premierensaison im Oberhaus hatte der in die Vorderpfalz umgezogene SV Waldhof kurzzeitig sogar einen höheren Zuschauerschnitt bei Heimspielen als der Platzhirsch FCK.Ein zweiter Fritz WalterIn den Jahren danach spielte bei Waldhof zudem ein Spieler namens Fritz Walter – nicht die größte Vereinslegende des FCK, sondern ein Mann gleichen Namens aus Heidelberg. Nachdem der Mittelstürmer für die Mannheimer in seiner ersten Saison 16 Tore erzielt hatte, unterschrieb er einen Vorvertrag beim FCK für die kommende Spielzeit, entschied sich im letzten Moment aber doch für einen Verbleib in Mannheim – beziehungsweise Ludwigshafen. Das ist nur eine von vielen Anekdoten aus jener Zeit, die beiderseits von Generation zu Generation weitererzählt werden, um die Fehde am Laufen zu halten.Aktuell etwa steht der Angreifer Terrence Boyd, der beim FCK 2022 zum Aufstiegshelden wurde, beim SV Waldhof unter Vertrag. Boyd, der sich einst sogar den Schriftzug „Lautre“ tätowieren ließ, ist damit zu einem Feindbild unter Fans geworden. Obwohl der Grund für seinen Wechsel objektiv betrachtet sympathisch ist: Nachdem er sich mit dem FCK nicht auf eine Vertragsverlängerung einigen konnte, wechselte Boyd nach Mannheim, weil er seine Kinder nicht aus der gewohnten Umgebung reißen und seine Frau nicht schon wieder zu einem Umzug zwingen wollte.Ernst wurde es für den SV Waldhof 1990, als der Verein aus der ersten Liga abstieg. Der FCK gewann im selben Jahr den DFB-Pokal und ein Jahr danach sogar die deutsche Meisterschaft. Die Wege kreuzten sich nach Lauterns erstem Abstieg 1996 in der zweiten Liga wieder. Am Saisonende stieg Kaiserslautern auf und wurde im Jahr danach als bis heute einziger Aufsteiger Deutscher Meister. Der SV Waldhof versank im unterklassigen Fußball, spielt inzwischen seit 2019 immerhin wieder in der dritten Liga.Der Niedergang der TraditionsvereineEin wichtiger Grund für die Rivalität liegt darin, wie ähnlich sich beide Vereine im Grunde sind. Die Anhänger des SV Waldhof nennen sich „Barackler“, ein eigentlich abwertend gemeintes Mundart-Synonym für finanziell schwache Menschen. Waldhof Mannheim ist ein Arbeiterverein aus der Industriestadt Mannheim und aus dem Arbeiterstadtteil Waldhof, seit der Gründung 1907 im Selbstverständnis ein Malocher-Klub und durch die Benz-Baracken später auf und neben dem Fußballplatz lange Zeit geprägt von Fabrikarbeitern und deren Habitus.Dem FCK, gegründet 1900, haftete in den ersten Jahrzehnten das Image des Vereins feiner Leute an, weil der proletarisch geprägte VfR Kaiserslautern damals sportlich auf Augenhöhe agierte, auch wenn er sein Gelände unterhalb des Betzenbergs hatte. Im Eigenverständnis aber war der FCK spätestens nach den Deutschen Meistertiteln 1951 und 1953 der Underdog aus der kleinen und wegen ihrer Lage tief im Pfälzerwald viel verspotteten Industriestadt in der Provinz, der dank eines arbeiterlichen Zusammenhalts die Großen der Fußballwelt von Hamburg bis München immer mal wieder hinter sich lassen konnte.Auch im zwischenzeitlichen Niedergang der Traditionsvereine (für Waldhof ging es bis in die Oberliga, der FCK spielte vier Jahre lang dritte Liga) liegt eine gewisse Parallelität. Mannheim und Kaiserslautern liegen zwar in zwei verschiedenen Bundesländern, doch weisen die Dialekte viele Gemeinsamkeiten auf. Auswärtige müssen schon genauer hinhören, um zu erkennen, dass es sich bei den einen um Kurpfälzer und bei den anderen um Westpfälzer handelt.Nicht zuletzt fahren dieselben Lauterer, denen am Freitagabend im Auswärtsblock der Schaum vom Mund auf das „Waldhof verrecke“-Shirt tropfen mag, anderntags gerne zum Shoppen in die mondäne Quadratestadt nach Mannheim. Umgekehrt werden viele „Tod und Hass dem FCK“-Waldhöfler aus dem Heimbereich ihre erhobenen Stinkefinger nach Spielende senken und am Wochenende zur Erholung in der Natur des Pfälzerwaldes wandern oder radeln. Sie werden die Lauterer vielleicht sogar grüßen. Im Dialekt? Alla hopp.
1. FC Kaiserslautern bei Waldhof Mannheim im DFB-Pokal: eine Feindschaft
Den 1. FC Kaiserslautern und Waldhof Mannheim verbindet eine Rivalität, die von Fans mit Geschmacklosigkeiten gelebt wird. Vor dem Duell im Pokal wird auch eine antisemitische Parole wieder benutzt.










