Herr Werther, wie sieht es an den archäologischen Ausgrabungsstätten entlang der Donau gerade aus?Vor ein paar Jahren hätte ich dort im Wasser oder sogar unter Wasser mit Tauchern arbeiten müssen, um archäologische Stellen freizulegen: Hafenstrukturen zum Beispiel, die dort am Fluss genutzt wurden, oder auch Brückenbauteile. Jetzt liegt dort vieles trocken. Diese Fundstellen sind leicht zugänglich. Die Arbeitsbedingungen haben sich dadurch für uns Archäologen natürlich auf den ersten Blick verbessert. Wir kommen viel leichter an die Sachen heran.Was finden Sie jetzt dort?Es kommen gerade massive Steinstrukturen wie Pfeiler von römischen Brücken oder von mittelalterlichen Bauten zum Vorschein, aber auch Infrastruktur, die mit der Befahrung der Flüsse zu tun hat. Dazu zählen Hafenanlagen und Uferbefestigungen, die durchaus auch aus Holz sein können. Das ist das Besondere an diesen Flussufern, dass sich unter den feuchten Bedingungen organische Materialien wie Holz, Leder und Textilien erhalten.Was erzählen uns diese Fundstücke?Sie erzählen, mit welchen Fahrzeugen Menschen unterwegs waren und Fracht transportiert wurde. Sie können uns verraten, wo diese Fahrzeuge herkamen und wo sie hingefahren sind. Dadurch erzählen sie uns viel über Wirtschaftsbeziehungen und über Handelsnetzwerke. Wir erfahren durch sie, wie Versorgung stattgefunden hat, in einer Zeit vor Eisenbahnen und Flugzeugen. Schon in der Vorgeschichte haben Wasserwege eine ganz entscheidende Rolle gespielt. In römischer Zeit und auch danach waren sie die maßgeblichen Verkehrsadern, auf denen vor allem Massengüter transportiert wurden, wie zum Beispiel Getreide, Salz oder Eisen.Diese Fundstücke sind nun teilweise zum ersten Mal zugänglich. Würden sie sonst im Verborgenen bleiben?Nein, viele der Fundstellen kannten wir schon. Solange dort Wasser ist, arbeiten wir mit Tauchern. Außerdem gibt es verschiedene Messverfahren, um durchs Wasser auf den Untergrund zu schauen, teilweise sogar in den Untergrund hinein. Wenn das Wasser klar ist, können wir auch mit Drohnen aus der Luft arbeiten. Aber natürlich ist das aufwendig. An einem so großen Fluss wie der Donau kann man das nicht flächendeckend machen. Durch die Trockenheit sind jetzt Fundstellen dazugekommen, die uns vorher nicht bekannt waren.Das klingt, als wäre die Trockenheit ein großes Glück für die Archäologie.Im ersten Moment, ja. Vor Kurzem sind am Rhein durch die niedrigen Wasserstände Holzbalken aufgetaucht, die vielleicht Teil einer Hafenanlage aus römischer Zeit sind. Da überwiegt bei uns Archäologen natürlich erst mal die Entdeckerfreude. Die vergeht einem aber schnell, wenn man bedenkt, was das für die Fundstücke bedeutet.Der Archäologe Lukas Werther ist stellvertretender Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts.Wenke DomscheitWas bedeutet es?Diese Hölzer lagen teilweise 1000 oder 2000 Jahre lang im Wasser und haben sich deshalb so gut erhalten. In dem Moment, in dem sie mit Sauerstoff in Kontakt kommen, zersetzen sie sich. Das ist im Prinzip Kompostierung. Für uns ist das ein riesiges Problem. Wir sprechen hier von einzigartigen archäologischen Quellen, von denen nichts mehr übrig bleibt, wenn sie nicht mehr im feuchten Boden liegen. Wir können nicht viel dagegen tun, weil das auf so großer Fläche passiert. So schnell können wir gar nicht graben, um alles zu schützen.Welche Materialien sind besonders durch die Trockenheit gefährdet?Alles Organische, das sich zersetzen kann. Vor allem Holz, Leder und Textilien, aber auch Pflanzenreste aller Art, Nahrungsreste, Getreidekörner und Pflanzenfasern. Sie gehören zu den wichtigsten archäologischen Quellen, die wir haben, um den Alltag der Menschen in der Vergangenheit zu rekonstruieren. Wir sprechen über Zeiten, aus denen es teilweise keine oder wenige Schriftquellen gibt. Das heißt, wenn wir diese archäologischen Quellen verlieren, dann verlieren wir ein Kapitel der Menschheitsgeschichte.Gefährdet die extreme Trockenheit nur Fundstellen an Flüssen?Die Flüsse sind das kleinere Problem. Viel problematischer ist die Situation in Mooren. Dort herrschen exzeptionelle Erhaltungsbedingungen. Das Gleiche gilt für Seeufer, wie am Bodensee oder auch an den Voralpenseen. Dort vollzieht sich diese Veränderung auf Tausenden und Zehntausenden Quadratkilometern. Diese Feuchtbodenfundstellen sind für uns die reichsten und wichtigsten, die wir in der Archäologie haben. Und gerade die sind momentan durch diese Trockenphasen besonders gefährdet. Dass sich dadurch das Grundwasser absenkt, bringt noch ganz andere Nebeneffekte mit sich.Welche?Wenn Menschen früher auf feuchtem Grund gebaut haben, dann wurden an vielen Orten Pfähle in den Boden gerammt, um den Baugrund zu stabilisieren. Das betrifft den Trierer Dom, viele Kirchen und in Venedig jedes Haus. Wenn der Grundwasserspiegel sinkt, dann zersetzen sich diese Pfahlgründungen. Das ist natürlich eher im öffentlichen Bewusstsein, weil Bauarbeiten notwendig sind, wenn auf einmal ein Turm kippt. Aber für uns hat das auch eine archäologische Relevanz, weil nicht nur der Turm kippt, sondern die ganze Geschichte, wie dieser Turm gebaut wurde, verloren geht.Können Sie als Archäologen noch gegensteuern? Unsere Möglichkeiten sind beschränkt. Momentan untersuchen wir vor allem systematisch, wo und wie schnell die Zerstörung stattfindet. Wenn sich das an Fundstellen abzeichnet, müssen wir entscheiden, wie wir durch gezielte Ausgrabungen so viel Information wie möglich retten können. Das geht allerdings nur im Promille-Bereich. Ein großer Teil wird einfach kaputtgehen. Als Gesamtproblem ist es nicht in den Griff zu kriegen.Ziel der Archäologie war es lange, Fundstücke im Boden zu lassen, auch als Teil des Denkmal- und Kulturgüterschutzes. Findet gerade ein Umdenken statt?Ja, absolut. Normalerweise wollen wir die Dinge im Boden lassen, weil sie dort am besten erhalten bleiben. Die klimatischen und hydrologischen Veränderungen zwingen uns zu einem totalen Umdenken. Wir werden an der ein oder anderen Stelle ausgraben müssen, um der Zerstörung zuvorzukommen. Vor ein paar Jahrzehnten schien das noch undenkbar. Bei Baumaßnahmen machen wir das schon. Aber natürliche Prozesse haben lange nicht diese Rolle gespielt.Die Natur hat die Fundstücke im feuchten Boden archiviert. Wie sieht das Archiv an Land aus? Es gibt technische Möglichkeiten, um die organische Substanz für künftige Untersuchungen zu archivieren oder im Museum zu präsentieren. Die Konservierung ist nur sehr aufwendig und teuer. Außerdem fehlen die räumlichen Kapazitäten, weil momentan notgedrungen so viel geborgen werden muss.Was braucht es jetzt?Es braucht ein Bewusstsein dafür, was vor allem die Absenkung des Grundwasserspiegels mit unserer Umwelt macht und was das für die Archäologie bedeutet. Das ist der Punkt, wo wir als Menschen am ehesten einen direkten Einfluss haben. Wir können weniger Wasser verbrauchen, uns überlegen, ob bestimmte Bewässerungstechniken noch zeitgemäß sind, gerade in der Landwirtschaft. Jenseits der großen globalen Dimension des Klimawandels haben solche Maßnahmen auf regionaler Ebene einen kurzfristigen Effekt. Fundlandschaften könnten so erhalten werden.Lukas Werther ist stellvertretender Direktor der Römisch-Germanischen Kommission des Deutschen Archäologischen Instituts. Er forscht unter anderem in den Ländern entlang der Donau.