Wenn ein Polizistenmörder durch die Stadt zieht, ein Serienkiller, der Uniformträger per „112“ zu vermeintlichen Notlagen klingelt, mit einem Küchenmesser enthauptet und ihre Köpfe verschleppt, sollte man davon ausgehen, dass sich die gesamte Kollegenschar auf die Suche nach dem Täter begibt und nicht innehält, bis er gefasst ist.Nicht so in Stockholm. Dort hat Thomas Berg (Jakob Oftebro), der mit der Aufklärung befasste Ermittler, nur ein überschaubares Team zur Verfügung; noch weniger, wenn man den Kreis der rundum Eingeweihten in Betracht zieht, und bald droht auch noch die Gewerkschaft mit Streik. Wenn die Kommissare nicht schleunigst Erfolge vermelden, will sie die 745 Streifenpolizisten von Stockholm zur Niederlegung der Arbeit auffordern.Immerhin hat Berg einen Joker zur Hand: Vater Berg (Peter Andersson) haust zwar ziemlich verlottert zwischen Zeitungsstapeln und benutztem Geschirr, und das Verhältnis zu seinem Sohn muss man auch als ziemlich schwierig bezeichnen.In seinen aktiven Zeiten bei der Polizei muss Alfred jedoch bis zur vorzeitigen Pensionierung eine verlässliche Größe gewesen sein. Weshalb ihn Thomas trotz allem aufsucht. Das ist das Herausstellungsmerkmal von „Blutopfer“, einem Thriller von George Kay („Lupin“, „Hijack“), der Brite ist und nicht Schwede: Die Morde bringen Vater und Sohn nach langer Funkstille wieder zusammen. Und wieder auseinander. Und wieder zusammen. Wie das so ist, wenn sich erwachsene Söhne und ihre Erzeuger begegnen. Einmal rasseln sie so aneinander, dass sich ein Arzt das Ergebnis anschauen muss.Der Vater hat mit der Geschichte des Mörders zu tunEs liegt auf der Hand, dass die Vorgeschichte des Vaters, der als Filmfigur viel interessanter ist als sein Sprössling ohne Ecken und Kanten, auf die eine oder andere Art mit der Geschichte des Mörders verbunden sein muss. Im tief stehenden Kellerlicht, in dem Alfred seine Modellbahnanlage perfektioniert, gäbe er sogar einen prächtigen Verdächtigen ab.Vor allem nimmt seine traurige Gestalt aber das Serienthema vorweg, das im späteren Verlauf mithilfe der Psychologin Charlotte (Lisette Pagler), Ehefrau von Thomas, vertieft wird: die mentale Belastung, unter der Polizisten ihrer Arbeit nachgehen müssen. Alfred säuft, seine Ehe ist dahin, und bei einem Verkehrsunfall, den er für die Kulisse seiner Miniaturanlage gebastelt hat, kommt kaum zufällig ein ehemaliger Vorgesetzter zu Schaden. Offensichtlich hat er mit dem persönlichen Glück für den langjährigen Schutz der Allgemeinheit bezahlt.Der Überblick über die Gefühlslandschaften von Vater und Sohn gelingt dem Fünfteiler gut. Die Bildung des Gespanns wird allerdings holprig begründet: Als die Handlung einsetzt und die ersten enthaupteten Polizisten gefunden werden, gehören zum Team von Thomas neben der aufgeweckten Natalie Eklund (Electra Hallman) noch der etwas ältere Kollege Max (Henrik Norlén) und der schnauzbärtige John (Alexander Abdallah). Das ist auch später noch so.Dem entscheidenden Gedanken darf Berg auf Geheiß von oben allerdings nur im Stillen mit Eklund nachgehen. Er führt zu einem Polizistenmord, der als geklärt gilt, und deutet auf einen Serienmörder: „Es darf auf keinen Fall jemand erfahren, dass da draußen einer Kollegen umbringt.“ Die Notwendigkeit dieser Heimlichtuerei innerhalb der Behörde erschließt sich nicht ganz. Oder sie flog uns ob der vielen schlichten Sätze im Drehbuch durch das eine Ohr rein und durchs andere wieder hinaus. Fest steht, dass Vater Berg bald zu dieser winzigen Runde gehört.Tatsächlich werden bald weitere Beamte, „gute Polizisten, beide Familienväter“, in die nächtliche Notruf-Falle gelockt und geköpft. Ein Rhythmus der Taten zeichnet sich ab, durch den „Blutopfer“ packender zu werden beginnt, und fiese Bilder gibt es zunehmend auch. So unheimlich wie der „Kastanienmann“ auf Netflix, der in Kopenhagen spielt und gerade eine zweite Staffel bekam, oder „Harry Hole“ um einen Serienmörder im brütend heißen Oslo wird der Fünfteiler allerdings nie.Wer einmal zu einem Geschäftstermin nach Schweden aufbrach, kennt die Filterkaffee-Pumpkannen, die in dortigen Büros überall für lauwarmen Koffeinnachschub sorgen. So ähnlich ist es mit diesem jüngsten, vom erfahrenen Kristoffer Nyholm (zwölf Folgen „Kommissarin Lund“) eher klassisch denn ambitioniert inszenierten Stück „Nordic Noir“. „Blutopfer“ leistet, was es soll, aber mehr halt auch nicht.Blutopfer läuft auf Netflix.
Nordic Noir bei Netflix: die Serie "Blutopfer"
Mit „Blutopfer“ stockt Netflix seinen Vorrat an Nordic-Noir-Thrillern auf. Ein Polizistenmörder geht um. Und erstaunlich wenige Ermittler setzen sich auf seine Spur.








