Im Januar 2014 adressierte Andoni Iraola einen persönlichen Brief an den FC Liverpool. Es handelte sich dabei nicht um ein Bewerbungsschreiben, sondern um eine Absage im Wintertransferfenster. Der damalige Kapitän von Athletic Bilbao hatte entschieden, trotz eines Angebots des Premier-League-Spitzenklubs seinen wenig später auslaufenden Vertrag bei seinem Heimatverein zu verlängern. Seine Gründe erläuterte Iraola in dem höchst ungewöhnlichen Schreiben, das einen vornehmen, beinahe entschuldigenden Charakter gehabt haben soll. Iraolas Zeilen von damals trugen nun nicht unwesentlich dazu bei, dass es mit ihm und dem FC Liverpool im zweiten Anlauf klappte – wenn auch in anderer Rolle: als Trainer. Im Juni unterschrieb er einen Zweijahresvertrag und führt die Reds jetzt in die neue Saison.Nach der Entlassung von Chefcoach Arne Slot im vergangenen Mai erinnerten sich die langjährigen Liverpool-Funktionäre Michael Edwards und Julian Ward bei der Suche nach einem Nachfolger an Iraola. Edwards hat den Klub inzwischen verlassen. Aber Liverpools Sportdirektor Richard Hughes war mit dem Basken Iraola ohnehin bestens vertraut: Vor drei Jahren hatte Hughes in seiner damaligen Funktion als Technischer Direktor beim AFC Bournemouth den heute 44-Jährigen unter Vertrag genommen. Zuvor hatte Iraola beim Madrider Vorstadtverein Rayo Vallecano überzeugt. Mit Bournemouth gelang ihm in der vergangenen Saison in Form von Rang sechs die beste Platzierung der Klubhistorie, mit dem Erreichen der Europa League schaffte Bournemouth erstmals überhaupt die Qualifikation für einen europäischen Wettbewerb.Saisonstart in der Premier League:Der allmächtige „Manager“ wird zum Auslaufmodell14 englische Erstligisten bezeichnen ihre Trainer inzwischen als „Head Coach“. Sie folgen dem Vorbild der Arbeitsteilung in den Klubs vom Festland. Doch es gibt kaum noch heimische Trainer – und die Amtszeiten werden kürzer.Um Iraola zu bekommen, handelte der FC Liverpool, gemessen am sonst so rationalen Agieren der amerikanischen Klubbesitzer, geradezu überstürzt. Eine Woche nach Saisonende vollzog der Verein kurzerhand doch die Trennung vom Niederländer Slot – obwohl dieser die Reds nach dem Abschied von Jürgen Klopp zunächst 2025 zur Meisterschaft geführt und anschließend trotz einer insgesamt enttäuschenden Spielzeit immerhin noch die Champions-League-Teilnahme geschafft hatte. Der Sinneswandel in Sachen Slot war notwendig, denn Iraola befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits in intensiven Gesprächen mit anderen Klubs, darunter Bayer Leverkusen. Er hatte zuvor längst angekündigt, seinen auslaufenden Vertrag in Bournemouth nicht zu verlängern. Als Liverpool auf ihn zukam, konnte Iraola die Anfrage diesmal nicht ausschlagen.In mancher Hinsicht wirkt Liverpool wie ein englisches Pendant zu Athletic Bilbao, wo Iraola mehr als 500 Pflichtspiele absolviert hat. Zwar ist die Strahlkraft der beiden Klubs nicht miteinander zu vergleichen, doch das Zugehörigkeitsgefühl, die Andersartigkeit, die Verbindung zu den Nachwuchsspielern und die besondere Stimmung im Stadion seien nahezu identisch, sagt Iraola. Der Fokus auf den Gemeinsinn wurde ihm im Baskenland von klein auf vermittelt. Er gehört zu den wenigen Fußballern, die nahezu ihre gesamte Profilaufbahn nur für einen einzigen Klub bestritten. Erst ganz am Ende ging Iraola für ein Jahr in die MLS zum New York City FC.Die baskische Trainerschule ist in der Premier League gerade in Mode„Mach dich nicht zum Protagonisten“, mit diesem Leitsatz beschreibt Iraola seine Arbeitsweise als Trainer. Seine fußballerischen Überzeugungen sind eng mit gesellschaftlichen Vorstellungen verknüpft. Dinge liefen besser, wenn man nicht nur an sich selbst denke, sondern diejenigen in den Vordergrund stelle, die weniger haben: weniger Einsatzminuten, weniger Erfahrung, weniger Geld. Er möchte seinen Spielern nichts vorschreiben, aber aus seiner Sicht müsse man „kollektiv denken“. Eine Haltung, die einst auch Liverpools legendärer Trainer Bill Shankly formulierte. Mit diesem Denken dürfte sich die von einem sozialistischen Geist geprägte Anhängerschaft des FC Liverpool besonders gut identifizieren. Womöglich wird diese Gesinnung derzeit sogar dringend gebraucht – angesichts der Eitelkeiten, die in der Vorsaison bei manchen Spielern auftraten, angesichts der kapitalistischen Auswüchse im Klub, mit Transferausgaben von mehr als einer halben Milliarde Euro und mit dem kürzlich bekannt gegebenen Einstieg des Milliardenkonsortiums von Amazon-Gründer Jeff Bezos als neuem Miteigentümer.Iraolas Einstellung spiegelt sich im Spielstil seiner Mannschaften, das war in den Vorbereitungspartien des FC Liverpool bereits in Ansätzen zu erkennen. Wie sein Vorvorgänger Klopp setzt er auf leidenschaftliches Pressing mit hoher Intensität und Laufbereitschaft. Dieser Ansatz weicht von jenem von Arne Slot ab, dessen Fokus mehr auf Ballbesitzfußball lag. Iraola folgt den Grundprinzipien der baskischen Trainerschule, die in der Premier League gerade in ist. Neben ihm gibt es drei weitere baskische Vertreter: Arsenals Meistermacher Mikel Arteta, Chelseas neuen Coach Xabi Alonso und Aston Villas Unai Emery. „Das Team steht an erster Stelle“, sagt Iraola – so sei er aufgewachsen. Darin sieht der Trainer auch eine Erklärung für die bemerkenswerten Erfolge der Spanier in den meisten Teamsportarten, obwohl das Land nicht über die besten Athleten verfüge.Vor seinem Pflichtspieldebüt mit Liverpool im Auswärtsspiel bei Newcastle United am Sonntag wurde Iraola auf sein Briefgeheimnis von damals angesprochen. Der Baske lehnte freundlich ab – er wolle sich „nicht selbst vermarkten“. Vielleicht, sagte er, könne man ihn in einigen Monaten noch einmal danach fragen, wenn seine Mannschaft ein paar Spiele gewonnen habe.
Premier League: Liverpools neuer Trainer Andoni Iraola im Porträt
Der neue Coach Andoni Iraola verkörpert die baskische Fußballschule und den Ansatz von Jürgen Klopp.







