Berlin (dpa) - In dem einen führt ein egoistischer Wunsch nach Liebe zur krankhaften Besessenheit, in dem anderem versucht eine junge Regisseurin, ihre Lust zu verstehen und das Blut spritzt. Es sind schaurige Zeiten für Filmfans und Kinos - aber im positiven Sinne: Viele Horrorfilme laufen dieses Jahr an und einige stehen beim Publikum hoch im Kurs. Allen voran wohl der Überraschungserfolg „Obsession“ von Curry Barker. Der Psychothriller spielte bei einem Budget von nur rund 750.000 US-Dollar mehr als 490 Millionen US-Dollar weltweit ein. Daneben starteten Horrorfilme wie „Backrooms“, „Exit 8“ oder „Ice Cream Man“. Neuerdings laufen die Slasher-Komödie „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ und ein neuer Teil der Horrorreihe „Insidious“ in den Kinos.Kinokette: Horror ist aktuell das verlässlichste GenreAus Sicht der Berliner Yorck-Gruppe ist Horror gerade das verlässlichste Genre im Kino. Das habe einen strukturellen Grund, erklärt Marvin Wiechert, der bei dem Kinounternehmen für den Bereich Strategie verantwortlich ist.„Es ist ein soziales Genre. Der Schreck funktioniert im vollen Saal anders als auf dem Sofa, und das lässt sich zu Hause nicht herstellen“, sagt er. Gerade in Zeiten, in denen die Weltlage immer düsterer werde, könne dieses Gemeinschaftserlebnis „unglaublich kathartisch“ wirken. Das Gemeinschaftsgefühl könnte auch zu den Gründen gehören, weshalb das Genre vor allem junge Leute vor die Leinwand zieht. Gerade bei diesem Publikum seien Horrorfilme momentan besonders hoch im Kurs, sagt die Vorstandsvorsitzende des Verbands HDF Kino, Christine Berg. Junge Zuschauerinnen und Zuschauer interessierten sich für neue Originalstoffe, die optisch oder inhaltlich einen anderen Twist hätten - wie zum Beispiel bei „Obsession“, eine Geschichte über toxische Liebe und den Autonomieverlust der besessenen Frau.Wann Horror am besten funktioniertGenerell, sagt Wiechert, funktioniere Horror am besten, wenn er die Ängste und Normen seiner Zeit verhandle. Ein kleiner Blick zurück: Filme aus dem Slasher-Genre der späten 70er und 80er Jahre etwa seien „Reagan-Ära-Kino zwischen Sex-, Drogen- und Aids-Panik“ gewesen. In den 90ern folgten Teenie-Slasher, darunter der Kultfilm „Scream“, die der Experte als Ausdruck einer „ironischen Selbstbespiegelung am vermeintlichen "Ende der Geschichte"“ sieht. In dem Horrorgenre Slasher verfolgt meist ein Killer eine Gruppe junger Menschen und tötet sie nach und nach. Die 2000er hätten etwa mit dem Folter-Horror „Saw“ den sogenannten Torture Porn (deutsch: Folter-Porno) mitgebracht, aber auch eine Found-Footage-Welle. Damit sind Filme gemeint, die wie angeblich von den Figuren selbst gedrehte Videoaufnahmen inszeniert sind und dadurch authentisch wirken sollen - wie bei dem pseudo-dokumentarischen Horrorfilm „Blair Witch Project“.Rund um den US-Megahit „Get Out“ (2017) - eine sozialkritische Horrorkomödie gegen Rassismus - sei schließlich das Subgenre Elevated Horror (deutsch: Gehobener Horror) populärer geworden. In diesen arthouse-orientierten Filmen werden häufig gesellschaftliche Themen verhandelt - in den 2010er Jahren parallel zu den Bewegungen MeToo und Black Lives Matter.Erfolge 2025: „Blood & Sinners“, „Weapons“ oder „Conjuring“Das zeigt, wie sehr sich Horror über die Jahrzehnte hinweg verändert oder erweitert hat. Es gibt eine riesige Bandbreite. Auch 2025 liefen etwa mit dem gesellschaftskritischen Vampir-Südstaatendrama „Blood & Sinners“ und „Weapons“ über verschwundene Schulkinder viel beachtete Filme aus dem Genre. Michael B. Jordan wurde für „Blood & Sinners“ als Hauptdarsteller mit einem Oscar ausgezeichnet, ebenso wie Amy Madigan als beste Nebendarstellerin in „Weapons“. Amy Madigan wurde für „Weapons“ als beste Nebendarstellerin ausgezeichnet. (Archivbild) Jordan Strauss/Invision/AP/dpaAuch Christine Berg betont, Horrorfilme seien ein wichtiger Programmbestandteil für Kinos und seit vielen Jahren beliebt. 2025 habe „Conjuring 4: Das letzte Kapitel“ mit knapp 1,5 Millionen verkauften Tickets zu den Top 10 Filmen des Jahres hierzulande gehört. Im kommenden Prequel der Reihe soll Matthias Schweighöfer eine Rolle übernehmen.Eine große Fanbase dank des InternetsUnd was ist nun so besonders bei den aktuellen Filmen? Da ist zum Beispiel das Internet. Genau wie „Obsession“-Macher Barker kann auch „Backrooms“-Regisseur Kane Parsons auf eine Fangemeinde zurückgreifen, die es schon vor dem Kinostart gab. Denn beide sind vorher durch die Plattform YouTube bekanntgeworden. Ähnliches gilt auch für das Indie-Videospiel „Exit 8“, das schon vor seiner Verfilmung viele Fans hatte.Wiechert erklärt: Horror sei derzeit das Genre, in dem eine mit dem Internet aufgewachsene Generation zum ersten Mal Kinofilme machen dürfe, und zwar sofort für ein großes Publikum. Landen sie also schneller im Mainstream? „Ja, aber der Mechanismus ist ein anderer als früher, der für den schnellen Erfolg sorgt. Diese supererfolgreichen Filme werden nicht in den Mainstream hinein beworben, sie bringen bereits viel Publikum mit.“Was in diesem Jahr noch kommtMit Filmen wie Jane Schoenbruns „Teenage Sex and Death at Camp Miasma“ kehren dem Experten zufolge als Gegentrend zum Elevated Horror wieder mehr Direktheit, Blut und Humor auf die Kinoleinwand zurück. Die queere Slasher-Satire ist eine überraschend witzige Geschichte über Begehren und Scham und erzählt von einer jungen Regisseurin, die ihre eigene Lust verstehen will.YouTubeDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.Auch beobachtet Wiechert, dass das Publikum recht divers ist. „Das Geschlechterverhältnis ist ausgeglichen bis leicht überdurchschnittlich weiblich“. Hinzu komme ein sehr starkes queeres Publikum und einige Regiearbeiten von Frauen: zum Beispiel der aufregende Body-Horror „The Substance“ von Coralie Fargeat mit Demi Moore aus 2024.Das „Horrorjahr“ ist jedenfalls noch nicht vorbei: Im September starten „Resident Evil“ und „Onslaught“ in den Kinos, Anfang Oktober folgt der Psychothriller „Verity - Dunkle Geheimnisse“ mit Anne Hathaway und kurz vor Halloween erscheint dann „Clayface“. Also einiges zum Gruseln.© dpa-infocom, dpa:260821-930-560941/1