Berlin sei arm, aber sexy, sagte im Jahr 2003 der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit. Dieser Satz wurde zum geflügelten Wort. Er hatte seine Berechtigung: Dass Berlin arm war, ließ sich leicht belegen. Die Wirtschaftsleistung pro Einwohner lag, ungewöhnlich für eine Hauptstadt, weit unter dem nationalen Durchschnitt. Und dass Berlin sexy war, zeigten die Umfrageergebnisse des Instituts für Demoskopie Allensbach. Im Jahr 2007 wurde in einer Allensbacher Bevölkerungsumfrage die Frage gestellt: „Wie sehen Sie das: Ist Berlin eine faszinierende Metropole, von der auch wirklich Glanz ausgeht, oder glauben Sie das nicht, ist Berlin keine Hauptstadt mit Ausstrahlung?“ Zwei Drittel der Befragten, 66 Prozent, antworteten, ihrer Ansicht nach sei Berlin eine faszinierende Metropole.Zwei Jahrzehnte später hat sich die Situation verändert. Berlin ist nicht mehr arm. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf hat mittlerweile ungefähr das Niveau von Baden-Württemberg erreicht und liegt damit deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Doch gleichzeitig ist ein erheblicher Teil der Faszination abhandengekommen, die Berlin zu Beginn des Jahrhunderts ausstrahlte. Dies zeigen die Ergebnisse der jüngsten Allensbacher Bevölkerungsumfrage im Auftrag der F.A.Z.So hat sich der Anteil derjenigen, die sagen, Berlin sei eine faszinierende Metropole, von der Glanz ausgehe, seit 2007 mehr als halbiert. Nur noch 31 Prozent vertreten in der aktuellen Umfrage diese Ansicht. Etwas mehr, 36 Prozent, meinen ausdrücklich, dass Berlin keine Hauptstadt mit besonderer Ausstrahlung sei.Was Berlin und Frankfurt gemeinsam habenAndere Städte in Deutschland haben heute eine deutlich größere Anziehungskraft. Auf die Frage, welche Städte einen besonderen Reiz hätten, nannten 48 Prozent der Befragten Hamburg; praktisch gleichauf ist München mit 47 Prozent. Berlin kommt mit deutlichem Abstand mit 34 Prozent an dritter Stelle, nur knapp vor Dresden, für das sich 30 Prozent entschieden. Fragt man, in welcher Stadt man am liebsten leben möchte, ergibt sich fast das gleiche Bild. Hier liegt München mit 24 Prozent einen Wimpernschlag vor Hamburg (23 Prozent). Berlin wird von 13 Prozent genannt, kaum mehr als Leipzig und Dresden, die jeweils zehn Prozent als erstrebenswerten Wohnort empfanden.Dagegen steht Berlin bei der Frage, in welcher Stadt man auf keinen Fall wohnen möchte mit 46 Prozent an der Spitze. Mit einem minimalen Abstand hinter dem Komma folgt Frankfurt am Main. Bei allen anderen zur Auswahl gestellten Städten lag der Anteil derer, die sich überhaupt nicht vorstellen konnten, dort zu leben, deutlich niedriger. Bei Hamburg betrug er nur 13, bei München 18 Prozent.Die Meinungen der Bürger über ihre Hauptstadt beruhen dabei überwiegend nicht auf Vorurteilen. 84 Prozent der Befragten gaben in der Umfrage an, schon in Berlin gewesen zu sein (oder dort zu leben). Bei 61 Prozent lag der letzte Besuch in der Stadt höchstens fünf Jahre zurück. Umso bemerkenswerter ist, wie sehr sich der Gesamteindruck der Bevölkerung von Berlin verändert hat. Im Jahr 1994 wurden die Befragten in einer Repräsentativumfrage gebeten anzugeben, wie gut ihnen Berlin gefällt. Dazu wurde eine Skala von +5 bis -5 vorgelegt. Damals wählten 58 Prozent die Skalenpunkte +1 bis +5 und gaben damit zu Protokoll, dass ihnen Berlin überwiegend gut gefalle. In der aktuellen Umfrage waren es mit 52 Prozent etwas weniger. Auffälliger ist die Entwicklung auf der Gegenseite: Der Anteil derjenigen, die einen Skalenwert von -1 bis -5 auswählten, ist von neun auf 26 Prozent gestiegen.Die Berliner sehen ihre Stadt negativer als die übrigen DeutschenDabei sehen viele durchaus die Vorzüge der Stadt. Auf die Frage, was die Stärken von Berlin seien, antworteten 60 Prozent mit dem Hinweis auf die Vielfalt von Geschäften und Restaurants. 59 Prozent nannten das reiche Kulturleben, 51 Prozent die Geschichte, die man in Berlin überall erleben könne. Zwischen 40 und 50 Prozent sagten, zu den Vorzügen von Berlin gehörten die vielen Seen am Stadtrand und in der Umgebung, die vielen Kulturdenkmäler und die Tatsache, dass es sich um eine pulsierende Metropole handelt. Andere Argumente zugunsten der Stadt, etwa die oft angenommene Weltoffenheit ihrer Bewohner, die enorme Entwicklung seit der Wiedervereinigung oder die Architektur fand maximal ein Drittel der Befragten überzeugend. Die „Berliner Schnauze“ betrachteten nur 29 Prozent als einen Vorzug der Stadt.Wesentlich deutlicher sind jedoch die Reaktionen der Befragten auf die Frage, was die größten Probleme von Berlin seien. 69 Prozent der Befragten nannten die Kriminalität, 64 Prozent das Drogenproblem im öffentlichen Raum. 59 Prozent meinten, manche Stadtviertel seien heruntergekommen, 55 Prozent stießen sich an den vielen Graffiti und Schmierereien an Hauswänden und im öffentlichen Nahverkehr. Ebenfalls absolute Mehrheiten beklagten Armut und Obdachlosigkeit, den größer werdenden Einfluss des Islam in der Stadt und den Müll auf den Straßen.Auch hier gilt, dass es sich überwiegend nicht um Vorurteile handelt, denn die Antworten der Bewohner des Großraums Berlin fallen drastischer aus als die der Bevölkerung insgesamt. In Berlin und Umgebung klagten mehr als 80 Prozent über die Kriminalität, rund drei Viertel über Drogenprobleme und den Müll in den Straßen sowie darüber heruntergekommene Teile der Stadt. Die Langsamkeit der Behörden hingegen nannten in der deutschen Bevölkerung insgesamt nur 27 Prozent als großes Problem der Stadt – die meisten dürften hier über keine eigenen Berliner Erfahrungen verfügen. Befragte in Berlin und Umgebung dagegen wählten diesen Punkt zu 53 Prozent aus.Eine Mehrheit will nicht für Berlin zahlenDieses Antwortmuster ist in der Umfrageforschung ungewöhnlich. In den meisten Fällen ist das „Nahbild“ derjenigen, die aus eigener Anschauung urteilen, positiver als das „Fernbild“ derer, die ihre Meinung überwiegend auf Medienberichterstattung gründen. Dass es hier umgekehrt ist, zeigt das Ausmaß des Unmutes der Berliner über die Zustände in ihrer Stadt. Viele negative Klischees über Berlin werden offenbar durch die eigene Erfahrung der Berliner bestätigt und oft noch übertroffen. Allerdings ist dieses Muster nicht ganz neu. Schon bei Theodor Fontane findet sich das Zitat: „Je berlinischer man ist, je mehr schimpft man und spöttelt man auf Berlin. Dass dem so ist, liegt nun aber nicht bloß an dem Schimpfer und Spötter, es liegt leider wirklich auch an dem Gegenstande, also an unsrem guten Berlin selbst.“Die Umfrageergebnisse deuten darauf hin, dass sich das Land Berlin in einer strategisch schwierigen Lage befindet: Aus Sicht der Bevölkerung gibt es in der Stadt massive Probleme mit der inneren Sicherheit und der Verwahrlosung des öffentlichen Raums. Gleichzeitig ist die Strahlkraft der Stadt deutlich gesunken. Da ist es folgerichtig, dass sich die Bevölkerung außerhalb des Großraums Berlin nur wenig für die Hauptstadt interessiert. Auf die Frage „Wie sehr interessieren Sie sich für die Stadt Berlin, was da so geschieht?“ antworteten nur 19 Prozent der Befragten, sie interessierten sich dafür sehr stark oder stark. Im geographisch nahegelegenen Ostdeutschland waren es mit 22 Prozent nicht wesentlich mehr.Und die Abgeordnetenhauswahl in Berlin im September wird die Bevölkerung außerhalb der Stadt nur mit mäßigem Interesse verfolgen. 28 Prozent der Befragten sagten in der Umfrage, die Abgeordnetenhauswahlen interessierten sie sehr stark oder stark. 70 Prozent meinten dagegen, diese Wahl interessiere sie weniger stark, kaum oder gar nicht. Auch hier gibt es zwischen Ost- und Westdeutschland keine nennenswerten Unterschiede.Für eine Stadt aber, mit der die Bürger sich nur wenig identifizieren, für die sie sich nur mäßig interessieren und von der sie keine allzu gute Meinung haben, sind sie auch nicht bereit, sich zu engagieren. Eine Frage in der aktuellen Umfrage lautete: „Berlin erhält viel Geld von den anderen Bundesländern. Finden Sie das in Ordnung, weil Berlin als Hauptstadt eine besondere Stellung und besondere Kosten hat, oder finden Sie das nicht in Ordnung, weil Berlin als größte Stadt des Landes sich selbst finanzieren können sollte?“ Die Antworten auf diese Frage sind deutlich: Nur 20 Prozent der Bevölkerung sind der Ansicht, es sei gerechtfertigt, dass andere Bundesländer viel Geld für Berlin aufbringen. 51 Prozent sagten, sie fänden das nicht in Ordnung.Und es vertreten nicht nur die Bayern diese Meinung, deren Landesregierung regelmäßig neue Diskussionen über den Länderfinanzausgleich anstößt. Diese sagen zu 53 Prozent und damit kaum überdurchschnittlich häufig, dass Berlin sich selbst finanzieren können sollte. In Südwestdeutschland waren es mit 67 Prozent deutlich mehr. Auch in Thüringen und Sachsen lag der Wert mit 55 Prozent über dem in Bayern, wenn auch nur geringfügig.Und doch ist der Zauber Berlins noch nicht ganz verflogen, wie das Ergebnis einer Frage zeigt, mit der nostalgische Gefühle gegenüber der Stadt angesprochen wurden. Sie lautet: „Es gibt ein altes Lied über Berlin. Es enthält die Zeilen ‚Das ist die Berliner Luft mit dem ganz besondren Duft‘. Damit ist gemeint, dass Berlin ein ganz besonderes Lebensgefühl, eine ganz besondere Atmosphäre hat, die unverwechselbar ist. Finden Sie, das stimmt, hat Berlin ein besonderes Lebensgefühl, eine ganz besondere Atmosphäre, oder finden Sie das nicht?“ 35 Prozent der Befragten antworten auf die Frage, es stimme, Berlin habe eine besondere Atmosphäre.Das mag auf den ersten Blick nicht besonders beeindruckend erscheinen, aber im Jahr 2001 hatte das Institut für Demoskopie Allensbach schon einmal in einer Repräsentativumfrage nach der „Berliner Luft“ gefragt, wenn auch mit einer etwas anderen Formulierung. Damals sagten nur 25 Prozent, die Stadt habe tatsächlich eine besonders belebende Atmosphäre. Hier ist also ein Zuwachs von zehn Prozentpunkten zu verzeichnen. Immerhin etwas.