KommentarDie Schweiz reicht einen fragwürdigen Gaza-Dokumentarfilm für die Oscars einDas Bundesamt für Kultur nominiert mit «Qui vit encore» einen Film über das Leid der Palästinenser, in dem die Hamas keine Rolle spielt.21.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenBewegende Schicksale, aber keine politischen Hintergründe zeigt «Qui vit encore».First Hand FilmsErst ungewollt, dann nominiert: Die Schweiz schickt «Qui vit encore» von Nicolas Wadimoff ins Rennen um den Oscar. Der Entscheid wurde letzte Woche traditionell im Rahmen des Locarno Film Festival vom Bundesamt für Kultur (BAK) bekanntgegeben. Der Dokumentarfilm hatte bereits im Januar an den Solothurner Filmtagen den Hauptpreis gewonnen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Wahl der vom BAK eingesetzten Jury für «Qui vit encore» wirkt ein Stück weit wie eine nachgereichte Entschuldigung: Schliesslich erhielten die Beteiligten keine Visa für einen Dreh in der Schweiz, man musste nach Südafrika ausweichen. Jetzt vertritt die Produktion das Land, das sie einst ablehnte, beim populärsten Filmpreis der Welt.Zwei andere Kandidaten standen ebenfalls zur Auswahl für eine Nomination in der Kategorie «Bester internationaler Film»: das historische Drama «À bras-le-corps» von Marie-Elsa Sgualdo und die vom magischen Realismus inspirierte Schwarz-Weiss-Meditation «Cosmos» von Germinal Roau. Auffällig ist dieses Jahr der Röstigraben; bei allen drei Produktionen stammt die Regie aus der Westschweiz. Doch nicht die regionale Auswahl macht den Entscheid fragwürdig.Keine Mörder in den eigenen ReihenIn «Qui vit encore» treffen sich neun palästinensische Frauen und Männer in einem Raum und erzählen von ihren Kriegserfahrungen. Mit weisser Kreide zeichnen die Geflohenen auf den Boden, wie Gaza für sie einmal aussah. Umrisse von Häusern und Gassen lassen Geschichten einer verlorenen Heimat entstehen, Herz und Hoffnung werden gemeinsam hoch emotionalisierend unter Tränen beschworen.Das Kino als Schule der Empathie zu nutzen, ist nicht grundsätzlich falsch. Umso weniger in Zeiten totaler Frontenbildung, wenn alle sich im eigenen Meinungsfort verschanzen. Natürlich sind Entsetzen und Wut der Menschen über die Verheerung völlig verständlich. Doch bleibt in ihrer Geschichte eine irritierende Leerstelle.Die Jury begründet ihren Entscheid damit, dass der Film einen «seltenen Raum» biete, «in dem persönliche Erinnerungen Vorrang vor politischen Narrativen haben». Mit solch einer vermeintlich unpolitischen Agenda stehlen sich allerdings sowohl der Film als auch die Jury aus der Verantwortung.Denn «Qui vit encore» vermittelt ein eindeutiges Bild, wer die Alleinschuld an der Zerstörung trägt: Der palästinensische Zorn richtet sich, wieder einmal, nicht gegen die Mörder aus den eigenen Reihen, sondern ausschliesslich gegen Israel. Der Gazastreifen vor dem 7. Oktober wird als fröhliches Paradies dargestellt, die Toten des Krieges werden allesamt «Märtyrer» genannt, die Hamas wird nicht erwähnt.Diese Auslassung ist symptomatisch für die gegenwärtigen Debatten: Die Terroristen, die die Eskalation ausgelöst haben, bleiben Phantom. Die Pro-Palästina-Demo, die sich gegen die Hamas richtet und nicht gegen Israel, muss noch erfunden werden.Kollektivpsychose in der KulturszeneUnterhält man sich an einem Festival wie Locarno mit Menschen aus der Filmbranche über den Komplex Israel/Gaza, fallen immer, ja wirklich immer, die gleichen starren Kampfbegriffe: Zionisten, Apartheid, Genozid. «Free Palestine!» hat sich längst als Grussformel unter Gleichgesinnten etabliert.Die einseitige Dämonisierung Israels ist zur Kollektivpsychose in der Kulturszene geworden. Die permanente Betonung des realen palästinensischen Leides reicht vielen aus, um sich nicht der Wahrheit stellen zu müssen: Die Ursache für die Misere der Palästinenser liegt vor allem bei der Hamas und ihrer klerikalfaschistischen Ideologie – die kein anderes Ziel hat als Auslöschung. Mit der vom «Qui vit encore»-Regisseur beschworenen Menschlichkeit hat die Terrorbande als Letzte etwas zu tun.An den Oscars sind emotionale Überwältigung und Symbolpolitik gerne gesehen. Doch wer den Konflikt wirklich verstehen will, kann sich nicht immer hinter Floskeln und den Tränen der vermeintlichen Unschuld verstecken. In einer Zeit, in der Antisemitismus weltweit auf dem Vormarsch ist, setzt das BAK mit seiner Oscar-Nomination ein falsches Signal: Der Film baut auf moralische Eindeutigkeit, wo es gerade darum ginge, die blinden Flecken und Widersprüche der Debatte sichtbar zu machen.Passend zum Artikel