Ist Ihr Filmtitel „A Sad and Beautiful World“ nicht nur ein Filmzitat, sondern auch Ihr persönliches Resümee über Ihre Heimat Libanon?Beides. Cineasten erkennen Roberto Benignis Eröffnungszeile aus Jim Jarmuschs „Down by Law“: „It’s a sad and beautiful world“. Zugleich fasst der Satz das Paradox Libanon zusammen: ein wunderschönes Land, an dem wir alle hängen und für das wir kämpfen, dessen Geschichte aber voller Krisen und Tragödien ist. Das prägt die Mentalität der Menschen und erklärt ihren enormen Lebenshunger, weil über Nacht alles vorbei sein kann.Cyril ArisImago„A Sad and Beautiful World“ ist Ihr erster fiktionaler Langfilm. Warum wurde dieses komplizierte Land Ihr Sujet und Ihr kreativer Nährboden?Weil mich das Land inspiriert. Ich habe den größten Teil meines Lebens dort verbracht, über seine Kultur kann ich am glaubwürdigsten sprechen. Mich fasziniert das Nebeneinander von Lebensfreude auf der einen, Gewalt und Traurigkeit auf der anderen Seite. Als Libanesen befinden wir uns irgendwo im Spektrum der beiden Hauptfiguren, zwischen der beinahe wahnwitzigen Hoffnung des Optimisten Nino auf die Zukunft und dem pragmatischen Realismus von Yasmina. Unsere Generation erlebt wieder dasselbe, was schon Eltern und Großeltern erlebt haben. Trotzdem möchte man jetzt glauben, dass es endlich anders kommt.Sie haben bereits 2019 begonnen, die Geschichte zu schreiben.Ja. Am Anfang stand der Wunsch, eine große, schicksalhafte Liebesgeschichte zu erzählen und zu fragen, ob man heute Kinder in diese Welt setzen kann – besonders im libanesischen Kontext. Zieht man sie im Land auf oder außerhalb? Das war noch vor der Krise, dem Bankenzusammenbruch und der Hafenexplosion. Als ab 2020 all diese Ereignisse einsetzten, fanden sie ihren Weg ins Drehbuch. Die Fragen nach Bleiben oder Gehen, nach Kindern und Familie wurden dringlicher, je mehr das Land auseinanderfiel. Das Paar im Mittelpunkt spiegelt immer genau das, was außen um es herum geschieht.In Libanon sind das Persönliche und das Politische also aufs Engste miteinander verflochten?Ja, und genau das wollte ich darstellen. In manchen Ländern hat man wohl das Privileg zu sagen: Ich möchte mich nicht für Politik interessieren. Für uns ist das unmöglich, weil alles in den Alltag eindringt: Währungsabwertung, Bankenzusammenbruch, verlorene Ersparnisse, Kampfjets, Drohnen, Bombardierungen. Bei der Hafenexplosion am 4. August 2020 drang die Druckwelle in Wohnungen ein, im bildlichen und übertragenen Sinn. Die Hauptdarstellerin des Films, Mounia Akl, erlebte die Explosion damals aus der Nähe und wurde schwer verletzt.Darüber drehten Sie Ihre Dokumentation „Dancing on the Edge of a Volcano“. Mounia Akl ist eigentlich Regisseurin, inszeniert eigene Filme und realisiert Aufträge für Netflix ...Wir sind eng befreundet, ich bezeichne sie als Seelenverwandte in Sachen Kreativität. Als wir uns trafen, war Mounia Architektin, ich Unternehmensberater – dabei wollten wir beide nur Filme machen. Wir bestärkten einander, unsere Jobs aufzugeben und den künstlerischen Weg zu verfolgen, bekamen beide ein Stipendium an der Columbia University, machten dort den Master und arbeiten bis heute eng zusammen. Sie liest meine Skripts als Erste, und ihrem Urteil vertraue ich, umgekehrt habe ich Projekte von ihr produziert und geschnitten. Sie ist außerdem die Patentante meines Sohnes.Warum war es Ihnen so wichtig, dass sie Ihre Yasmina spielt?Beim Schreiben hatte ich Mounia von der ersten Seite an vor Augen. Die Figur Yasmina ist stark von Mounias Blick auf die Welt und von Erlebnissen geprägt: Während ihrer Geburt fielen draußen Bomben, ihre Mutter musste auf dem Flur der Klinik entbinden. Schon diese Verbindung von Geburt und Tod, Glück und Gewalt fasst für mich Libanon zusammen. Als ich Mounia die Rolle anbot, versprach ich ihr, auch Schauspielerinnen zu casten. Aber ich blieb dabei, dass sie die Beste war. Sie versteht die Figur, weil vieles auf ihrem Schmerz, ihren Fragen und Kämpfen beruht.Hat sich die Situation seit 2019 ausschließlich verschlechtert? Oder haben Sie das dunkelste Kapitel bereits erlebt?Ich möchte gerne glauben, dass das Schlimmste hinter uns liegt. Aber das haben wir so oft geglaubt. Nach der Hafenexplosion sagten wir: Tiefer geht es nicht. Dann verschärfte sich die Wirtschaftskrise, später kam der Krieg mit Israel. Nach neuem Optimismus weitete sich der Krieg erneut aus – diesmal zu einem großen regionalen Konflikt, in den auch Iran direkt verwickelt war. Plötzlich bombardierte jeder jeden, der ganze Nahe Osten stand in Flammen. An jedem Tiefpunkt merken wir: Es kann noch tiefer gehen. Im Süden werden Dörfer ausgelöscht, Menschen massenhaft vertrieben. In Beirut hingegen beobachtet man, oberflächlich gesehen, ein normales Leben. Die Menschen gieren nach jedem Atemzug Normalität.Außerhalb von Krisengebieten kann man es sich kaum vorstellen, dass es dort einen Alltag voller Banalitäten gibt, der das große Ganze in den Hintergrund treten lässt. Ist das eine Art Abwehrmechanismus?
Regisseur von „A Sad and Beautiful World“ über das Filmemachen im Krieg
Der libanesische Regisseur Cyril Aris hat einen der schönsten Filme des Jahres gedreht: „A Sad and Beautiful World“. Ein Gespräch über das Filmemachen im Krieg und die Frage, ob diese Welt unseren Kindern zuzumuten ist.






