NGO-Rettungsschiffe: Dauerbrenner im Migrationsstreit zwischen Rom und BerlinSeit Jahren befinden sich Italien und Deutschland im Clinch um die Schiffe der zivilen Seenotretter im Mittelmeer. Im Powerplay um die Rückführung von Migranten präsentiert Rom den Deutschen nun eine Rechnung. Sie ist gesalzen – aber stimmt sie auch?20.08.2026, 14.03 Uhr5 LeseminutenWieder Boden unter den Füssen: Ein Bootsmigrant wird im sizilianischen Syrakus von Helfern in Empfang genommen.Antonio Sempere / ImagoWer erinnert sich noch an Carola Rackete? Die Frau mit dem sperrigen «ck» im Namen? Im Sommer 2019 legte sich die deutsche Aktivisten und Kapitänin des Rettungsschiffes Sea-Watch 3 mit dem damaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini an.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Salvini verweigerte der Kapitänin über zwei Wochen lang das Anlaufen der Insel Lampedusa im südlichen Mittelmeer. An Bord der Sea-Watch befanden sich 53 Migranten, die die Sea-Watch zuvor aus Seenot gerettet hatte. Schliesslich legte Rackete trotz eines ausdrücklichen Verbots in Lampedusa an - und wurde unmittelbar nach dem Manöver verhaftet. Der Fall führte zu einer schweren Zerreissprobe zwischen Deutschland und Italien.Einige Sommer später scheint sich die Geschichte zu wiederholen, wenngleich mit etwas weniger flamboyanten Hauptdarstellern auf beiden Seiten, die zudem bemüht sind, den Zwist vorerst nicht eskalieren zu lassen.Innenminister in Rom ist mittlerweile Matteo Piantedosi, der frühere Kabinettschef von Salvini. Im Unterschied zu diesem ist Piantedosi ein kühler Kopf, der nicht die laute Konfrontation sucht. Und auf deutscher Seite ist eine Regierung am Werk, die grundsätzlich die Haltung Italiens in der Migrationspolitik teilt.Italien stellt BedingungenTrotzdem wird die Debatte um die Rettungsschiffe von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) erneut öffentlich ausgetragen. Diese verkehren nach wie vor im südlichen Mittelmeer und holen in Seenot geratene Migranten aus dem Wasser.Seit dem Amtsantritt der Regierung Meloni im Herbst 2022 sollen gut 22 000 Migranten von deutschen NGO-Schiffen an Land gebracht worden sein, berichten deutsche Medien dieser Tage unter Berufung auf interne Berechnungen des Römer Innenministeriums. Dazu kommen laut den Medienberichten weitere 4500 Bootsmigranten, die auf Schiffen aus anderen europäischen Staaten, aber unter deutscher Flagge, die italienischen Häfen erreicht haben.Die Zahlen lassen sich nicht zuverlässig überprüfen, scheinen aber nach Ansicht von Experten plausibel zu sein. Dass sie gerade jetzt publik werden und möglicherweise gezielt an deutsche Medien durchgestochen wurden, dürfte einen Grund haben. Italien will den politischen Druck auf Deutschland erhöhen.Konkret geht es um die Frage der Rücknahme von sogenannten Sekundär-Migranten durch Italien. Hintergrund ist das sogenannte Dublin-Rückübernahmeabkommen. Dieses besagt, dass derjenige Staat für ein Asylverfahren zuständig ist, in dem ein Schutzsuchender zuerst europäisches Territorium betreten hat. Im Klartext: Geht ein Migrant in Italien an Land und reist nach Deutschland weiter, darf Deutschland ihn wieder nach Italien zurückführen.Nachdem Italien sich seit 2022 geweigert hat, solche Migranten zurückzunehmen, hat die Regierung von Bundeskanzler Merz jüngst den Druck erhöht, damit Italien dieser Verpflichtung nun auch wirklich nachkommt. Auch die Schweiz und Österreich wollen schon bald die ersten Dublin-Migranten nach Italien zurückführen.Rom ist grundsätzlich bereit dazu, aber nur unter Bedingungen. Erstens sollen Rückübernahmen erst mit Wirkung ab dem 12. Juni 2026 erfolgen, dem Tag des Inkrafttretens des europäischen Asyl- und Migrationspaktes. Dieser gilt auch in Italien als wichtige Voraussetzung für eine Verschärfung der Zuwanderungspolitik. Dublin-Fälle, die in der Zeit vor dem 12. Juni aufgelaufen sind, erachtet Italien als gegenstandslos. Deutschland hingegen möchte sämtliche Fälle seit Januar 2026 berücksichtigen.Zweitens verlangt Rom von Deutschland eine Kompensation. Und hier kommen die erwähnten Zahlen ins Spiel. Denn Rückführungen sind nach der Lesart der Regierung Meloni nur dann denkbar, wenn Berlin finanziell für die von deutschen Schiffen nach Italien geführten Migranten aufkommt.Je höher deren Zahl veranschlagt wird, desto grösser ist die politische Hebelwirkung. Indem man eine Gesamtsumme über mehrere Jahre präsentiert, wird in der Öffentlichkeit der Eindruck erweckt, deutsche NGO seien aktuell für eine massive Invasion verantwortlich.Zivile Seenotrettungen als Stein des Anstosses: Ein Mitarbeiter eines Hilfswerks begrüsst einen Migranten an Bord eines Rettungsschiffs.Emergency NGO via EPA«Mittelmeertaxis»: Mythos und RealitätBetrachtet man hingegen nur das Jahr 2026, über das zwischen Deutschland und Italien derzeit effektiv verhandelt wird, ist die Zahl weitaus tiefer. Auf ziemlich genau 2000 Migranten veranschlagt sie Matteo Villa. Er ist Leiter des Policy Lab am Mailänder Think Tank ISPI und analysiert und sammelt seit Jahren die Zahlen zur Mittelmeermigration und zur Rolle der NGO-Schiffe.Die Gesamtzahl der im laufenden Jahr bisher in Italien angekommenen Bootsmigranten beläuft sich auf rund 17 300. Gemessen daran ist der Anteil der von deutschen NGO-Schiffen aufgegriffenen Menschen zwar nicht unbedeutend, aber auch nicht riesig, wie die erwähnten Meldungen suggerierten.Dieses Zahlenverhältnis hat sich im Übrigen über die Jahre nicht gross verändert. Seit dem Amtsantritt Melonis im Herbst 2022 sind etwa 330 000 Bootsmigranten in Italien angekommen, gut 40 000 wurden seither laut Villa von NGO an Land gebracht. Der Hauptanteil der Seenotrettungen geht auf das Konto der Küstenwache und anderer Rettungs- und Ordnungskräfte des italienischen Staates.Trotzdem erweckt die politische Diskussion in Italien mitunter den Eindruck, als seien die NGO die eigentlichen Treiber der Migration über das zentrale Mittelmeer. Luigi Di Maio, der frühere Aussenminister der Fünf-Sterne-Bewegung, bezeichnete deren Schiffe schon 2017 als «Mittelmeertaxis».Seither ist die innenpolitische Diskussion diesbezüglich nie erlahmt. Vor allem Matteo Salvini von der Lega, mittlerweile Vize-Regierungschef im Kabinett von Giorgia Meloni, führt einen unermüdlichen Kleinkrieg gegen die NGO.Die Ministerpräsidentin lässt ihn gewähren und trägt weitere Massnahmen mit, die die Arbeit der NGO erschweren. Gleichzeitig setzt sie die Akzente in der Migrationspolitik etwas anders. Ihre mit den südlichen Mittelmeeranrainern ausgehandelten Abkommen haben zu einer deutlichen Reduktion der Zahl von Bootsmigranten geführt. Die Zahlen für das laufende Jahr zeigen einen Rückgang um über 54 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.Umstrittene Frontex-BilderHier wiederum hakt Matteo Villa vom ISPI ein. Er hat festgestellt, dass derzeit besonders viele NGO-Schiffe in der Such- und Rettungszone vor der libyschen Küste unterwegs sind. «Die Zahl der NGO-Schiffe dort ist so hoch wie seit Jahren nicht mehr, doch die Zahl der Abfahrten aus Libyen hat sich halbiert», meint Villa. «Und trotzdem gibt es immer noch Leute, die glauben, dass die Rettung von Migranten auf See dazu führt, dass noch mehr von ihnen aufbrechen.» Es sei falsch, die Schiffe der Nichtregierungsorganisationen als Pull-Faktor zu bezeichnen.Gerade kürzlich sind indessen Aufnahmen der europäischen Grenzschutzbehörde Frontex an die Öffentlichkeit gelangt, welche belegen sollen, dass NGO eben doch mit Schleppern kooperieren, welche Migranten übers Meer führen. Auf den Bildern ist zu sehen, wie Migranten von einem Schnellboot mit mutmasslichen Schleppern direkt auf ein Beiboot der «Sea-Watch 5» umsteigen, so, als wäre die Übergabe vorher vereinbart worden. @lefigaro «Le Figaro» a consulté une vidéo de Frontex, l’agence européenne chargée du contrôle des frontières, montrant des passeurs remettre des migrants à l’ONG Sea-Watch en mer Méditerranée, le 11 mai. La justice italienne a ouvert une enquête pour «aide à l’immigration illégale. ♬ son original - Le Figaro - Le Figaro Die Hilfsorganisation wies den Vorwurf der Kooperation umgehend zurück. Die Staatsanwaltschaft in Brindisi hat eine Untersuchung eingeleitet, deren Resultate noch nicht vorliegen.Derweil ertrinken immer noch fast täglich Migranten im Mittelmeer. Am letzten Freitag meldete das Hilfswerk «SOS Mediterranée»: «Unser Luftbeobachtungsflugzeug Albatross Uno hat heute Morgen in der libyschen Such- und Rettungszone elf tote Körper im Wasser treibend entdeckt sowie ein leeres Boot gesichtet.»Passend zum Artikel