Herr Panter, nächste Woche will Oliver Blume im VW-Werk in Zwickau seine Sparpläne erläutern. Was erwarten Sie vom Volkswagen-Chef?Ich erwarte, dass der VW-Vorstand am Ende einer sehr emotional geführten Diskussion eine rationale Entscheidung trifft. Ich bin sicher, dann hat der Standort Zwickau im VW-Konzern gute Karten. Denn Zwickau ist mit Abstand das produktivste Fahrzeugwerk von VW in Deutschland.Bisher sah es nicht danach aus. Sie hatten schon 2024 nach dem schwierigen Tarifkompromiss eine klare Perspektive für Zwickau gefordert. Sehen Sie heute klarer?Der Standort Sachsen liegt leider nicht im Kerngebiet von VW. Das ist nun mal Wolfsburg in Niedersachsen. Aber Zwickau und die anderen sächsischen VW-Standorte haben bewiesen, wie wichtig sie für VW sind. Bei der Elektromobilität haben sie Entwicklungshilfe für den gesamten Konzern geleistet. Das Motorenwerk in Chemnitz ist eine Perle im Konzern. Ich bin überzeugt: Eine gute Zukunft kann es für VW nur mit Zwickau-Mosel geben. In Zwickau wurde die 2024 vereinbarte Senkung der Fabrikkosten 2025 erreicht. 2026 sind wir auf einem guten Weg, die vorgegebenen Ziele zu erfüllen.Das reicht dem VW-Vorstand aber offenbar nicht.Inzwischen wurden die Ziele verschärft und wir haben eine neue Diskussionsgrundlage. Aber: Es gilt trotzdem die Vereinbarung von 2024 und sie wurde von sächsischer Seite eingehalten. Auch im Vergleich zu osteuropäischen Standorten wie Bratislava muss sich Zwickau mit Blick auf Kosten und Produktivität überhaupt nicht verstecken.Was heißt das konkret? Gilt der Vorsprung auch im Vergleich zu westdeutschen Standorten?Davon bin ich fest überzeugt. Zwickau ist 30 Prozent produktiver als das zweitbeste Fahrzeugproduktionswerk in Deutschland. Wenn man die reinen Fahrzeugkosten von Zwickau und Bratislava vergleicht, welches gern immer als Primus herangezogen wird, sind sie in der Slowakei niedriger. Rechnet man aber auf vergleichbarer Basis, also inklusive der externen Dienstleister, dann zeigt sich, dass die reine Arbeitsproduktivität in Zwickau deutlich höher ist als in Bratislava.Oliver Blume sagt, es gebe intelligentere Lösungen als eine Werksschließung. Wie könnte die nach Ihren Vorstellungen aussehen?Kosten sind nur ein Faktor, wenn der betriebswirtschaftliche Druck wächst. Hier sollte der Vorstand ehrlich sein und Äpfel mit Äpfeln vergleichen. VW will Zwickau zusätzlich – auch mit Hilfe von Expertise aus Sachsen – zu einem Hub für die Kreislaufwirtschaft aufbauen. Die EU-Altfahrzeugverordnung verpflichtet die Hersteller dazu. Wir als Freistaat haben bereits entsprechende Fördermittel bereitgestellt und die Weichen dafür gestellt,Deutsche Autobauer haben in China gut verdient, China hat sie aber immer auch gezwungen, mit Partnern im Land selbst zu produzieren.Dirk Panter sagt, das müsse auch andersherum gelten.Sie haben auch eine Zusammenarbeit mit chinesischen Joint-Venture-Partnern ins Gespräch gebracht.Es geht dabei nicht um den Verkauf von VW-Standorten an Konkurrenten, sondern um die Abwägung, ob man mit vorhandenen Partnern von VW aus China in Europa Autos produzieren kann. Man darf da natürlich nicht naiv sein, gegenseitig kannibalisieren dürfen sich die Fahrzeuge nicht. Aber es gibt durchaus Stimmen, die sagen, in China baut VW seine besten Autos, die es in Europa nicht gibt.Warum sollte ein chinesischer Autobauer seinen Kostenvorteil aufgeben und in einem teuren VW-Werk in Sachsen produzieren?Weil wir heimische Produktion in Europa und fairen Wettbewerb brauchen. Deutsche Autobauer haben in China gut verdient, China hat sie aber immer auch gezwungen, mit Partnern im Land selbst zu produzieren. Warum sollten wir chinesische Importe in Größenordnungen zulassen, statt den Herstellern vorzuschreiben, dass sie auch hier produzieren und unsere Zulieferer nutzen müssen? Das wäre nur folgerichtig.Ihr Parteifreund Olaf Lies, Ministerpräsident in Niedersachsen, wünscht sich auch, dass VW prüft, ob in China entwickelte und mit dortigen Partnern entworfene Elektroautos auch in deutschen, also niedersächsischen VW-Werken gebaut werden können. Spielen sich die Standorte jetzt gegeneinander aus?Nein, wir müssen schauen, was an welchem Standort sinnvoll ist. Wir sollten alle klugen Optionen prüfen. Vom Markteintritt der Chinesen in Europa zu profitieren, hielte ich für eine intelligente Möglichkeit. Das muss ja nicht nur in einem Werk der Fall sein.Die geltenden Importzölle auf E-Autos aus China reichen nicht aus?Ich meine, die Zölle sollten, wo nötig, angepasst werden, aber vor allem auch auf Plug-in-Hybride ausgeweitet werden. Hier gibt es eine Lücke zum Nachteil europäischer Hersteller. Es kann ja nicht sein, dass chinesische Hersteller unsere Märkte mit Dumpingpreisen fluten, weil sie in den USA nicht mehr zum Zuge kommen und ihr Heimatmarkt schrumpft. Dieses Geschäftsmodell ist nicht fair, hilft uns nicht, sondern benachteiligt uns.Eine Werkschließung haben die Menschen in Zwickau nicht verdient.Dirk PanterAuch von Porsche und BMW kommen inzwischen schlechte Nachrichten. Das alte Argument, der Standort Deutschland und auch Sachsen seien attraktiv wegen der engen Verbindung von Wissenschaft, Industrie, innovativem Unternehmertum und Fachkräften, zieht nicht mehr – es zählen nur noch die Kosten. Ist das auch ihr Eindruck?Das Argument ist schon noch gültig, aber Kosten sind für Deutschland ein drängendes Thema, wenn wir über Energie, Bürokratie oder Löhne sprechen. Wir müssen aber insgesamt flexibler und wettbewerbsfähiger werden. Den Wettbewerb allein um die niedrigsten Arbeitskosten werden wir international nicht gewinnen und den wollen wir auch nicht gewinnen.Ihr Ministerpräsident, Michael Kretschmer (CDU), sagt: Wir arbeiten zu wenig, zu teuer und zu langsam. Das sehen Sie anders?Ich würde den Schwerpunkt etwas anders setzen. Über mehr Flexibilität müssen wir überall diskutieren. Aber ich sehe, dass Unternehmen, die investieren wollen, vor allem von hohen Energie- und Bürokratiekosten abgeschreckt werden. Es gilt: Wir müssen besser sein, wenn wir teurer sein wollen.Mit Blick auf die Antriebs- und Energiewende hat ein Politikwechsel stattgefunden, die Autoindustrie hat ihre ambitionierten Strategien kassiert. Sie haben selbst vor einem Vertrauensschaden durch „wechselnde Signale“ gewarnt. Welche Verantwortung trägt die Politik für die Schwierigkeiten, die die Autobauer am Standort Deutschland haben?Ich weiß nicht, ob es einen Politikwechsel und wechselnde Signale gegeben hat. Man hält in Europa ja am Verbrenner-Aus fest, nur nicht mehr so sklavisch an einem Datum. Wir wollen weiterhin klimaneutral werden und aus der Verbrennung fossiler Energieträger aussteigen. Aber die Meilensteine müssen mit der Realität verglichen und gegebenenfalls angepasst werden. Rein in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln – das geht nicht. Aber ein sachlicher, realistischer Blick auf die Dinge, macht Sinn. Ob das Verbrenner-Aus zum Beispiel am 1. Januar 2035 kommt oder ein Jahr später, ändert am Ziel nichts.Die AfD kommt in Sachsen aktuell auf 42 Prozent, Ihre SPD kommt auf sechs Prozent – welche politischen Folgen hätte eine Schließung des VW-Werks mit 8000 Beschäftigten?Das ist eine hypothetische Frage. Umfragen sind Umfragen, in Sachsen wird in drei Jahren gewählt. Natürlich ist aber die Verunsicherung in der Region vorhanden. Ich kämpfe dafür, dass es gar nicht zu einer Werksschließung kommt. Das haben die Menschen in Zwickau nicht verdient. Im Gegenteil, sie haben seit Jahren hart dafür gearbeitet, dass das VW-Werk ein Vorreiter ist.Dieses Interview erschien zuerst im Fachbriefing Verkehr & Smart Mobility von Tagesspiegel Background.
Größtes Werk in Ostdeutschland auf der Kippe: „Eine gute Zukunft gibt es für VW nur mit Zwickau“
Am kommenden Mittwoch will VW die Beschäftigten in Zwickau über seine Sparpläne informieren. Sachsens Wirtschaftsminister Dirk Panter (SPD) erklärt im Interview, warum eine Schließung nicht infrage kommt und wie er dafür China stärker in die Pflicht nehmen will.









