Es ist ein erschreckender Fall von Naturschutzkriminalität: Mitte Juli sind auf einer Wiese im schwäbischen Thannhausen (Landkreis Günzburg) die Kadaver von zwei Rotmilanen und zwei Schwarzmilanen entdeckt worden. Die streng geschützten Greifvögel waren mit dem hochgiftigen und deshalb seit bald 20 Jahren verbotenen Insektizid Carbofuran vergiftet worden, das gleichwohl immer noch gebräuchlich ist. Der Giftköder, ein präpariertes Huhn, lag in unmittelbarer Nähe von den Kadavern der Milane, sie hatten von ihm gefressen.Der Landesbund für Vogel- und Naturschutz (LBV) spricht sogar von einem besonders schweren Fall. Denn Carbofuran ist nicht nur tödlich für die Tiere, die Ziel der Attacken sind. Sondern kann auch gefährlich sein für Menschen, die damit zufällig oder unabsichtlich in Kontakt kommen. „In diesem Fall ist es großes Glück, dass keine Menschen oder Haustiere zu Schaden gekommen sind“, sagt LBV-Mann Christoph Bauer. Denn die Wiese, auf der Kadaver und Giftköder gefunden wurden, liegt nahe einer Siedlung.SZ Bayern auf Whatsapp:Nachrichten aus der Bayern-Redaktion – jetzt auf Whatsapp abonnierenVon Aschaffenburg bis Berchtesgaden: Das Bayern-Team der SZ ist im gesamten Freistaat für Sie unterwegs. Hier entlang, wenn Sie Geschichten, News und Hintergründe direkt aufs Handy bekommen möchten.Und noch etwas ist besonders an dem Fall. Der Bayerische Jagdverband (BJV) hat sich zu Wort gemeldet und ihn in einer Pressemitteilung mit sehr deutlichen Worten kommentiert. „Wilderei, zumal mit Gift, ist eine tierquälerische und illegale Tat, die der Bayerische Jagdverband als vollkommen inakzeptabel verurteilt“, sagt BJV-Vizepräsident Eberhard von Gemmingen-Hornberg. „Greifvögel stehen nicht nur unter Naturschutz, sondern auch unter dem Schutz des Bundesjagdgesetzes. Wer sie vorsätzlich tötet, begeht Jagdwilderei und somit eine Straftat.“Damit nicht genug. „Der BJV hat großes Interesse an der Aufklärung solcher Fälle und wird sie mit allen Mitteln und in Zusammenarbeit mit anderen Naturschutzverbänden unterstützen“, sagt Gemmingen-Hornberg. Wer ein verendetes Wildtier finde, sollte dies nicht nur dem zuständigen Jäger melden, „sondern im Zweifelsfall die Polizei informieren“, sagt Gemmingen-Hornberg. „Denn es ist vorab nicht unbedingt erkennbar, ob es sich um ein Naturschutzvergehen, Wilderei oder um eine andere Todesursache handelt.“Zwar hat der BJV nie einen Zweifel daran gelassen, dass er Naturschutzkriminalität verurteilt und Jäger, denen eine Verstrickung in so einem Fall nachgewiesen würde, mit dem Ausschluss rechnen müssten. Aber der BJV hat es bisher vermieden, sich zu Einzelfällen wie dem im Raum Günzburg zu äußern. Und völlig neu ist, dass er eine Kooperation mit Naturschutzverbänden bei der Aufklärung solcher Straftaten ankündigt – auch wenn er sich 2019 mit LBV und WWF Deutschland in der sogenannten „Regensburger Erklärung“ ganz generell gegen Wilderei und Naturschutzkriminalität gewendet hat.Für Beobachter zeigt die Pressemitteilung, dass sich der BJV unter dem neuen Jägerpräsidenten Hubert Stärker wieder für Gespräche und Kooperationen mit Naturschutzverbänden, aber auch anderen Organisationen wie dem Waldbesitzerverband und dem Bauernverband öffnet. Stärker, der Unternehmer und Besitzer eines land- und forstwirtschaftlichen Betriebs in den Allgäuer Alpen ist, hatte dies unmittelbar nach seiner Wahl Ende April angekündigt. Bei ihr hatte er seinen Amtsvorgänger, den CSU-Politiker Ernst Weidenbusch, mit 52 Prozent der Stimmen knapp besiegt.Der streitbare Wiedenbusch hatte sich solchen Gesprächen und Kooperationen über Jahre hinweg verweigert. Auch mit der Forstverwaltung und Forstministerin Michaela Kaniber (ebenfalls CSU) lag er im Dauerstreit. Weidenbusch setzte damit den Kurs des früheren Jägerpräsidenten und CSU-Politikers Jürgen Vocke fort, der den BJV von 1994 bis 2019 führte. Sehr zum Missfallen vieler Jäger befand sich der BJV, dem mit 50 000 Mitgliedern immerhin 60 Prozent der Jagdscheininhaber in Bayern angehören, zuletzt in weitgehender Isolation.Der LBV und die kleine Gregor-Louisoder-Umweltstiftung (GLUS), die mit der Aktion „Tatort Natur“ seit inzwischen fünf Jahren Naturschutzstraftaten in Bayern dokumentieren, melden immer wieder Fälle wie im Raum Günzburg. Allein 2025 wurden demnach bayernweit 30 Greifvögel vergiftet. LBV und GLUS gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus.Ein besonders grausames Beispiel für Naturschutzkriminalität sind auch sogenannte Kamikaze-Tauben. Das sind züchterisch uninteressante Tauben. Die Täter bestreichen die Nacken der Tiere mit Gift und lassen sie in der Nähe ihres Schlags fliegen. Ziel sind Habichte oder Wanderfalken, die ihre Beute in der Luft jagen. Werden die lebenden Köder nicht erbeutet, sterben sie selbst nach Angaben des LBV an dem Gift. Denn die Tauben nehmen es langsam über die Haut auf. 2025 wurden zwei Fälle von Kamikaze-Tauben registriert, in den Landkreisen Regensburg und Miesbach.