PfadnavigationHomeRegionalesHamburgStromausfall-SzenarioPlötzlich ohne Strom – so bereitet sich Hamburg auf den Ernstfall vorStand: 08:19 UhrLesedauer: 7 MinutenDas Hamburger Rathaus ist normalerweise hell erleuchtet. Wie hier anlässlich der Earth Hour des WWF würde es aber auch bei einem Blackout aussehen.Quelle: picture alliance/dpa/Georg WendtHamburg gilt als gut gewappnet gegen einen großflächigen Stromausfall. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt ein dichtes Netz von Abhängigkeiten – von der Wasserversorgung bis in die Unternehmen. Demnächst startet eine Übung.Eine Chipkarte klackt gegen das Lesegerät, aber die Tür bleibt zu. Kein grünes Licht, kein Piepton. Überhaupt ist es plötzlich so ruhig, dass es sich falsch anfühlt. Kein Rauschen der Lüftung, kein Rattern des Druckers, kein Surren des Kühlschranks. Die Telefone stehen still, die Fahrstühle und das Rolltor auch. Wo war gleich der Schlüssel zur Notentriegelung?So könnte es Ende September in einem Hamburger Unternehmen aussehen, das testet, was passiert, wenn plötzlich der Strom fehlt. Die Handelskammer Hamburg hält diese Frage für so wichtig, dass sie Unternehmen zu einer Krisenübung einlädt. Red Storm Business heißt sie, angelehnt an die zivil-militärische Großübung Red Storm Charlie, die am 24. September in Hamburg stattfindet. Während Bundeswehr, Behörden, Hilfsorganisationen und Betreiber kritischer Infrastruktur ihre Abläufe für Krisenlagen proben, soll die Wirtschaft dieselbe Frage für sich beantworten: Wie verwundbar ist der eigene Betrieb – und wie kann vorgesorgt werden? Unternehmen sollen etwa ihre Gebäude untersuchen und die wichtigsten Geschäftsprozesse bestimmen, die auch ohne Strom aus der Leitung funktionieren müssen. 200 Unternehmen sind schon dabei, Anmeldungen sind weiter möglich.Lesen Sie auchWas vor wenigen Jahren wie eine theoretische Katastrophenschutzübung gewirkt hätte, wird spätestens seit dem Ukraine-Krieg deutlich ernster diskutiert. Der großflächige Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel im Frühjahr 2025, Anschläge auf die Berliner Strominfrastruktur im Herbst 2025 und im Januar 2026 und zuletzt der Fund einer mit Sprengstoff präparierten Drohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle haben die Debatte über die Verwundbarkeit kritischer Infrastruktur zusätzlich verschärft. Die Stadt baut deshalb ihre Krisenvorsorge aus. Allein aus dem Sondervermögen des Bundes fließen aktuell rund 60 Millionen Euro in Projekte wie Drohnenabwehr und die Errichtung von Notfallinformationspunkten. Zugleich wird der bisherige Katastrophendienststab zu einem Zentralen Krisenstab weiterentwickelt, der künftig auch lang andauernde und komplexe Krisenlagen koordinieren soll.Das heißt nicht, dass der Ausfall des Stroms wahrscheinlich ist. Rechnerisch ist ein Kunde in der Stadt nur etwa zwölf Minuten im Jahr ohne Strom, das Netz gilt als gut geschützt und hält Redundanzen vor, also mehr Leitungen, als im Regelbetrieb genutzt werden. „Fällt irgendwo etwas aus, wird meist automatisch umgeschaltet, bevor jemand es bemerkt“, sagt Axel Schröder, Sprecher der Hamburger Energienetze. Aber die Stadt bereitet sich vor. Denn auch die Hamburger Netzsicherheit hat Grenzen. So ist die Stadt etwa auf die Einspeisung aus dem überregionalen Höchstspannungsnetz angewiesen. Eine schwere überregionale Störung könnte deshalb auch die Versorgung innerhalb der Stadt treffen, ganz ohne, dass in Hamburg selbst etwas passiert ist.Lesen Sie auchSchröder verwendet für einen solchen Fall den Begriff Schwarzfall. „Ein Stromausfall betrifft einzelne Häuser, Straßen oder Stadtteile. Ein Schwarzfall betrifft größere Regionen, Länder oder Kontinente“ – aus Minuten ohne Strom werden Stunden und Tage. Einen solchen Schwarzfall hat es nach Angaben der Energienetze in Deutschland noch nie gegeben. Der Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel und die Sabotageakte in Berlin zeigten aber, dass auch moderne Verbundnetze schwer gestört werden können. Die Hamburger Energienetze haben ihre Notfallpläne und Schutzkonzepte nach den Ereignissen überprüft und weiterentwickelt. Die Gefahr für einen Blackout wird demnach als gering eingeschätzt. Aber etwa „kriminelle Sabotageakte lassen sich auch mit umfangreichen Sicherungs- und Vorsorgemaßnahmen nicht gänzlich ausschließen“, sagt Schröder. Entsprechende Krisenszenarien werden mehrmals im Jahr geübt.Die Situation in Stunde NullAn den Mobilfunkstandorten der Telekom übernähmen bei einem großflächigen Stromausfall zunächst Batterien die Versorgung. Das gilt nach Angaben von Telekom-Sprecherin Stefanie Halle sowohl für Sprachverbindungen als auch für den mobilen Datenverkehr. Zentrale Knotenpunkte verfügten zusätzlich über Batteriepuffer und Notstromaggregate.Lesen Sie auchAuch das UKE würde auf eine eigene Rückfallebene wechseln. Das Universitätsklinikum verfügt über eine Notstromversorgung und hält für unterschiedliche Gefahrenszenarien Alarmierungs- und Notfallpläne vor. „Das UKE zählt als Krankenhaus zur kritischen Infrastruktur und verfügt über eine Notstromversorgung, um die Krankenversorgung im Falle eines Stromausfalls sicherzustellen“, sagt Sprecherin Saskia Lemm.Selbst aus den Wasserhähnen würde das Trinkwasser nicht zwangsläufig sofort versiegen. Hamburg Wasser betreibt einen Verbund aus 17 Wasserwerken. Fällt ein einzelnes Werk aus, kann die Versorgung bei einem regional begrenzten Stromausfall durch andere Werke und redundante Stromversorgung in der Regel über mehrere Tage gesichert werden. Anders wäre die Lage bei einem flächendeckenden Ausfall in Hamburg und der Metropolregion. Dann könnten die Wasserwerke einander nicht mehr auf dieselbe Weise aushelfen. „Teile des Versorgungsgebietes könnten in Abhängigkeit von der Nachfrage noch wenige Stunden mit Restwasser aus Hochbehältern versorgt werden“, sagt Nicole Buschermöhle von Hamburg Wasser. Doch danach müssten andere Mechanismen greifen.Nicht jede Infrastruktur könnte ihren Betrieb durch eine eigene Stromversorgung fortsetzen. Etwa die Fernwärme ist vom Stromnetz abhängig. „Die Fernwärmeversorgung sowie die an die Fernwärme angeschlossenen Kundenanlagen sind auf die Stromversorgung aus dem öffentlichen Netz angewiesen“, sagt Friederike Grönemeyer, Sprecherin der Hamburger Energiewerke.Lesen Sie auchAuch U-Bahnen und die meisten Ampeln würden direkt stillstehen. Beim öffentlichen Nahverkehr würde die Sicherung der Fahrgäste dem Regelbetrieb vorgehen. „Ziel der Hochbahn ist in solch einem Fall, Fahrgäste und Beschäftigte zu schützen, zentrale Leitstellen handlungsfähig zu halten und den Betrieb geordnet herunterzufahren“, sagt Hochbahn-Sprecherin Ina Jencke. Zu den vorgesehenen Maßnahmen gehöre „die sichere Räumung des U-Bahnnetzes“. Außerdem sieht die Hochbahn die Einrichtung von Bus-Notverkehren vor.Wenn der Strom lange fehltMit zunehmender Dauer des Ausfalls würde sich die Aufgabe der beteiligten Organisationen verändern. Die normalen Versorgungswege würden durch Notstrukturen ersetzt.Fiele die leitungsgebundene Trinkwasserversorgung aus, ginge die Verantwortung von Hamburg Wasser auf die staatliche Notversorgung über. „Die Trinkwassernotversorgung der Bevölkerung erfolgt in Hamburg über Notbrunnen sowie durch Wasserwagen und mobile Wasserbehälter“, sagt Nicole Buschermöhle. Die Innenbehörde arbeitet derzeit daran, auch die Notbrunnen mit Notstromaggregaten auszustatten.Für längere regionale Ausfälle hat die Telekom mobile Netzersatzanlagen, etwa Kabel- und Schaltcontainer mit eigener Stromversorgung über Treibstoff und Batterien. „Priorität hat zu Beginn eines Ausfalls immer die Wiederherstellung des Mobilfunks. Die Einsatzkräfte und Hilfsorganisationen müssen miteinander kommunizieren können“, sagt Stefanie Halle.Lesen Sie auchSolche Netzersatzanlagen aber zeigen eine weitere Abhängigkeit. Notstromaggregate brauchen Treibstoff. Für Hafen, Verkehrsnetze, digitale Infrastruktur und Energieversorgung bestehen nach Angaben der Innenbehörde Vereinbarungen über eine prioritäre Mineralölversorgung. Ausgewählte Tankstellen sollen über Notstromaggregate oder Einspeisemöglichkeiten für externe Stromerzeuger verfügen. Mobile Stromerzeuger sowie zentrale und dezentrale Kraftstoffreserven werden vorgehalten. „Bei der Notfallplanung für Stromausfallszenarien geht es vor allem darum, Rückfallebenen und Redundanzen zu schaffen“, sagt Innenbehördensprecher Daniel Schaefer.Beim Abwasser kann neben der Dauer des Ausfalls das Wetter entscheidend werden. Ohne Strom würde sich anfallendes Abwasser zunächst im Kanalnetz und in den Anlagen stauen. „Insbesondere bei Regen könnte es in Einzelfällen lokal auch zu Schmutz- und Regenwasseraustritten über die Kanaldeckel oder in Gewässer kommen“, sagt Nicole Buschermöhle.Während die Betreiber kritischer Infrastruktur längst Notfallpläne und Krisenstäbe haben, beginnt die Vorbereitung in vielen Unternehmen erst. Sie schauen bei den Übungen in Red Storm Business erstmals systematisch darauf, welche Abhängigkeiten in ihrem Alltag stecken. Welche Türen sich ohne Strom nicht mehr öffnen. Welche Mitarbeiter überhaupt noch erreichbar wären. Welche Prozesse sich notfalls mit Papier und Stift fortsetzen ließen. Und welche nicht. Lesen Sie auchBei einigen Firmen seien durch die Initiative Red Storm Business überhaupt erst die Verantwortlichen aus Facility Management, Personal und Security zusammengekommen, berichtet Tobias Bock, der bei der Handelskammer Hamburg für das Thema Resilienz zuständig ist. Dabei gehe es längst nicht nur um technische Fragen. „Wie komplex die Abläufe in einer Krise werden können, wird oft erst im Detail deutlich“, sagt Bock. Die Übungen sollen Unternehmen nicht beunruhigen, sondern ihnen helfen, auf Krisen besser vorbereitet zu sein. Wer vorbereitet sei, müsse weniger Angst vor einem solchen Szenario haben.Viele Abläufe im Alltag erscheinen selbstverständlich, solange sie funktionieren. Erst wenn der Strom fehlt, wird sichtbar, wie viele Voraussetzungen erfüllt sein müssen, damit eine Stadt wie Hamburg weiterläuft. Übungen wie Red Storm Business sollen das sichtbar machen, bevor ein Ernstfall eintritt.Redakteurin Julia Witte genannt Vedder arbeitet in der Hamburg-Redaktion von WELT und WELT AM SONNTAG. Seit 2011 berichtet sie über Hamburger Politik, Infrastrukturthemen und die öffentlichen Unternehmen der Hansestadt.
Stromausfall-Szenario: Plötzlich ohne Strom – so bereitet sich Hamburg auf den Ernstfall vor - WELT
Hamburg gilt als gut gewappnet gegen einen großflächigen Stromausfall. Doch wer genauer hinschaut, entdeckt ein dichtes Netz von Abhängigkeiten – von der Wasserversorgung bis in die Unternehmen. Demnächst startet eine Übung.






