Düsseldorf. Der aktuelle politische Kurs für die Energiewende könnte hohe, unnötige Kosten verursachen. Das zeigt eine Modellrechnung des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln (EWI), die dem Handelsblatt exklusiv vorliegt. Demnach könnten Steuerzahler und Unternehmen bis zum Jahr 2045 rund 70 Milliarden Euro einsparen, wenn die Energiewende anders verläuft als zurzeit geplant.Auftraggeber des Gutachtens ist der Landesverband Erneuerbare Energien NRW (LEE NRW). Obwohl der Verband die Interessen des Erneuerbaren-Sektors vertritt, kommt die Untersuchung nicht zu dem Ergebnis, dass Deutschland schlicht mehr erneuerbare Energien zubauen muss als bisher vorgesehen. Stattdessen soll der Ausbau von Photovoltaik und Windkraft sogar zunächst sinken.Bricht der Erneuerbaren-Ausbau allerdings zu stark ein, wird es noch viel teurer. Das Gutachten zeigt im Detail, wie die Bundesregierung die Energiewende richtig justieren kann und welche Energiewende-Entscheidungen den größten Einfluss auf die künftigen Kosten des Energiesystems haben.Trügerische Einsparungen durch mehr GaskraftwerkeDas EWI vergleicht in seiner Kostenanalyse drei Szenarien:Das Referenzszenario (REF) orientiert sich am aktuellen Netzentwicklungsplan, in dem der Stromnetzausbau vorausgeplant wird, sowie an den gesetzlich festgelegten Ausbaumengen für erneuerbare Energien.Ein zweites Szenario namens VAR rechnet mit einem reduzierten Erneuerbaren-Ausbau und einem erhöhten Gaskraftwerksausbau. Dabei entstehen weniger Fixkosten – also etwa Ausgaben für den Bau von Wind- und Solarparks. Dafür gibt es mehr variable Kosten – also etwa Kosten für Stromimporte.Das dritte Szenario heißt OPT und ist eine rechnerische Optimierung des EWI für den Ausbau von Erneuerbaren, Kraftwerken und Stromnetzen.Das VAR-Szenario ist trügerisch, denn es reduziert zwar kurzfristig Kosten, schneidet langfristig aber am schlechtesten ab. So könnten bis 2030 sieben Milliarden Euro an Fixkosten für erneuerbare Energien eingespart werden. Schon 2037 würden die Kosten für Stromimporte und Gaskraftwerksbetrieb diese Einsparungen aber übersteigen.Bis 2045 käme dann noch eine große Menge teurer Wasserstoffimporte hinzu, um damit die Gaskraftwerke klimafreundlich zu betreiben. So entstünden Mehrkosten von drei Milliarden Euro pro Jahr im Vergleich zum Referenzszenario.Der Geschäftsführer des LEE NRW, Christian Vossler, sagt: „Mehr Erdgas und perspektivisch importierter Wasserstoff sind keine Strategie zur dauerhaften Kostensenkung. Ein solches System verlagert Kosten von Investitionen hin zu Brennstoffen und Importen.“ Damit stiegen zugleich die Abhängigkeit Deutschlands von internationalen Märkten und die langfristigen Kosten für Wirtschaft und Verbraucher.Das optimierte Szenario verringert im Gegensatz zum Referenzszenario ab 2045 die Kosten um rund neun Milliarden Euro. Es nimmt allerdings in Kauf, dass der Ausbau der Erneuerbaren zunächst etwas Geschwindigkeit verliert. So wären im optimierten Szenario im Jahr 2037 beispielsweise nur 148 Gigawatt Windkraft an Land aufgebaut, während es im Referenzszenario 158 Gigawatt sind.Sorge vor Markteinbruch bei erneuerbaren EnergienFür die Kosten der Energiewende ist allerdings nicht nur ausschlaggebend, wann wie viele Erneuerbare und Gaskraftwerke zugebaut werden. Wichtig ist auch, auf die richtigen Anlagen zu setzen.Laut EWI-Gutachten sollten beispielsweise mehr Freiflächen-PV-Anlagen gebaut werden und stattdessen weniger private Aufdach-Anlagen, da Freiflächen-PV günstiger zu bauen sei. Außerdem solle der Windkraftausbau zugunsten von Windrädern an Land statt auf See verschoben werden, weil Offshore-Windkraft mit besonders teuren Stromnetzkomponenten angebunden werden muss.Solarstrom Bundesregierung beschließt zwei zentrale Energie-Gesetze – Scharfe Kritik aus der SPD-Fraktion Mit dem Optimalpfad des EWI würden die gesetzlich verankerten Erneuerbaren-Ziele bis 2030 verfehlt, an denen auch Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche bislang offiziell festhält: Bis 2030 will Deutschland 115 Gigawatt Windkraft an Land zugebaut haben, während es im Optimalszenario nur 101 wären. Außerdem sollen 215 Gigawatt PV installiert sein, im Optimalszenario wären es nur 208.Dabei sind für das EWI selbst allerdings die genauen Zahlen weniger wichtig als die grobe Richtung. Und tatsächlich scheint die Politik der Wirtschaftsministerin bislang in diese Richtung zu wirken: Durch eine Reform des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) soll etwa die staatliche Vergütung für private PV-Anlagen abgeschafft werden, was diese im Vergleich zu Freiflächenanlagen unattraktiver machen würde. Außerdem sollen die Ausschreibungsmengen für Windkraft an Land erhöht werden.Trotzdem könnten politische Entscheidungen, die dieser Tage getroffen werden, leicht dafür sorgen, dass der Erneuerbaren-Ausbau in Deutschland zu stark einbricht und das Land somit in das teure VAR-Szenario abrutscht.Der Hauptautor des EWI-Gutachtens, Philip Schnaars, gibt zu bedenken: „Beim Ausbau von Freiflächen-PV und Onshore-Windanlagen ist es wichtig, dass die erneuerbaren Energien noch besser auf die Anforderungen des Energiesystems ausgelegt werden.“Gemeint ist, dass Wind und Solar gezielter dort zugebaut werden, wo die Stromnachfrage hoch ist und wo im Stromnetz noch Platz für zusätzliche Stromerzeuger ist. Dafür spricht sich auch der LEE NRW aus.Um die Details eines Gesetzentwurfs, der theoretisch genau das bezwecken soll, gibt es derzeit große Diskussionen.