Der Bebauungsplan für das frühere Siemens-Areal am Frankfurter Westbahnhof war schon fertig, als der Stadtverwaltung ein gravierender Mangel auffiel: Es war keine Grundschule eingeplant, auf sämtlichen Baufeldern waren Wohnungen für insgesamt 2000 Menschen und ein wenig Gewerbe vorgesehen. „Wir haben aus der Not eine Tugend gemacht“, erinnert sich Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), der das Neubauquartier in seiner Zeit als Planungsdezernent auf den Weg gebracht hat. Geplant wurde Deutschlands erste sogenannte Hybridschule, in der Bildung und Wohnen kombiniert werden.In den unteren beiden Geschossen lernen Kinder, in den fünf Etagen darüber entstehen 134 Wohnungen. In dieser Woche wurde Richtfest gefeiert für das Gebäude, in das die Unternehmensgruppe Nassauische Heimstätte/Wohnstadt (NHW) rund 60 Millionen Euro investiert. Das Land Hessen und die Stadt Frankfurt steuern jeweils rund 11,5 Millionen Euro an Zuschüssen bei. 123 Wohnungen können deshalb zu besonders günstigen Mieten angeboten werden. Vor Beginn des Schuljahres 2027/28 soll das Gebäude, zu dem auch eine zwei Geschosse tief in die Erde eingegrabene Sporthalle gehört, übergeben werden.Unten Schule, oben Wohnungen: Deutschlands erste Hybridschule im Frankfurter Schönhofviertel steht im Rohbau.NHW/RohnkeDie übrigen Häuser des derzeit größten Neubauprojekts in Hessen sind weitgehend bezogen. „Nur noch drei Eigentumswohnungen sind frei“, sagt NHW-Geschäftsführer Constantin Westphal. 2000 Menschen werden in dem neuen Quartier wohnen. Mit dem Bau eines weiteren Gebäudes mit 130 Eigentumswohnungen wird das Immobilienunternehmen Instone, der zweite Entwickler im Schönhofviertel, demnächst beginnen. Weitere Baugrundstücke im Westen des Areals stehen vorerst nicht zur Verfügung, da sich dort noch Gewerbebetriebe befinden.Park wird im September eröffnetDer 2,8 Hektar große Park im Zentrum des Viertels soll Anfang September eröffnet werden. Die Bewohner des neuen Viertels warten sehnsüchtig auf die grüne Oase. Aber sie haben die schon nutzbaren, verkehrsberuhigten Flächen zwischen den Häusern bereits in Beschlag genommen. Kürzlich wurde dort ein Nachbarschaftsfest gefeiert. „Wir wohnen gern hier“, sagt Patrick Ward, der vor einigen Monaten in das Quartier gezogen ist. „Das Viertel ist wirklich schön geworden, und es ist leicht, Kontakt zu finden.“Nach Ansicht von Oberbürgermeister Josef muss die Infrastruktur wie Grünflächen, Kitas und Einkaufsmöglichkeiten rechtzeitig fertig sein, damit neue Wohngebiete akzeptiert werden. Allerdings ist in den Augen von Bewohnern im Schönhofviertel längst nicht alles vorhanden, was nötig wäre. Sie kritisieren vor allem die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und haben sich deshalb zu einer Initiative zusammengeschlossen, um Verbesserungen zu erreichen.Kein direkter Zugang zum WestbahnhofEs geht um einen Mangel, den man als den zweiten Planungsfehler des zwischen Bockenheim und Rödelheim gelegenen Neubaugebiets bezeichnen könnte. „Wir sehen hier jede S-Bahn vorbeifahren“, sagt Tobias Maas, der sich mit seinem Coffee-Bike im Viertel beliebt gemacht hat. Bis zum Westbahnhof seien es nur wenige Hundert Meter. Doch auf direktem Weg lässt er sich nicht erreichen. Zumindest nicht legal. Ein inoffizieller Schleichweg, der augenscheinlich rege genutzt wird, führt über Bahngelände, das aus Sicherheitsgründen eigentlich nicht betreten werden darf. Die Deutsche Bahn plant nicht, daran etwas zu ändern – obwohl der Westbahnhof für einen zweistelligen Millionenbetrag umgebaut wird. 2024 teilte die DB den Stadtverordneten mit, dass die Planungen für den Bahnhofsumbau 2018 abgeschlossen worden seien – ohne eine Anbindung an das Schönhofviertel. Das Neubaugebiet sei erst von 2019 an entwickelt worden.Sie dürfen hier nicht durch: Der kürzeste Weg vom Schönhofviertel zum Westbahnhof führt über das Betriebsgelände der Bahn. Anwohner würden ihn gerne nutzen.Inga KlöberDie Bewohner wollen sich damit nicht abfinden. „Um den nahe gelegenen Westbahnhof zu erreichen, müssen wir einen 1,3 Kilometer langen Weg zurücklegen“, sagt Isabelle Hammer, Mitgründerin der Initiative. Dieser Weg führe über die Fußgänger- und Radfahrerbrücke am Schönhof, die wegen des Neubaugebiets stark frequentiert sei. Die Unfallgefahr sei hoch. Nicht nur die Bewohner seien betroffen. Die fünf Kitas im Viertel fänden wegen der schlechten Anbindung nur schwer Personal.Die Initiative schlägt vor, eine neue Querungsmöglichkeit vom Schönhofviertel über die Bahngleise in Richtung Solmsstraße zu schaffen, um den Weg zum Westbahnhof zu verkürzen. Diese Idee hatten auch schon die für Bockenheim und Rödelheim zuständigen Ortsbeiräte 2 und 7 an den Magistrat weitergeleitet. „Eine Stellungnahme der Deutschen Bahn steht noch aus“, sagt Hans-Jürgen Sasse, Fraktionsvorsitzender der SPD im Ortsbeirat 7. In der nächsten Woche wird sich das Stadtteilgremium abermals mit dem Thema befassen.Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) kann die Wünsche der Bewohner verstehen, stellt aber keine schnelle Lösung in Aussicht. Verkürzen würden sich die Wege durch eine neben der Schule geplante Unterführung unter den Bahngleisen in Richtung City-West. Wann diese gebaut wird, ist aber noch unklar. Das gilt auch für die schon vor einigen Jahren angekündigte Straßenbahnlinie, die über die heutigen Betriebsgleise in der Schloßstraße fahren soll und die auch vom Schönhofviertel gut zu erreichen wäre. Profitieren würde das Neubaugebiet auch von einem in Höhe der Ludwig-Landmann-Straße geplanten zusätzlichen S-Bahn-Halt. „Das wäre eine gute Lösung“, meint der Planungsdezernent. Aber einen Zeitplan gibt es auch dafür nicht.
Schönhofviertel Frankfurt: Neubaugebiet mit Planungsfehlern
Bei der Planung des Schönhofviertels in Frankfurt wurden zwei Fehler gemacht. Einer ließ sich beheben. Beim anderen zeichnet sich keine schnelle Lösung ab.






