PfadnavigationHomeICONISTGesellschaftKultautor Irvine Welsh„Da muss man sich nur das Drogentaxi anschauen, das auch in besseren Kreisen gerne bestellt wird“Von Ralf NiemczykStand: 13:25 UhrLesedauer: 8 MinutenSieht sich selbst als Snob mit Kunstanspruch: Schriftsteller Irvine WelshQuelle: Lorena Sopaña/Europa Press/ABACA/picture allianceMehr als 30 Jahre nach dem Erscheinen seines Drogenromans „Trainspotting“ sei Suchtverhalten alltäglich geworden, sagt der schottische Schriftsteller Irvine Welsh. Die Menschheit stecke in einem irren Kreislauf der Abhängigkeiten, der heute umfassender sei als je zuvor.Irvine Welsh sitzt in der Kellerbar eines schicken Hotels in der Berliner Torstraße. Fit schaut er aus, mit wachem Blick, Glatze und einer Windjacke, die an den Look von Steve McQueen erinnert. Der Schotte hat ein Universum an Storys und Lebensweisheiten in petto. Als gelernter TV-Techniker, Immobilienmakler, Ex-Punk, Teilzeit-DJ, Drehbuchautor und leidenschaftlicher Amateurboxer schaut er aus vielen verschiedenen Perspektiven auf die Welt. 1993 wurde er mit seinem Debütroman „Trainspotting“ zu einer der radikalsten Stimmen der britischen Gegenwartsliteratur. Der internationale Durchbruch folgte drei Jahre später mit der legendären Verfilmung von Danny Boyle, die den Stoff zum popkulturellen Phänomen rund um Männerfreundschaft, Straßenmode, Techno-Raves und exzessiven Drogenkonsum machte. 30 Jahre nach dem Erscheinen des Films ist der 67-Jährige weiterhin an vielen Fronten unterwegs. Neue Romane, Serien, Bühnenprojekte: Seit Juli läuft die Musical-Adaption von „Trainspotting“ im Londoner West End, an der Welsh gemeinsam mit dem befreundeten Musikproduzenten Stephen McGuinness alias Steve Mac gearbeitet hat. In Großbritannien folgt der neue Thriller „Can Nothing Save Us?“, der in seiner zeitweiligen Wahlheimat USA spielt. Am 13. August erscheint die deutsche Übersetzung seines neuen Romans „Men in Love“ (Verlag Antje Kunstmann, 30 Euro), mit dem die „Trainspotting“-Saga eine Fortsetzung findet. Im Herbst geht er auf Lesereise durch Deutschland. WELT: Stimmt es, dass der abgewrackte Stadtbezirk Leith in Edinburgh, in dem Ihr Roman „Trainspotting“ Mitte der 1980er spielt, längst eine Gentrifizierung erlebt hat und schick geworden ist? Irvine Welsh: Ja, auch im Zuge struktureller Maßnahmen, wie etwa dem Anschluss an das Nahverkehrssystem. Vorher war das eine tote Hafengegend mit verwahrlosten Plattenbauten drumherum. Jetzt sind Lofts in den Lagerhäusern und Docks, eine Marina wurde installiert. Das übliche Prinzip, mit Hotels, Restaurants und sogenannter Kreativindustrie. In dem Roman ging es ja nicht nur um vier irre Techno-Junkies in ihrer eigenen kleinen Raver-Welt. Ihr Verhalten war ein Spiegel der britischen Gesellschaft im Norden. Als damals die klassische Working Class abgewickelt wurde, lautete ein Heilsversprechen: „Langfristig werdet ihr davon profitieren, weil wir fitter und wirtschaftlich gestärkt daraus hervorgehen werden.“ Heute werden Arbeitsplätze der Mittelschicht durch KI und Technologie vernichtet. Versprechungen gibt es dagegen kaum noch welche. Deshalb scheint mir die existenzielle Krise heute noch weit tiefer zu gehen. WELT: Und jetzt ist aus diesem provokanten Stoff aus der Thatcher-Ära tatsächlich ein Musical im West End geworden? Lesen Sie auchWelsh: Ich war erst einmal dagegen, da ich eher ein Snob mit Kunstanspruch bin, der sich zudem längst um andere Stoffe kümmert. Ich bin nicht so der Showbusiness-Typ. Im Gegenteil, ich musste an meine früheren Acid-House-Kumpels denken: Die werden mich für einen Idioten von der Resterampe halten, wenn ich ein Musical aus diesem Stoff mache. Doch dann drehte sich die Denke in meinem Kopf: Wenn da einer von außen denkt, so etwas könnte funktionieren, dann sollte ich lieber selbst den Hut aufhaben. Und nicht jemand anderes. Mein Co-Autor Stephen McGuinness und ich mussten erst mal über unsere eigenen Schatten springen. Wir wollten auf keinen Fall ein 08/15-Musical, sondern in diesem Segment etwas Neues schaffen. Auch multimedial sollte das ein Schocker werden, jedenfalls krawalliger und radikaler sein als die Konkurrenz nebenan. Die berühmte Szene mit der Kloschüssel, in der Ewan McGregor in der Kloschüssel nach Pillen taucht, wurde allerdings entschärft. Es wird nichts im Publikum landen, man kann also durchaus in schicker Kleidung kommen. Lesen Sie auchWELT: Ihr neues Buch schließt die „Trainspotting“-Saga ab. Allerdings steht dieser Erzählstoff vom Zeitablauf der Trilogie in der Mitte. „Porno“ von 2002 ist der eigentliche Endpunkt. Welsh: Naja. Wenn ich vernünftig gewesen wäre, hätte ich aus den Möglichkeiten nach der weltweit erfolgreichen Verfilmung von „Trainspotting“ ein echtes Franchise gemacht. Und somit auch die Sequels schön der Reihe nach geschrieben. Aber genau das hat mich nie interessiert. Möglicherweise bin ich zu sprunghaft. Kommerziell betrachtet bin ich auf jeden Fall der mieseste Franchise-Entwickler im internationalen Entertainment-Geschäft. WELT: In „Men in Love“ löst die Suche nach Liebe die wilde Jagd nach Heroin und Pillen ab. Wie kam es zu diesem Perspektivwechsel? Welsh: Im Grunde geht es um junge Männer, die sich als Twens verlieben wollen. Mark Renton etwa versucht, sich aus dem alten Umfeld zu lösen und will ausgerechnet in Amsterdam vom Heroin loskommen und sich ein neues Leben aufbauen. In diesem Alter hat man aber keine Ahnung, was man im Hinblick auf ein geordnetes Leben tun muss. Mit Mitte 20 spürst du diesen gesellschaftlichen Druck: „Ich sollte aufhören, mein Leben zu vergeuden, und sesshaft werden“ – also als Typ möglichst eine Frau, ein Haus, eine Hypothek und ein stabiles Leben anstreben. Und dann landen manche genau dort, mit dem Gedanken: „Scheiße, was habe ich da eigentlich gemacht?!“ Das Buch ist auch ein Versuch herauszufinden, an welchen Punkten Männer falsch abbiegen. Oder vielleicht auch den richtigen Weg einschlagen. Manchmal zumindest. WELT: Ein Scheitern an Dating-Apps wie Tinder gab es in den Zeiten, in denen die Handlung Ihres Romans angesiedelt ist, noch nicht. Aber auch ohne digitale Verwirrungen stellen sich Ihre verliebten Männer nicht eben clever an. Welsh: Das ist dem Alter geschuldet. Doch inzwischen bin ich oft erstaunt, dass heutzutage überhaupt noch Beziehungen entstehen. Diese endlosen Listen und Empfehlungen über immer neue Dating-Apps, dazu Tonnen von Ratgeberartikeln und Selbsthilfe-Literatur. Das erscheint mir als eine langweilige, von Algorithmen verhunzte und vereinfachende Antwort auf etwas zutiefst Menschliches oder fast Mystisches. WELT: Das Chaos-Quartett Mark Renton, Sickboy, Spud und Begbie wird also älter. Alle scheinen erwachsener zu werden, auch der extreme Slang wird etwas kosmopolitischer. Haben Sie Ihre Figuren an die Befindlichkeiten der Gegenwart angepasst? Welsh: Ich schreibe diese Figuren eigentlich ständig weiter. Ich höre nie auf, über sie nachzudenken und sie weiterzuentwickeln. Auch beim Thema Sucht ist das Bild im Laufe der Zeit umfassender geworden. Straßen­drogen machen nur noch einen kleinen Teil davon aus. Unsere Art zu leben führt oft genug geradewegs in die Abhängigkeit: Wir verwachsen geradezu mit unserem Handy, das uns vor der Visage klebt. Man scrollt sich endlos durch Info-Müll und Grusel-Nachrichten. Bei manchen entsteht ein zwanghafter Drang, ständig selbst auf dem Präsentierteller zu stehen. Allgemein gesprochen ist heute vieles schlimmer als damals. Im Idealfall hätten wir strukturelle Großprobleme wie Arbeitslosigkeit, Armut, Sucht und damit einhergehende Existenzkrisen, die wiederum die Psyche schrotten, längst überwunden haben müssen. WELT: Wie hat sich der Umgang mit Drogen in den vergangenen drei Jahrzehnten entwickelt? Welsh: Da muss man sich nur das in der westlichen Welt omnipräsent gewordene Drogentaxi anschauen, das auch in besseren Kreisen gerne bestellt wird. Auch durch den Einfluss der Pharmaindustrie entsteht die Vorstellung, dass man einfach irgendwo anrufen und bestellen kann. Dann kommt ein Medikament oder ein Pulver direkt nach Hause. Wir stecken in einem irren Kreislauf der Abhängigkeit, der heute umfassender ist als je zuvor. WELT: Sie selbst scheinen am Boden geblieben zu sein. Etwa als Fußball-Fan der „Hibs“, also des Hibernian Football Club aus Edinburgh, der stets im Schatten von Celtic Glasgow und Glasgow Rangers stand. Welsh: Stimmt. Immerhin sind wir in Schottland der dritte Verein und hangeln uns durch die Qualifikation beim europäischen Conference Cup. Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, seit ich elf oder zwölf Jahre alt bin. Ich bin auch die Stimme in der Doku „I Am Hibs“, einem Film über die lange Historie des Klubs und seine tiefe Verbundenheit mit dem Umfeld, das ja wiederum vielfach aus dem „Trainspotting“-Bezirk Leith kommt. Ich habe auch immer mal über Vereinslegenden geschrieben, wie etwa für den französischen Mittelfeldspieler Franck Sauzée. Der war Ende der 1990er unser Held und wurde gerne „Kaiser“ genannt. Lesen Sie auchWELT: Mit Damon Albarn von der Band Blur verbindet sich eine lange Künstlerfreundschaft, seit er den Song „Closet Romantic“ zum „Trainspotting“-Soundtrack beisteuerte. Bei den Brit Awards 1997 standen sie gemeinsam auf der Bühne. Was ist aus dieser Britpop-Verbindung geworden? Welsh: Wir ziehen immer noch gelegentlich um die Häuser. Er war auch beim Soundtrack für das „Trainspotting“-Musical dabei und sagt mir immer wieder mal seine Meinung zu den Platten von meinem Indie-Musiklabel Jack Said What, das ich 2022 mit dem Produzenten Steve Mac und dem Musikschreiber Carl Loben gegründet habe. Im Wesentlichen veröffentlichen wir Dance- und Electro-Tracks, aber nicht nur. Halt Underground-Zeugs. So bleibt man auch mit den jungen Leuten direkt in Kontakt. WELT: Sie denken also mit 67 nicht ans Kürzertreten? Welsh: Auf keinen Fall. Es gibt ja auch noch meine Abenteuer in den USA. Ich versuche, mich von meiner Homebase in Miami aus, umgeben von einer künstlichen Flamingo-Plastikwelt und harten Gangstern, an den Verwerfungen Amerikas abzuarbeiten. Der Thriller „Can Nothing Save Us?“ handelt davon. Es geht um den Hedonismus und die Paranoia von Las Vegas. Auch das Fernsehen ist an dem Stoff für eine Serie interessiert. Ein drogenabhängiger Club-Promoter zieht darin seine wohlhabende Familie in einen Albtraum. Solange ich gesund bin, gibt es für mich keinen Grund, kürzerzutreten. Ich bin ja seit ewigen Zeiten Boxfan und trainiere auch noch regelmäßig unregelmäßig. Ohne große Ambitionen, aber es hilft, fit zu bleiben.Zur Person: Der schottische Schriftsteller wurde 1958 in Leith geboren, dem Hafenviertel von Edinburgh. Mit 16 begann er eine Ausbildung zum Fernsehtechniker. Es folgten Jobs als Immobilienmakler und DJ, bevor er mit dem Schreiben begann. 1993 debütierte er mit „Trainspotting“ – einem schonungslosen Blick auf Drogen, Armut und die zerfallende Working Class in Großbritannien. Danny Boyles Verfilmung aus dem Jahr 1996 machte das Buch zum Bestseller. Welsh schrieb über ein Dutzend Romane, darunter „Porno“, „Crime“ und „Die Hosen der Toten“. 2022 gründete er das Musiklabel Jack Said What. Heute pendelt der 67-Jährige zwischen Miami und London – und arbeitet so rastlos wie eh und je. Seine Werke haben sich weltweit mehr als sechs Millionen Mal verkauft.