Abnehmspritzen verursachen Muskelschwund. Nun sollen Medikamente das verhindernWeniger Muskeln sind ein Gesundheitsrisiko. Unsicherheit und Stürze können die Folge sein. Wer von den Medikamenten zum Muskelerhalt profitieren könnte.14.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIllustration Anja Lemcke / NZZWarum nimmt Oma so viele Tabletten? «Oma hat doch immer so schlimme Bauchschmerzen. Dagegen helfen die weissen Pillen. Nur bekommt Oma von denen leider Kopfschmerzen. Die bekämpft sie mit den gelben Pillen, die leider auch dafür sorgen, dass Oma ganz schlecht schlafen kann. Deshalb nimmt Oma die roten Pillen, wegen denen sie traurig wird. Doch dagegen helfen die schwarzen Pillen. Nur leider bekommt Oma von denen immer so schlimme Bauchschmerzen. Aber dafür hat Oma ja zum Glück die weissen Pillen.» So wird es in den «Känguru-Chroniken» des Autors Marc-Uwe Kling beschrieben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das vorlaute Tier aus Klings Bestseller ist davon überzeugt, dass die Unternehmen ihre Pillen absichtlich so herstellen, dass sie Nebenwirkungen auslösen, um den Pillenkonsum hoch zu halten. Auch wenn diese Sichtweise einer seriösen Überprüfung nicht standhält, beschreibt die Szene doch ein bekanntes Phänomen: Medikamente lösen Nebenwirkungen aus, die man medikamentös eindämmen muss. Auch bei den Abnehmspritzen wie Wegovy oder Mounjaro könnte nun solch eine Kette starten.Denn eine in allen Studien beschriebene Nebenwirkung der Abnehmspritzen ist Muskelschwund. Die Menschen verlieren durch die medikamentöse Abnehmkur keineswegs nur Fettmasse, sondern auch sogenannte Magermasse. Mit diesem etwas sperrigen Begriff werden Muskelzellen, aber auch Gewebeflüssigkeit, Blut oder in Zellen eingelagerte Substanzen wie Glykogen bezeichnet.Ungefähr ein Viertel des verlorenen Gewichts sind MuskelnLaut den Studien gehen 25 bis 35 Prozent des mit Spritzen verlorenen Körpergewichts auf das Konto der Magermasse. Der grössere Teil davon ist Muskelmasse. Sprich, wenn jemand 15 Kilogramm abnimmt, ist er 10 bis 12 Kilogramm Fett losgeworden und leider auch ungefähr 2 bis 3 Kilogramm Muskelgewebe.Zwar verliert auch jemand, der mit traditionellen Diätkuren abnimmt, Muskelmasse. Doch meist ist es etwas weniger als mit Abnehmspritzen. Denn mit Wegovy, Mounjaro und Co. purzeln die Pfunde in der Regel deutlich schneller. Wenn jedoch in kurzer Zeit viel Gewicht verschwindet, startet unser Körper Gegenmassnahmen.Muskelabbau ist eine Rettungsaktion des KörpersUm die überlebensnotwendigen Funktionen aufrechtzuerhalten, gibt der Körper das Signal, Muskelgewebe abzubauen. Denn Muskeln sind sehr energieintensiv. Im Gegensatz zum Herzmuskel ist das Muskelgewebe an Armen, Beinen, Rücken und Bauch zumindest für eine gewisse Zeit entbehrlich.Das Verschwinden von Muskelmasse kann allerdings zu einem echten Gesundheitsproblem werden. Denn weniger Muskelmasse bedeutet weniger Muskelkraft. Unsicherheiten beim Gehen und beim Festhalten und im schlimmsten Fall mehr Stürze sind die Folge.Wer trainiert, um abzunehmen, sollte darauf achten, dass er nicht an Muskelmasse verliert.Annick Ramp / NZZUm die Muskelmasse zu erhalten, wird daher Abnehmwilligen – egal bei welcher Methode – empfohlen, sich regelmässig und, wenn möglich, intensiv sportlich zu betätigen. Denn wenn Muskeln genutzt werden, bewahrt sie das vor dem Abbau. Zudem sollten viele Proteine, am besten ungefähr 1,5 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, verzehrt werden.Doch Sport kann am inneren Schweinehund oder an einer durch das Übergewicht verminderten Beweglichkeit scheitern. Und viele Patienten, die Abnehmspritzen nutzen, klagen über anhaltende Appetitlosigkeit und Übelkeit. Daher ist es für viele kaum zu schaffen, die nötigen Proteine zu essen.Abnehmspritze plus Muskelretter zeigen WirkungVerschiedene Pharmafirmen haben daher in den letzten Jahren altbekannte Substanzen aus ihren Lagerbeständen geholt. Die Mittel mindern den Muskelabbau.Ursprünglich wurden diese Substanzen entwickelt, um den Muskelschwund bei gebrechlichen Senioren, Menschen mit Störungen im Muskelaufbau oder Krebspatienten, die trotz Nahrungsaufnahme stark abnehmen, zu stoppen oder zumindest zu verlangsamen. Doch bei diesen Krankheiten haben die Mittel bisher nur wenig bewirkt. Noch ist nicht klar, warum.Nun hat sich ein neues Betätigungsfeld eröffnet. Vor wenigen Wochen hat das Team um Richard Pratley von Advent Health, einer grossen Spitalkette in Florida, Daten zu einer Kombinationstherapie präsentiert, bestehend aus einer Abnehmspritze und einem speziellen Antikörper. Dieser blockiert im Körper ein Startsignal für Muskelabbau.Die Kombinationstherapie erzielte den erhofften Effekt. Erhielten die Studienteilnehmer über 24 Wochen hinweg Abnehmspritze plus Antikörper, so nahmen sie fast genauso viel ab wie die Probanden, die nur die Spritze verwendeten. Wie erwartet, war in der Kontrollgruppe fast ein Drittel des verlorenen Gewichts Magermasse. Bei den Probanden mit der Kombi-Therapie waren es dagegen nur 14,6 Prozent. Somit verloren sie deutlich weniger Muskelmasse. Andere Substanzen zur Muskelrettung haben in Kombination mit Abnehmspritzen ähnliche Ergebnisse erzielt.Experten sind noch skeptischDoch Ärzte und Stoffwechselexperten warnen vor Euphorie. Sie weisen darauf hin, dass bis jetzt nur Daten aus kleinen Studien mit wenigen Probanden vorlägen.Henning Langer, Leiter der Arbeitsgruppe Muskelschwund an der Klinik für Geriatrie und Altersmedizin der Charité in Berlin, ist noch aus einem anderen Grund skeptisch, was den Nutzen solcher Hemmstoffe des Muskelabbaus betrifft. «Ja, die vorliegenden Tier- und klinischen Studien haben ergeben, dass mehr Muskelmasse erhalten bleibt und dadurch etwas mehr Fett verloren wird», stimmt er im Gespräch zu. «Aber es gibt keinerlei Daten, die eine Verbesserung der Funktion der Muskeln beweisen.»Bisher habe kein Hersteller analysiert, ob die Probanden mit einer Kombinationstherapie auch ihre Muskelkraft oder ihre Ausdauer in Bewegungstests behielten oder gar verbesserten im Vergleich zu jenen, die nur die Abnehmspritzen verwendeten. Zudem könnten die Substanzen Akne, Durchfall oder Krämpfe verursachen.«Die interessante Studie, die es aber leider noch nicht gibt, wäre ein Vergleich: Gewichtsreduktion durch Abnehmspritzen contra konventionelle Therapien. Und dann müsste untersucht werden, wie die jeweiligen Probanden auf dem Ergometer oder bei den Sit-to-Stand-Tests abschneiden», sagt Haiko Schlögl, Ernährungsmediziner am Universitätsklinikum Leipzig, auf Anfrage. Beim Sit-to-Stand-Test wird gemessen, wie oft eine Person innert 30 Sekunden vom Sitzen auf einem Stuhl in den Stand mit gestreckten Beinen kommt.Experimente der Langer-Arbeitsgruppe mit Mäusen haben gezeigt, dass diese nach dem Gewichtsverlust durch Abnehmspritzen ausdauernder und schneller im Laufrad waren. Bei Untersuchungen einer kleinen Gruppe von Patienten blieb deren Handkraft beim Abnehmen weitgehend erhalten. «Es ist eigentlich zu erwarten, dass Menschen nach einer Abnehmkur trotz Muskelverlust körperlich etwas fitter sind», findet Langer. Denn sie hätten nun mehr Muskeln pro Kilogramm Körpergewicht als zuvor.Der Geriatrieforscher ist überzeugt: Wenn junge Menschen und solche mittleren Alters übergewichtig sind, aber keine weiteren Krankheiten aufweisen, benötigen sie keine zusätzlichen Hemmer des Muskelabbaus während ihrer Kur. Denn man wisse noch nicht, welche Nebenwirkungen die Blocker des Muskelabbaus langfristig hätten. Anders ausgedrückt: Es könnte die unerwünschte Kette weisser, gelber und roter Pillen starten. Moderater Sport ist dagegen nebenwirkungsfrei.«Ich gehe allerdings davon aus, dass Menschen, die ihren Körper mit den Abnehmspritzen optimieren wollen, künftig aus optischen Gründen solche Kombinationen aus Abnehmspritzen und Substanzen zum Muskelerhalt einnehmen werden», sagt Langer.Vor allem eine Option für ältere und kranke Menschen?Auch der Ernährungsmediziner Schlögl hält derzeit eine routinemässige Anwendung der Substanzen zum Muskelerhalt für unnötig. «Nur wenn sich solche Medikamente über einen längeren Zeitraum und zudem auch bei Patientinnen und Patienten mit Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen als sicher und effektiv erweisen, wären die Mittel eine gute therapeutische Option für all jene, die eine Abnehmspritzenkur nicht wie empfohlen mit einer Sport- und Ernährungstherapie kombinieren können.»Für ältere Menschen könnten somit solche Substanzen laut den Experten durchaus hilfreich sein. Denn diese Patienten weisen oftmals schon vor Beginn der Abnehmkur zu wenig Muskeln auf und sind seltener in der Lage, sich intensiv zu bewegen. Bei diesen Personen ist es wichtig, so viel Muskulatur wie möglich mit anderen Methoden zu erhalten.Das neue Interesse an den Substanzen zum Muskelerhalt könnte auch eine positive Nebenwirkung haben. Wenn Wissenschafter und Ärzte nun dank den Studien mit Abnehmspritzen mehr über die Wirkungsweise der Muskelretter erfahren, könnten die Mittel und ihr Einsatz optimiert werden. Dann helfen sie möglicherweise dereinst tatsächlich den Patienten mit einem krankhaften Muskelschwund, für die sie ursprünglich entwickelt wurden.Passend zum Artikel